Gegründet 1947 Freitag, 27. Februar 2026, Nr. 49
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.01.2026, Seite 12 / Thema
Literatur

Die Feder seiner Klasse

Vom Arbeiter und Abenteurer zum berühmten Schriftsteller. Vor 150 Jahren wurde Jack London geboren
Von Ingar Solty
12-13.jpg
Jack London war kein Stubengelehrter. Den Schriftsteller zog es selbst immer wieder in die Wildnis, über die er in seinen Romanen schrieb (1914)

Jedes westdeutsche Fernsehkind, das in der Zeit der ZDF-Adventsvierteiler (1964–1983) groß geworden ist, kennt Jack London, den Schriftsteller so berühmter Abenteuergeschichten wie »Der Seewolf«, »Der Ruf der Wildnis«, »Lockruf des Goldes« und »Joe unter den Piraten«. Auch in der DDR waren die Erzählungen des US-Autors omnipräsent. Wer hat nicht mit »Weißzahn« beziehungsweise »Wolfsblut« gelitten, als der böse Beauty Smith den unverkäuflichen Halbwolf seinem indigenen Besitzer abluchst, indem er diesen erst von Whisky abhängig macht und das Tier dann in Hundekämpfen einsetzt?

Jack London war ein literarischer Autodidakt. Aber er verstand sein Handwerk, und sein Leben verlief so abenteuerlich wie die Geschichten, die er erzählte – Storys, deren realistische Grundbausteine er aus dem Leben, vor allem dem seiner Klasse, griff. In seinem großen Zukunftsroman »Die eiserne Ferse« von 1908 lässt London den Revolutionär Ernest Everhard eine ganze Gruppe von philisterhaften bürgerlichen Intellektuellen argumentativ demontieren: »Sie sind Metaphysiker. (…) Jeder einzelne von Ihnen wohnt in einem Weltall seiner eigenen Schöpfung, das aus seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen geschaffen ist. Die wirkliche Welt, in der Sie leben, kennen Sie nicht.« Vor allem von der Welt der Arbeiterklasse wüssten sie nichts: »Aber daraus kann man Ihnen keinen Vorwurf machen. Wie sollten Sie denn etwas von der arbeitenden Klasse wissen? Sie leben nicht in der Gegend der arbeitenden Klasse. Sie hausen mit der Kapitalistenklasse in einer anderen Gegend. Und warum auch nicht? Die Kapitalistenklasse bezahlt Sie, ernährt Sie und hängt Ihnen sogar die Kleider auf den Rücken, die Sie heute abend tragen. Und zum Dank dafür predigen Sie für Ihre Brotherren die Sorte Metaphysik, die ihnen besonders willkommen ist, und die besonders willkommene Sorte ist erwünscht, weil sie die eingeführte Gesellschaftsordnung nicht bedroht.«

Der Mann, der diese Worte schrieb, wusste, wovon er sprach. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade 32 Jahre alt, aber hinter ihm lagen bereits mehr als zwei Jahrzehnte schwerster körperlicher Arbeit.

Leben eines Habenichts

Am 12. Januar 1876 wurde Jack London als John Griffith Chaney in San Francisco geboren. Nicht nur sein Lebenslauf, schon seine Geburt grenzte an ein Wunder. Der Vater verließ seine schwangere Frau Flora Wellman, weil er meinte, »für eine Familie nicht geeignet« zu sein. Flora nahm eine Überdosis Morphium, wurde vom Arzt gerettet, und versuchte anschließend, sich in den Kopf zu schießen. Aber sowohl die Mutter als auch ihr ungeborenes Kind überlebten. Noch im September 1876 heiratete sie den Witwer John London.

Die Familie fristete ein hartes Arbeiterdasein, voller körperlicher Anstrengungen und herber Enttäuschungen. Ein Versuch, sich in der Landwirtschaft zu etablieren, scheiterte 1884 mit der Pleite. Er sei, schrieb Jack London später, »frühzeitig bekannt« geworden »mit der Zinsenlast, und ich quälte mein kindliches Gehirn ab, wer wohl die merkwürdige Erfindung des Zinseszinses gemacht hätte«. 1885 übersiedelte die Familie ins Armenviertel von Oakland. Die Familie schuftete und schuftete: die Mutter verkaufte Patentartikel gegen Provision, der Vater war Lastenträger, Kistenöffner, Fuhrknecht. Aber trotz der harten Arbeit kam die Familie auf keinen grünen Zweig: Knapp zwei Jahre schlug sie sich »in einer Bretterbude recht und schlecht durch«.

