-
5 Leserbriefe
- → Inland
Endspiel fällt aus
AfD-Bundesparteitag: »Bürgerkriegs«-Szenarien haltlos. Blockaden konnten Parteitag nicht stören. »Widersetzen«-Bündnis sieht dennoch »vollen Erfolg«
Die von verschiedenen interessierten Akteuren im Zusammenhang mit dem AfD-Parteitag beschworenen »bürgerkriegsähnlichen Zustände« sind am Wochenende nicht eingetreten. Von den angeblich avisierten 2.000 bis 2.500 »gewaltbereiten Demonstranten« war nichts zu sehen, auch nichts von den »linksautonomen Gewalttätern« aus dem Ausland. Die GSG 9, die angeblich bereitstand, um die AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla in Sicherheit zu bringen, falls »die Antifa« den Parteitag stürmt, trat nicht in Aktion. Nichts an dem Endspielszenario stimmte: Der Parteitag ging ungestört mit rund 600 Delegierten über die Bühne, Weidel und Chrupalla wurden wiedergewählt und die monatelang vorbereiteten Proteste und Blockaden blieben so friedlich wie folgenlos.
Polizeiführer Thomas Quittenbaum bedankte sich am Sonnabend bei den »vielen Versammlungsteilnehmenden«, die »ihre Grundrechte friedlich und verantwortungsvoll wahrgenommen haben«. In der Einsatzbilanz hieß es weiter, rund 31.000 Personen hätten sich an den 16 Demonstrationen und an den Protestaktionen beteiligt, davon knapp 10.000 an den Blockaden. Ein Schwerpunkt sei dabei die A 71 gewesen, die von mehreren tausend Personen blockiert worden sei. Vereinzelt sei es zu »kleineren Auseinandersetzungen« gekommen, so die Polizei. Am Sonnabend seien 48 Straftaten sowie elf Ordnungswidrigkeiten registriert worden.
Zu den wenigen Zwischenfällen zählte ein Angriff auf Reporter des rechten Portals Apollo News, die im Stadtgebiet auf Tuchfühlung mit Demonstranten gegangen waren. Sie wurden erst abgedrängt und anschließend geschubst und getreten, bis die Polizei eingriff. Das Bündnis »Widersetzen« seinerseits erklärte, die Polizei habe mehrfach ohne Grund sogenannte Schmerzgriffe gegen Demonstranten angewendet. Eine Anwältin sei von einem Beamten geschubst worden und auf den Rücken gefallen.
Obwohl die Blockaden offensichtlich ein völliger Fehlschlag waren – der Parteitag wurde nicht nur nicht verhindert, sondern begann pünktlich –, wertete das Bündnis seine Aktionen als Erfolg und sprach von den »größten Blockaden, die wir je auf die Beine gestellt haben«. Rund 50.000 Menschen seien insgesamt an den Protesten beteiligt gewesen, 17.000 davon bei den Blockaden. Teilnehmer nannten gegenüber jW allerdings durchweg deutlich niedrigere Zahlen. Die meisten AfD-Delegierten waren mit Bussen, eskortiert von der Polizei, sehr früh am Morgen zur Messe kutschiert worden. AfD-Chef Chrupalla spottete zur Begrüßung: »Der frühe Vogel fängt den Wurm.«
Bei den Blockierern gab es nach jW-Informationen auch Probleme mit der Abstimmung. So klappte die Besetzung der A71 am frühen Morgen durch den »pinken Finger« offenbar gut. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die Blockade wirkungslos war, da die Delegierten bereits auf dem Parteitagsgelände eingetroffen waren. Über drei Stunden vergingen, bevor es eine Entscheidung gab, was nun zu tun sei.
Eine Sprecherin von »Widersetzen« hielt am Sonntag bei einer Pressekonferenz dennoch daran fest, dass die 17 Blockaden ein »voller Erfolg« gewesen seien. »Die Faschisten haben sich gestern mitten in der Nacht in der Erfurter Messehalle verschanzt – aber die Stadt hat den Antifaschisten gehört«, sagte sie. Ein »überzogenes Polizeiaufgebot« und »rechtswidrige Demoverbotszonen« hätten der AfD den Weg freigemacht.
