Was konnten Sie für die Indigenen erreichen?
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
Sie sind Staatssekretärin für politische Angelegenheiten und Beziehungen der Präsidentschaft in der Regierung Bernardo Arévalo. Was genau machen Sie?
Es geht in erster Linie um den Dialog mit den in der Geschichte stets ausgegrenzten Schichten der Bevölkerung. Es geht darum, die Abkommen weiterzuverfolgen, die mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen getroffen wurden, und um die Umsetzung konkreter Ziele in Gesundheit, Sport oder Stromversorgung. Wir sind uns bewusst, dass wir nicht 500 Jahre Kolonialismus in einer Legislaturperiode beenden können, aber wir können den Grundstein für eine demokratischere und am Dialog orientierte politische Kultur legen. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem Dialog mit indigenen Völkern.
Vor zwei Jahren, kurz nach Amtsantritt von Arévalo, wurde mit insgesamt vier Landarbeiterorganisationen ein Abkommen zur Landfrage getroffen. Von den beteiligten Organisationen kommt die Kritik, dass bisher davon nichts umgesetzt wurde. Das Bauernkomitee des Hochlandes, kurz CCDA, schreibt, ein Abkommen ohne Ergebnisse verschärfe nur die Ungerechtigkeit.
Beim Agrarabkommen gibt es eine Arbeitsagenda mit fünf Eckpunkten. Es sollten auf Grundlage des Fideicomiso (Landfond, der seinen Ursprung in der Agrarreform von 1952 unter Jacobo Árbenz hat, jW) die Möglichkeiten genutzt werden, Land zu verteilen. Dies ließ sich aber aufgrund rechtlicher Hürden bisher nicht verwirklichen.
Was konnten Sie bisher konkret erreichen?
In den Dialogen mit den indigenen Völkern haben wir eine Agenda, in der es um Gebietsansprüche geht. Da priorisieren wir die Fälle, um zu sehen, welche wir noch in den uns verbleibenden zwei Jahren lösen können. Bei den Versammlungen von Arévalo mit den indigenen Völkern, die monatlich in einem zentralen Salon im Palacio Nacional stattfinden, geht es um verschiedene Themen wie die eigene Demokratie der indigenen Völker, Volksbefragungen vor dem Bau von Megaprojekten, der Erhalt und die Förderung indigener Sprachen. Insgesamt 40 Themen in acht strategischen Eckpunkten.
Diese Gespräche begannen bereits während des Widerstandes zur Verteidigung der Demokratie, als Arévalos Wahlsieg 2023 nicht anerkannt werden sollte. Ein wichtiges Gesetz haben wir im vergangenen Jahr angeschoben, dass bei öffentlichen Investitionen, zum Beispiel dem Bau von Gesundheitsposten oder Schulen, das Land in der Hand der indigenen Völker bleiben soll. Neben den Dialogen mit Arévalo gibt es Arbeitstreffen mit den einzelnen Ministerien. Bei all dem muss man sich erinnern, wie die Geschichte Guatemalas war.
Ich höre von indigenen Autoritäten, der Nationalpalast wurde von unseren Vorfahren in Sklavenarbeit erbaut, jahrzehntelang wurde aber den Indigenen der Zugang verwehrt. Es gab in Guatemala bisher nie einen Dialog mit den indigenen Völkern. Wenn überhaupt mit ihnen gesprochen wurde, dann wurde verlangt, dass sie sich dem westlichen System unterordnen.
Vor allem in ländlichen Regionen in Guatemala höre ich immer wieder von drei zentralen Problemen: fehlender oder unzureichender Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie das Fehlen von Arbeitsmöglichkeiten. Wie geht die Regierung hier vor?
Bisher wurden 22.000 Grundschulen renoviert und 34 Gesundheitszentren neu in Betrieb genommen, die neuen Krankenhäuser in den Departamentos Sololá und Chiquimula sind im Bau. Wir arbeiten daran, Informationen in den Gesundheitszentren neben Spanisch auch in der lokalen indigenen Sprache anzubieten, und wollen erreichen, mehr zweisprachiges Gesundheitspersonal vor Ort zu haben. 2025 führte das Gesundheitsministerium Stipendien für die Comadronas, die traditionellen Hebammen, ein. 20.000 Comadronas erhalten seit 2025 aus öffentlichen Mitteln 4.000 Quetzales (etwa 440 Euro, jW) pro Jahr.
Und in der Ökonomie?
Die wirtschaftliche Aktivierung der seit Jahrzehnten vernachlässigten ländlichen Regionen ist der schwierigste Punkt. Es gibt Fonds für Kleinkredite, die haben sich aber oft nicht als funktional erwiesen. Es gibt auch den Widerspruch zwischen einer neuen Ökonomie, dem Buen Vivir sowie der Realität, in der zum Beispiel auch von Kleinbauern, vor dem Hintergrund einer schwierigen Ernährungssituation, sehr viele Chemikalien und Pestizide eingesetzt werden.
Mónica Mazariegos Rodas ist Staatssekretärin für politische Angelegenheiten und Beziehungen der Präsidentschaft in Guatemala
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