In seiner autobiographischen Schrift »John Barleycorn« (1913) erinnerte sich London: »Ich war arm gewesen, hatte das Leben eines Habenichts geführt, gelegentlich hungern müssen, nie wie andere Kinder Spielsachen gehabt. Der Druck der Armut war chronisch gewesen. Nur wer den Hunger kennt, weiß ein sättigendes Essen richtig zu schätzen; nur ein Kind mit der Vorstellungskraft eines Kindes erfasst die Bedeutung der Dinge, die ihm lange vorenthalten wurden. Ich erkannte sehr früh, dass ich einzig und allein das haben konnte, was ich mir selbst verschaffte.« Ein grenzenloser Wille wurde aus der Armut geboren. Entsprechend fühlte sich London eine Zeitlang auch in der Übermensch-Philosophie Friedrich Nietzsches aufgehoben. Dank der Stiefschwester Eliza entdeckte der junge Jack 1885 die »Volksbücherei«, bekam einen »Leserappel«. Er las, soviel er konnte, »vorzugsweise Geschichtliches, Abenteuer«, die ihn beflügelten.

Oft verschlug es den Zehnjährigen mit seinem Vater in einen Saloon – auch weil ein Arbeitsunfall des Vaters ihn zum Mitverdienen zwingt: Er wird Zeitungsjunge. Sein Tagesablauf war fortan monoton: Wachgerütteltwerden um drei Uhr morgens, Zeitungen austragen, völlig übermüdet die Schulbank drücken, nach der Schule die Abendausgabe verkaufen. Später erinnerte er sich: »Mit zehn war ich also draußen, hatte keine Zeit zu lesen, lernte Draufgängertum und Bluff. Ich hatte Phantasie und interessierte mich für alles, was mich lebenstüchtig machte. Nicht zuletzt wurde meine Neugier durch die Saloons erregt. Hier war mehr als grauer Alltag, in dem nichts passierte.«

1889, nach drei Jahren Schullaufbahn, ging London von der Volksschule ab. Er wurde Hilfsarbeiter in einer Konservenfabrik. Durch harte Arbeit und individuelle Klugheit den Sozialaufstieg anzustreben, war der natürliche Impuls des willensstarken Arbeiterkinds. Viele Jahre später, in »Was das Leben ihm gab« (1905), reflektierte Jack London: »Ich stamme aus der Arbeiterschicht. Frühzeitig entwickelten sich in mir Begeisterung, Ehrgeiz und Ideale, und wie ich sie erfüllen könnte, damit beschäftigten sich die Gedanken meiner Kindheit. Meine Umgebung war ungebildet, roh, hart. Ich konnte nicht weit um mich sehen, nur über mich hinauf. Mein Platz in der Gesellschaft war tief unten, wo nichts als Schmutz und Elend war, wo Körper und Geist ausgehungert und zerquält wurden. Und über mir türmte sich das ungeheure Gebäude der Gesellschaft auf, und zu diesem Gebäude wollte ich emporklimmen. Über mir sah ich Männer in schwarzen Anzügen und gewaschenen Hemden und Frauen in schönen Gesellschaftskleidern. Da gab es auch viel Gutes zu essen und in reichlicher Menge. Und dort gab es auch Nahrung für die Seele.« Die kulturreiche Welt der Reichen und Schönen aber ist eine Illusion: Der Weg in sie hinein und das Gewahrwerden des großen Irrtums stehen im Zentrum des autobiographischen Romans »Martin Eden«, der 1909 erschien und zu Londons Meisterwerken gehört.

»Prinz der Austernbänke«

Der Weg nach oben, der für die große Mehrheit eine Sackgasse bleiben musste, war für London lang und steinig. Der 14jährige musste bei einem Stundenlohn von zehn Cent elend lange arbeiten: »Der kürzeste Arbeitstag, den ich je hatte, war zehn Stunden lang«; »gelegentlich arbeitete ich achtzehn und zwanzig Stunden durchgehend. Einmal stand ich sechsunddreißig Stunden an der Maschine.« Die wenigen Minuten, die nicht von völliger Erschöpfung und traumlosen Nächten überschwemmt wurden, füllte er mit Lektüre.

