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Architekturgeschichte

»Die Stadt wurde zu einer riesigen Baustelle«

Über das architektonische Erbe der Sowjetunion in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Ein Gespräch mit Fotima Abdurakhmanova

Foto: IMAGO
Symbol des Wiederaufbaus: Das 1974 fertiggestellte »Hotel Uzbekistan« in Taschkent

In Ihrem Architekturführer »Tashkent/Toshkent. Art for Architecture« dokumentieren Sie die urbane Vielfalt der usbekischen Hauptstadt. Was fasziniert sie an ihr?

Taschkent ist die größte Metropole Zentralasiens, ein lebendiger, sich entwickelnder Organismus und in keinster Weise eine Museumsstadt, die in der Zeit erstarrt ist. Hier trifft das Erbe der alten Seidenstraße auf die sowjetische Moderne. Es gibt hier also breite Alleen, moderne Architektur, wie den »Palast der Völkerfreundschaft« und das Hotel Usbekistan von 1974, aber auch Kunstwerke im öffentlichen Raum und faszinierende Mosaike, die die Tradition der Basare wiederaufnehmen, und die typisch sowjetisch-usbekischen Mahalla-Höfe. Das sind gemeinschaftlich organisierte Wohnviertel mit Innenhöfen, die ein starkes Gefühl von Zusammenhalt vermitteln.

Am 26. April 1966 zerstörte ein großes Erdbeben die Stadt. Hunderttausend Menschen wurden obdachlos. Die Sowjetunion begann daraufhin eines ihrer größten städtebaulichen Experimente. Wie genau sah das aus?

Die Stadt wurde zu einer riesigen Baustelle. In nur wenigen Jahren ließen führende Architekten und Ingenieure neue Wohnhaustypen, öffentliche Gebäude und Kulturzentren entstehen, die mit Mosaiken, Reliefs und großflächigen Tafeln verziert wurden. Es wurde eine Bauinfrastruktur entwickelt, die an die Erdbebengefahr und das heiße Klima angepasst war. Heute werden die strengen Normen für den Bau in seismischen Zonen nachgebessert, Hochhäuser über neun Stockwerke und öffentliche Gebäude mit aktiven seismischen Schutzeinrichtungen, wie Dämpfern, ausgestattet.

Welche Rolle spielten dabei die Mosaikfassaden?

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Sie beweisen, dass Kunst sehr wohl im industriellen Bauwesen ihren Platz finden kann. Mit den rasch aufgebauten, standardisierten Fertigteilhäusern drohte die Stadt eintönig und gesichtslos zu werden. Daher suchten Architekten und Stadtplaner nach Möglichkeiten, die Kunst direkt in den Massenwohnungsbau zu integrieren. 1968 wurden die Jarsky-Brüder in Wohnungsbauunternehmen und Stahlbetonwerken angestellt. Pjotr, Nikolai und Alexander Jarsky waren professionelle Künstler, die an den Akademien in Leningrad und Kasan studiert hatten und in der Lage waren, im städtischen Maßstab zu arbeiten. Sie kamen auf die Idee, die Standardpaneele mit Mosaiken zu gestalten. Pjotr Jarski war es, der die Architekturbüros überzeugte, dass Dekoration kein Überfluss, sondern ein integraler Bestandteil der Architektur und der kulturellen Gestaltung des urbanen Raums ist.

Wieso ausgerechnet Mosaike?

Mosaike sind widerstandsfähig gegen das lokale Klima, können in Serie produziert werden, wobei Variationen möglich sind, und sie prägen so die usbekisch-sowjetische Ästhetik. Das bekannteste Beispiel ist der Chorsu-Basar der Architekten Wladimir Asimow und Sabir Odilow von 1982. Die monumentale Kuppel, mit Keramikfliesen und Mustern in Blau- und Grüntönen verkleidet, prägt die Silhouette der Stadt und erinnert an die orientalische Ornamentik.

Nicht nur die Wohngebäude, sondern auch die Metro Taschkent ist kunstvoll gestaltet …

Die Metro sollte ein repräsentativer öffentlicher Raum werden, an dem sich die Menschen gemeinsam wohlfühlen. Nationale Traditionen und lokale Materialien wie Keramikfliesen, Majolika mit nationalem Ornament, Marmor, Granit, Buntglas und Smalte prägen die Stationen. Von Keramikwandverkleidungen bis hin zu komplexen Florentiner Mosaiken aus Naturstein hat jede einzelne ihre eigene Bildsprache.

Wie hat sich die Architektur Taschkents seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert?

Die sowjetische Stadt war ein einheitliches, staatlich geplantes System, das auf kollektiven Idealen und einer einzigen ideologischen Erzählung basierte. Die Unabhängigkeit Usbekistans 1991 brachte diese Struktur zum Einsturz. Der Staat war nicht länger der alleinige Gestalter der Stadt. Privates Kapital, religiöse Institutionen und individuelle Ambitionen hielten Einzug und verwandelten das Stadtbild rasant. Kohärenz wich Pluralität. Uniformität wurde durch Kontrast ersetzt. Während der sowjetische Modernismus Funktion, Rationalität und das kollektive Subjekt betonte, wandte sich die Architektur zunehmend der Repräsentation zu. Gebäude begannen, in der Sprache der Symbole zu sprechen – Status, Erbe und nationale Identität –, oft durch dekorativen Überfluss oder historische Zitate. Zunächst wurde das sowjetische Architekturerbe als entbehrlich betrachtet. Doch mittlerweile werden die modernistischen Gebäude und monumentalen Kunstwerke nicht mehr als ideologischer Schutt gesehen, sondern als Zeugen einer prägenden Geschichte. Ende März 2024 wurden 161 Mosaiktafeln an usbekischen Gebäuden teilweise als Kulturerbe anerkannt. Im Juli 2026 hat die UNESCO die »modernistische Architektur von Taschkent« auf die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Fotima Abdurakhmanova: Tashkent/Toshkent. Art for Architecture. Monumental art since 1953. Mit Beiträgen von Dmitrij Chmelnizki, Rustam Khusanov und Philipp Meuser. DOM Publishers, Berlin 2025, 394 Seiten, 48 Euro

→ Fotima Abdurakhmanova, 1968 in Taschkent geboren, erforscht seit Jahren Architektur- und Kunstgeschichte ihrer Heimatstadt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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