Der AfD-Parteitag verlief jedenfalls reibungslos. Es gab kaum Streit, vor den drei Wahlen im September sollte Geschlossenheit demonstriert werden. Weidel wurde von 81,3 Prozent der Delegierten im Amt bestätigt und verbesserte sich minimal im Vergleich zur Wahl vor zwei Jahren. Chrupalla schnitt dagegen mit 70 Prozent diesmal merklich schwächer ab als 2024 mit 83 Prozent. In der ARD relativierte er das am Sonnabend mit den Worten, man könne »nicht immer mit 3:0 oder 2:0 gewinnen, diesmal war es ein 2:1-Sieg«.
Ein potenzielles Streitthema räumten die Delegierten ab. Ein Antrag zur Änderung der Unvereinbarkeitsliste, den Thüringens AfD-Chef Björn Höcke unterstützt hatte, wurde inhaltlich nicht diskutiert und zurückgezogen, nachdem Weidel vorschlug, dass der neue Parteivorstand die Liste, die Mitgliedern verschiedener Organisationen die AfD-Mitgliedschaft untersagt, überarbeitet. Ein wenig Spannung boten lediglich die Wahlen. Die zweite Reihe des Bundesvorstandes wurde weitgehend ausgetauscht. Der Höcke-Vertraute Stefan Möller wurde zu einem der Vizevorsitzenden gewählt.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,5
-
Peter Tiedke aus Golzow 7. Juli 2026 um 16:00 UhrDie jW fragte am 3. Juli: »Was ist am Protest (gegen die AfD, P.T.) in Erfurt antifaschistisch?« Die Frage hätte auch, bezogen auf den »Hauptfeind«-Beitrag (Interview mit Noa Sanders), lauten können: Warum ist die AfD »im Kern« faschistisch? Beides gute Fragen. Sie werden nicht beantwortet, sondern mit viel Rhetorik umgangen. Das hat (leider) Methode bei vielen, die sich der Linken zurechnen. Theoretisch ließe sich trefflich streiten, wo bei den staatstragenden Parteien (zu denen ich alle im Bundestag vertretenen Parteien entsprechend ihrer konkreten, praktischen Politik zählen muss) die Grenze zu ziehen wäre. Praktisch-politisch muss ich feststellen, dass bei der Vorbereitung des dritten Weltkrieges durch die deutsche Hochrüstung und die massiven Einschränkungen der Grundrechte bereits in »Friedenszeiten« einerseits und ideologisch durch die unerträgliche rassistische Hetze gegen alles Russische anderseits die Grenzen fließend sind, sich selbst Die Linke dieser Vorbereitung einer faschistischen Diktatur nur halbherzig entgegenstellt. Statt konsequentem Widerstand gegen die reale Gefahr konzentriert man sich zusammen mit den diese Gefahr darstellenden Regierenden auf die Bekämpfung der AfD. Das muss man dem Gegner lassen: eine massenwirksame, gelungene Ablenkung, um eine Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, kriegerischsten Teile der Monopolbourgeoisie erst zu ermöglichen … Richtig: Dieser Hauptfeind steht im eigenen Land, aber er ist bereits an den Schalthebeln der Macht! Mit ihm kann man den Faschismus nicht bekämpfen, nur gegen ihn. Zwei Zusätze: Den ersten zur »Remigration«, dem »faschistischsten« Merkmal der AfD: Wo bleibt der Vorwurf des Faschismus gegen alle, die jetzt die vor dem Krieg geflüchteten Ukrainer zwangsweise zu Selenski zurückschicken wollen? Und zweitens (falls jW im »Zitat des Tages« korrekt zitierte): Es irritierte mich schon, dass Wehrpflicht- und Kriegstüchtigkeitsminister Pistorius bei der eigenen Kriegstüchtigkeit zunächst ans Fressen denkt …
-
Stanislav Sedlacik aus Weimar 7. Juli 2026 um 14:57 UhrHerr Höcke sagte in seiner Auftaktrede: »Vor der Halle stehen die Verlierer, in der Halle sind die Gewinner!« Es stimmt: In der Halle sind die Gewinner. Doch die Mehrheit der AfD-Wähler werden zu den Verlierern, wenn Frau Weidel Bundeskanzlerin wird! Sie sagte in einem Interview mit dem TV-Sender Phoenix in der Halle: »Wir sind eine konservative, liberale und freiheitliche Partei.