Alles geht den Bach runter
»Erzähl mir alles«, der neue Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout
Das ist die Geschichte von Bob Burgess, der in der Stadt Crosby im Bundesstaat Maine lebt, ein großer, schwerfälliger Mann, und zu der Zeit, um die es geht, ist er fünfundsechzig Jahre alt.« So beginnt der Roman »Erzähl mir alles« der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout. Eine mächtige Untertreibung, denn Strout erzählt von weit mehr – nämlich von einer ganzen Reihe von Menschen und Schicksalen, zumeist in Crosby, aber auch in New York, wohin einige Protagonisten familiäre und andere Beziehungen unterhalten. An Bobs Seite sind Ehefrau Margret, eine Pfarrerin, und – als gute Freunde – der Naturwissenschaftler William und seine Frau Lucy, eine Schriftstellerin, die den Strout-Lesern bereits aus anderen Romanen (etwa »Alles ist möglich«, 2018; »Am Meer«, 2024) vertraut ist. In diese Geschichten, die von Freundschaft, Liebe und Verrat, aber auch von schwer traumatisierten Menschen handeln, hat die Autorin noch einen Subtext hineingeschrieben, der auf die dramatischen politischen Veränderungen in den USA seit den Coronajahren verweist – ohne dass der Name des Despoten dabei überhaupt eine Erwähnung wert wäre. Selbst im beschaulichen, weitestgehend sogar behaglichen Crosby nehmen die Protagonisten die fürchterlichen Umbrüche in der Gesellschaft wahr. Bob z. B. meint: »Denke ich das nur, weil ich jetzt alt bin, oder geht wirklich alles den Bach runter?« Und irgendwann heißt es: »Und so wurde der Riss, der durch das Land ging, immer tiefer.«
Dennoch hält die Schriftstellerin Strout beharrlich daran fest, dass es in der Literatur und insbesondere beim Erzählen darum geht, über Geschichten Geschichten zu erzählen. Das heißt, dass insbesondere ihre Protagonistin Lucy, sicherlich so etwas wie das Alter ego von Strout, den Menschen – durchschnittlichen Alltagsmenschen, könnte man sie nennen – zuhört und deren (Lebens-)Geschichten dann aufschreibt. Auch wenn sich im Hintergrund die persönlichen Katastrophen zu häufen scheinen: Keine Ehe oder Beziehung ist stabil; einige Protagonisten sind durch sexuelle Übergriffe, die sie in der Kindheit erleiden mussten, schwer belastet; eine alte Rentnerin verschwindet spurlos über Nacht in einem vermeintlich geklauten Auto.
Es handelt sich zugleich um ein tief humanistisches Buch, das auf US-amerikanische Werte vertraut, die dieses Land in vorsintflutlicher Zeit durchaus groß gemacht hatten: Kommunikation und Partizipation, nicht zuletzt so etwas wie Subsidiarität, die hier vor allem kontrafaktisch in intakten (Kirchen-)Gemeinden gepflegt wird. Und wirklich grandios zieht sich durch die ganze Romanhandlung hindurch die bloß angedeutete, an keiner Stelle explizierte Liebesgeschichte zwischen den beiden, ihren 60. Geburtstag längst überschritten habenden Protagonisten Lucy und Bob.
Nur ihrer steinalten Freundin Olive erzählt die Schriftstellerin auf den letzten Seiten des Romans von »ihrer Liebesaffäre mit Bob Burgess, die nie eine gewesen war«. Und zum Weinen gebracht hatte sie beide die Stelle, als Lucy Bob mit seinem verunglückten Haarschnitt gesehen und ihn bei dem Anblick noch mehr geliebt hatte. »Ich hätte ihn in den Arm nehmen und ihm sagen wollen: ›Bob! Du bist und bleibst du.‹ Aber im selben Moment wusste ich instinktiv: ›Du und ich werden niemals miteinander durchbrennen, eben weil du Bob bist.‹«
→ Elizabeth Strout: Erzähl mir alles. Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Roth. Luchterhand-Verlag, München 2026, 400 Seiten, 25 Euro
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