Doch das eigene Arbeitsvermögen und die Härte gegen sich selbst erfüllten London mit Stolz: »Zu den Dingen, die er gelernt hatte, gehörte Disziplin«, heißt es in »Martin Eden«. Noch glaubte London an den »amerikanischen Traum«, der dem Tellerwäscher verspricht, es durch harte Arbeit zum Millionär schaffen zu können. Erst später reflektierte er diese Zeit kritisch und sprach von einer »vertrauten Lage des Arbeitstiers«, das »länger schuftete als ein Pferd und kaum weiter dachte als ein Pferd«. Ganz vergessen habe er, an »die große Klippe zu denken, an der die Arbeiter in der ganzen Welt gewöhnlich scheitern, nämlich an die Krankheit«.

Schon beim Zeitungsverkauf träumte der Knabe sich auf die Schiffe der Reichen und in die weite Welt, die er aus den Büchern kannte. 1891 kaufte er schließlich mit Geld, das er sich von seiner schwarzen Amme Virginia Prentiss geliehen hatte, ein Schiff. Mit der »Razzle Dazzle«, die er von einem Austernpiraten übernahm, lernte er das Segeln und begann selbst »Austernsiedlungen« zu plündern. Dergestalt verdiente sich der Abenteurer London den Titel »Prinz der Austernbänke«. »Ich war stolz. Ich hatte gezeigt, dass ich den Besten ebenbürtig war. Unter starken Männern hatte ich mich als stark erwiesen.«

Doch das Arbeiter- und Abenteuererleben war alkoholgetränkt. Später klagte London in »John Barleycorn« den ständigen Alkoholmissbrauch in dieser Zeit an: »Diese prächtigen Burschen sind es, die seine Beute werden – Kerle mit Feuer und Unternehmungsgeist, die Größe haben und Wärme und die besten der menschlichen Schwächen. John Barleycorn (im Englischen ein spöttischer Name für Alkohol, jW) löscht das Feuer, lähmt ihre Behendigkeit, und wenn er sie nicht auf der Stelle tötet oder Narren aus ihnen macht, dann verstümmelt und verdirbt er sie, verdreht und missbildet die ursprüngliche Güte und Schönheit ihrer Naturen.« Als 1911 in Kalifornien eine Volksabstimmung über das Wahlrecht für Frauen stattfand, stimmte London auch darum enthusiastisch dafür, weil er sich erhoffte, dass mit ihren Stimmen ein Alkoholverbot durchgesetzt wird.

Sein Piratenleben verarbeitete London elf Jahre später in seinem Debütroman »Die Kreuzfahrt der ›Dazzler‹«, in dem Joe Bronson, ein Schulversager und Kind aus reichem Elternhaus, unter die Piraten gerät, die von »Frisco Kid« angeführt werden. Der Roman ist eine Mischung aus Erlebtem, Selbststilisierung und literarischem Experiment. Aber schon der 16jährige London hatte Zweifel an diesem Leben, sah sich und seine Gefährten auf der »Todesstraße«. Nachdem er beinahe im Meer ertrunken war, mied er die Stammkneipe, wo die Kumpane den Erlös ihrer Beute versoffen, und schloss sich lieber in seiner Kajüte ein, um zu lesen, unter anderem Kipling, Melville, Zolas »Germinal« und Shaws »Der Amateursozialist«. Eines Nachts wurden London und seine Kumpane auf frischer Tat ertappt und vor die Wahl gestellt: Knast oder Wechsel auf die andere Seite der Macht. London wählte letzteres und wurde »Patrouillenführer der Fischereistreife«.

Vom Kapital getäuscht

Acht Tage nach seinem 17. Geburtstag heuerte London als Vollmatrose auf dem Dreimaster »Sophie Sutherland« an und betätigte sich als Robbenfänger bei den japanischen Bonin-Inseln. Als er zurückkehrte, fühlte er sich in seiner Entscheidung bestätigt: Etliche seiner früheren Mitstreiter waren bereits tot – ertrunken oder von der Polizei erschossen –, untergetaucht oder in sehr vielen Fällen hinter Gittern.

Jetzt strebte London an, seine Abenteuer literarisch zu verarbeiten. Das kulturvolle Leben der oberen Klassen zog ihn an: »Hier war geistiges Leben, dachte er, hier war Schönheit, so warm und wundervoll, wie er es nie erträumt hatte«, heißt es in »Martin Eden«. Aber der »stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse« forderte Tribut. Sein Leben blieb von harter und abstumpfender körperlicher Arbeit gekennzeichnet. Im August nach Oakland zurückgekehrt, schuftete er zehn Stunden täglich in einer Jutefabrik, wieder für nur zehn Cent die Stunde – denn es herrschte die Wirtschaftskrise von 1893.