« Bis heute präsentiert sich die AfD mal als bürgerlich und konservativ, mal als Protestpartei, mal als Vertreterin des Mittelstands, mal offen nationalistisch, mal als Stimme der »kleinen Leute« und mal als Tabubrecherin. Vielen Menschen fällt es deshalb schwer, eine eindeutige Haltung zur AfD einzunehmen. Was bedeutet es, eine konservative Partei zu sein? Konservative Parteien setzen sich grundsätzlich für die Bewahrung bestehender gesellschaftlicher Ordnungen und Traditionen sowie für den Schutz von Eigentum, Familie und nationaler Sicherheit ein. Sie begegnen gesellschaftlichen Veränderungen häufig mit Vorsicht oder Skepsis und betonen Eigenverantwortung, Marktwirtschaft sowie einen starken Rechtsstaat. Die politischen Schwerpunkte der AfD liegen jedoch vor allem im Nationalkonservatismus, Rechtspopulismus und einer identitätspolitischen Ausrichtung. Das ist ein Widersprüche zu klassischen liberalen Grundsätzen wie dem Schutz von Minderheiten, Weltoffenheit und individueller Freiheit.
Jeder Mensch hat das Recht, sich frei zu entfalten und sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Gleichzeitig vertritt die AfD das traditionelle Leitbild der Kernfamilie (Vater, Mutter, Kind) und lehnt alternative Familienmodelle ab.
Interessant, dass Frau Weidel selbst nicht diesem traditionellen Familienleitbild der AfD entspricht. »Wir arbeiten an einem neuen Grundsatzprogramm«, sagte Frau Weidel. Aktuell steht jedoch das Regierungsprogramm der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Mittelpunkt. Dort wurde Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf dem Parteitag als zukünftiger Ministerpräsident gefeiert. Haben die Wähler dieses Regierungsprogramm bereits gelesen? Die AfD fordert einen weitreichenden Umbau von Familie, Bildung und Verwaltung. Teile dieser Vorhaben gelten jedoch als verfassungsrechtlich umstritten. Nach Einschätzung des Instituts Infratest dimap punktet die AfD nicht nur beim Thema Migration. Auch in den Bereichen Wirtschaft und Energieversorgung trauen viele Wählerinnen und Wähler der Partei Lösungen zu. Die Wirtschaftspolitik der AfD setzt auf eine weitgehende Deregulierung, Steuersenkungen, die Abschaffung von Klimaschutzvorgaben sowie einen Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union. Ein Austritt aus dem Euro und die Wiedereinführung der D-Mark könnten die exportorientierte deutsche Wirtschaft und damit zahlreiche Arbeitsplätze gefährden. Die Europäische Union ist mit einem Anteil von rund 54 Prozent der deutschen Warenausfuhren der wichtigste Absatzmarkt Deutschlands.
Auch die Energiepolitik der AfD setzt auf fossile Energieträger und Kernkraft anstelle erneuerbarer Energien. Aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht sind erneuerbare Energien jedoch längst zu einem wichtigen Bestandteil der Energieversorgung geworden. Ihr Anteil am Bruttostromverbrauch in Deutschland lag 2025 bei 55,8 Prozent. Die wichtigsten Quellen sind dabei Wind- und Solarenergie. Ein Beispiel dafür ist Saudi-Arabien. Das Land baut seine Kapazitäten für erneuerbare Energien derzeit in hohem Tempo aus, um den steigenden Strombedarf zu decken und seine Wirtschaft zu diversifizieren (Risiken zu streuen und Vielfalt zu schaffen). Die »Vision 2030« sieht vor, künftig die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Wenn man enttäuscht worden ist, dann hat man sich zuvor getäuscht. Oder, mit Goethe gesagt: »Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.« -
Klaus Weber aus Neuried bei München 7. Juli 2026 um 14:35 UhrDie Studie der Gesellschaft für Freiheitsrechte zur AfD stellt fest, dass eine »NS-Wesensverwandtschaft« nicht »nachzuweisen« ist. Und: Das Gutachten enthalte »keine Belege dafür, dass die AfD auch deutsche Staatsbürger ›remigrieren‹ wolle«. Es scheint so, als hätten die bezahlten Wissenschaftler weder Björn Höckes Interviewband aus 2019 noch die Studien zu Höcke (Höcke I: deutsche Arbeit & preußischer Staat; Höcke II: deutsche Selbstveredelung und männliche Führung) aus dem Argument Verlag von W. Veiglhuber und mir gelesen.
