Alles ist wahr
Vor 25 Jahren erschien das beste deutsche Album der vergangenen 25 Jahre: »Zweilicht« von Kante
Es ist ihr zweites Album. An das erste erinnert sich keiner (ist ohne Worte, ohne Bilder). Beim zweiten Album kommt alles zusammen. Als wäre es immer schon dagewesen. Als könnte es anders nicht sein. Es kann anders nicht sein. Anders wäre falsch. Und so, genau so, ist alles richtig, ist alles wahr, ist alles schön.
Was denn genau? Die Musik von Kante aus Hamburg. Da ist Jazz, da ist der Reggae von Count Ossie, da ist irgendein Prog-Rock, da ist ein Kammerorchester, da ist sehr vieles – und alles geht zusammen und wirkt, als müsse es zusammengehen, nein, es wirkt, als wäre es immer zusammen gewesen, als sei es nicht ausgedacht, nicht montiert. Als müsse es einfach so sein und tief nur aus sich heraus leuchten (kein Stecker, keine Batterie, kein Solarpaneel). Als müsse es einfach verwickelt sein und verwickelt einfach schön sein.
Die Bilder. Die Pastelle von Ruth May. Vieles ist sehr genau zu sehen, und einiges ist zu ahnen, und manches fehlt: Was ist und was sein wird und was sein könnte. Die Fortsetzung des Bekannten muss nicht das Bekannte sein. Alles geht auch ganz anders, vergiss es nicht. Die Menschen, Sachen, die wir kennen – stellt man sie um, dann sind es nicht mehr dieselben Sachen, Menschen, bloß in anderer Ordnung; dann fällt die ganze Ordnung, dann ist alles neu und ist alles offen, und wir selbst können es neu machen.
Die Sprache. Die Texte von Peter Thiessen. Unvermittelt, als bräuchte es gar keine Vermittlung, stoßen sie vor. Ohne Zwischenstufen, in einfachen Worten, kurzen Äußerungen, bewegen sich die Sätze ohne halbe, ohne wägbare Wahrscheinlichkeiten vom banalen, nicht ganz greifbar Traurigen in ein gar nicht greifbares, aber unheimliches Glück. »Nacht für Nacht und Tag für Tag / im toten Raum in den Löchern der Zeit / bist du wie Blüten in der Wirtschaft / kommst wie ein Traum hereingeschneit / Du bist ein Schatten in der Nacht / und wie Weiß auf dem Papier / niemand rechnet mit dir.«
Sprache, Bilder, Musik gehen zusammen wie Töne zusammengehen, wie eine Band zusammengeht, und wir sehen, spüren, hören, ein Zusammenspiel, eine Gruppe ist nicht gleich viele Solisten in Addition, ist mehr als die Summe der Körper, Köpfe, und wie ein Klangkörper die einzelnen in sich aufhebt und weit über sie hinausgeht, so hebt augenblicklich ein Kollektiv die traurige Gegenwart auf, und in den Lichtblitzen des Stroboskops scheint eine Welt und Wirklichkeit auf, die ist so ganz anders: »Wir sind unterwegs / unterwegs zur Musik / bis an die Grenzen / unserer Physik / Wir bringen sie zum Klingen / sie bringt uns durcheinander / wir verstehn sie so wenig / wie wir uns untereinander / denn in manchen Momenten / ist sie für eine Weile / mehr als die Summe / der einzelnen Teile.«
Die mögliche Summe der Kunst. Die Summe der künstlichen Möglichkeiten. Das, was ist, ist falsch und Natur (unsere, andere) ist falsch. Die Kunst, die Schönheit, womit will sie uns erfreuen, was will sie uns zeigen? Die Möglichkeiten, die weite Welt von all dem vielen, vielen, was ganz anders ist, als das, was uns umgibt und drückt.
Kante: »Zweilicht« das sind Sprache, Bilder, Musik perfekt in eins gerollt – eine Kegelkugel, die die Kegel, die uns Sicht und Weg versperren, abräumt, auf einen Schlag, so, als hätte es sie nie gegeben. »Wir leben von einem Glauben / der unserer Gegenwart / vorauseilt.«
→ Kante: »Zweilicht« (Kantemusik)
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