Es gelang London jedoch, für seine Erzählung »Typhoon off the Coast of Japan«, die von einem Sturm erzählt, bei dem er selbst als Steuermann »mit Ruhe und Geschicklichkeit das Schiff durch die tobende See« steuerte und sich dabei »am Triumph des Menschen über die Tücken und Gefahren der Natur« berauschte, den ersten Preis in einem Literaturwettbewerb des San Francisco Chronicle zu gewinnen. Leben konnte er vom Preisgeld von 25 US-Dollar natürlich nicht lange.

Er quittierte seinen Job in der Jutefabrik und wollte Facharbeiter werden, doch 1894 arbeitete London noch als Heizer und Kohlenschlepper im Kraftwerk der Oakland-Straßenbahn. Angetrieben durch den Direktor und die Traumvorstellung, eines Tages dessen Tochter zu heiraten, schaffte er »zwölf bis dreizehn Stunden am Tag« und leistete »die Arbeit von zwei Männern«. Dann erfuhr er, dass das Aufstiegsversprechen des Direktors ein Trick war. Mehr noch: Zwei Männer, die für ihre Arbeit 80 Dollar erhalten hatten, für die der übereifrige London nur 30 Dollar bekam, wurden deswegen entlassen; einer von ihnen beging daraufhin Selbstmord.

London begriff, »dass der Konkurrenzkampf nicht nur die Ausbeutung der Arbeiter immer mehr verschärfte, sondern dass sich das Dschungelgesetz des Kapitalismus auch unter den Arbeitern selbst auswirkte«. Wenige Jahre später veröffentlichte er den Aufsatz »What Communities Lose by the Competitive System« (1900). Darin reflektierte er die Bedeutung von Gemeinschaft und Solidarität. Der Kapitalismus schaffe, so schloss er geradezu marxistisch, auch die Voraussetzung für die Überwindung dieser Konkurrenz, indem er allerorten den Großbetrieb schaffe. Am Ende konnte sich London echten Individualismus nur noch jenseits der herrschenden Wirtschaftsordnung vorstellen. Denn der Kapitalismus stehe nur für einen Individualismus des »How much have I made?«. Die Vollentfaltung aller menschlichen Potentiale gemäß dem antiken hellenistischen Ideal sei im Kapitalismus unmöglich: »Individualität wird unterdrückt, gezwungen, sich als Reichtumsanhäufung und Egoismus zu äußern.«

Politisierung

Im April 1894 floh London erneut. Er entschloss sich zum Leben auf dem Schienenstrang, als dessen »größten Reiz« er nennt, dass der Eisenbahntramp »nur (im) Augenblick lebt«, eingedenk der »Sinnlosigkeit zielgerichteten Strebens« und orientiert an der »Lust«, sich »von den Launen des Zufalls treiben zu lassen«. Jetzt betätigte er sich auch erstmalig politisch. Er nahm in Iowa an »General« Kellys Arbeitslosenarmee teil, die nach Washington marschierte, um ein öffentliches Beschäftigungsprogramm für die Erwerbslosen einzufordern.

Gewalterfahrungen mit der Polizei, eine Inhaftierung nahe den Niagarafällen und eine in »15 Sekunden ohne Gelegenheit zur Verteidigung« ausgesprochene Verurteilung zu einem Monat Haft wegen »Landstreicherei« sowie Misshandlungen während der Zeit im Zuchthaus politisierten ihn weiter. Später schrieb er, dass damals sein »Nationalpatriotismus beträchtlich zusammenschmolz«. Als »Hobo« erfuhr er auch, dass die Güte proletarisch und nicht bürgerlich ist. Der Hungernde müsse »zu den Ärmsten der Armen gehen, um etwas zu essen zu bekommen«, während die Reichen die Vagabunden verscheuchen und hungern lassen.

London verarbeitete seine Erfahrungen in »Abenteuer eines Tramps« (1907). Sein Wunsch, von der – auch politischen – Schriftstellerei zu leben, war größer denn je. Im selben Jahr konnte er immerhin schon sechs Kurzgeschichten plazieren. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Sozialist. Sein späterer Kampfgefährte, der sozialistische Schriftsteller Upton Sinclair, adelte ihn nach seinem Tod als den »ersten Schriftsteller des modernen Amerikas, der dem Proletariat entstammte und dessen literarische Laufbahn von seinem Klassenbewusstsein bestimmt wurde«. 1895 wurde London Teil eines von Sozialisten frequentierten Debattierklubs und vertiefte seine Kenntnisse von Theorien, die ihm das Schicksal seiner Klasse erhellten. Er trat der Socialist Labor Party bei und als Agitator bei Demonstrationen auf. Seine nächtlichen Ansprachen im City Hall Park von Oakland führten zu einer erneuten Verhaftung.