Ad 1) Höcke will emanzipierte Deutsche, die sich gegen die Remigration wehren, der Vernichtung preisgeben. Wie sonst ist es zu verstehen, wenn er sagt, bei der Remigration werden wir »leider ein paar Volksteile verlieren, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung« etc. »zu widersetzen«. Und: »Freund ist, wer den Interessen der Nation dient, Feind ist, wer diesen entgegensteht.« Der NS-Jurist und Judenhasser Carl Schmitt steht Höcke bei diesem Zitat Pate. Vernichtung klingt auch an, wenn sein Interviewpartner (Hegel aus dem Zusammenhang reißend) sagt: »Brandige Glieder können nicht mit Lavendelwasser kuriert werden« und Höcke das auch noch unterstützt, wenn er ergänzt, dass »aller Voraussicht nach Maßnahmen zu ergreifen seien, die« unserem »moralischen Empfinden zuwider laufen«.
Ad 2) In meinem Buch-Aufsatz "Der deutsche ›Wahn‹ erzeugt Vernichtung – von Hitler zu Höcke und zurück« wird detailgetreu nachgewiesen, wo es ideologische Übereinstimmungen zwischen den beiden gibt. Das betrifft die Konstruktion von »Volk & Gegenvolk«, das »Staats- und Nationverständnis«, die Themen »Krieg & Kampf, Opfer & Tod«, »Führer & Gefolgschaft« sowie »Staat & Kapital«.
Wer noch Zweifel an der gewaltförmigen und NS-grundierten Politik des inzwischen zur Mehrheit gewordenen Höcke-Flügels hat, dem sei das Zitat, das ein AfD‑Bezirksratskollege aus Bayern auf seiner Facebook-Seite stehen hatte, empfohlen. Dort hieß es nach der Ermordung des CDU-Politikers Lübcke in Hessen, jetzt habe »es den Richtigen erwischt. Kein Mitleid.« -
»Blockaden konnten Parteitag nicht stören (…) Der Parteitag ging ungestört mit rund 600 Delegierten über die Bühne (…) die monatelang vorbereiteten Proteste und Blockaden blieben so friedlich wie folgenlos (…) die Blockaden [waren] offensichtlich ein völliger Fehlschlag – der Parteitag wurde nicht nur nicht verhindert, sondern begann pünktlich – (…) Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die Blockade wirkungslos war (…) Der AfD-Parteitag verlief jedenfalls reibungslos.« In der jW-Medienschau vom 07.07.2026 wird der rechte Podcaster Berndt zitiert: »Ein Quoten-AfDler in jeder Redaktion würde dem Journalismus guttun.« Darauf der Autor (as): »Der Mann hat nicht mitbekommen: Sein Wunsch wurde längst erfüllt. AfD-Quote auf allen [!] Kanälen.« Wie wahr!
-
Frank Lukaszewski aus Oberhausen 6. Juli 2026 um 00:10 UhrFrau Weidel spricht ja von Neuwahlen. Danach folgt Remigration. Ich packe schon. Mit meinem Namen... Fernere Familienangehörige nutzten in weiser Voraussicht bereits weit früher Optionen, mittels Heirat ihre Herkunft zu vertuschen. Wird das helfen? Ach so: Erhält Timo Chupralla die Möglichkeit, zwei Koffer zu nutzen?
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