Im Frühherbst 1897 brach das Goldgräberfieber im Yukon aus. Auch London zog es für ein Jahr dorthin. Seine Erfahrungen schlugen sich in seinen vielen Alaskageschichten nieder: im Roman »Lockendes Gold« (1910), den vielen Kurzgeschichten wie »Ein Feuer machen« (1902/1908) oder »Die Liebe zum Leben« (1905), Lenins allerletzter Nachtlektüre, sowie, am stärksten autobiographisch, in »Alaska-Kid« und »Kid & Co.« (1912). In den realistischen Erzählungen spiegelt sich die harte Konkurrenz der Goldgräber untereinander. Gezeigt werden aber zugleich die Gemeinschaften, die entstehen, weil man unter den harschen Überlebensbedingungen im hohen Norden aufeinander angewiesen ist. Londons berühmte Kurzgeschichte »Ein Feuer machen« ist auch eine Abrechnung mit der US-amerikanischen Ideologie des »Rugged Individualism«: Der nur auf sich selbst vertrauende Einzelkämpfer, der nicht auf den Ratschlag eines erfahreneren Trappers hört, bei »fünfzig Grad minus« niemals »allein unterwegs (zu) sein«, erfriert, weil es ihm nicht mehr gelingt, ein Feuer zu entzünden. Der Individualismus tötet das Individuum.

Über Armut berichten

London selbst wurde durch eine Skorbuterkrankung zur Rückkehr gezwungen. Zurück in Nordkalifornien, schlug er sich wieder mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1900 erschien jedoch seine erste Kurzgeschichtenanthologie »Der Sohn des Wolfs«. Mit ihr etablierte er sich endlich als Berufsschriftsteller, seine Arbeitswut verlagerte sich auf das Schreiben. Im selben Jahr heiratete er die Lehrerin Bessie Maddern, ein Jahr später kam die Tochter Joan zur Welt. Im selben Jahr trat er in die neugegründete Sozialistische Partei Amerikas von Eugene Debs ein und stellte sich sofort als ihr Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Oakland zur Wahl. Auf ihn entfielen 2,6 Prozent der Stimmen. Fünf Jahre später, als er bereits ein berühmter Autor war, brachte er es auf 8,6 Prozent.

1902 erschien mit »Die Kreuzfahrt der ›Dazzler‹« dann das Romandebüt. Im selben Jahr reiste London nach London. Er ließ sich bewusst im Armenviertel von Whitechapel nieder, denn er wollte einen Bericht über die Schattenseiten des Kapitalismus verfassen. Er tat dies mit großer Sympathie für seine Klasse. Der Bericht erschien im Folgejahr als »Die Menschen des Abgrunds«. »Ich stieg«, schrieb er, »in die Unterwelt von London in einer Gemütsverfassung (…) des Forschers.« Der »Londoner Abgrund«, so der Autor, »ist ein ungeheures Schlachthaus. Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt ergießt das ländliche England in ihn eine Flut kraftvollen starken Lebens, das sich nicht nur nicht erneuert, sondern (…) abstirbt.«

Londons Bericht ist ein Paradebeispiel für einen Muckraker-Journalismus, der die Missstände im Kapitalismus aufdeckt: Prostitution für zwei, drei Pence »oder ’n Laib altbacknes Brot«; Arme, die alles unternehmen, um ins Gefängnis zu kommen, weil sie dort wenigstens etwas zu essen bekommen und ein Obdach; Einzimmerwohnungen mit sterbenskranken Kindern, die von heilbaren Krankheiten hinweggerafft werden; Zimmermänner, die mit ihrem auf den »glitschigen, vollgespuckten Gehweg« gerichteten Gang eher an »den Wolf oder Coyoten der Plains erinnerten«. London sah, welche menschlichen Potentiale im englischen Proletariat verkümmerten – ein gigantisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Frage lautete: »Wenn die Zivilisation die Produktivkraft des durchschnittlichen Menschen gesteigert« habe, wie könne es dann sein, dass »sie dann nicht das Los des durchschnittlichen Menschen gebessert« habe? Kein Mitglied der politischen Klasse könne sich »vor dem Gericht des Menschen als nicht schuldig bekennen. ›Die Lebenden in den Häusern, die Toten in ihrer Gruft‹ werden angeklagt von jedem Säugling, der an Unterernährung stirbt, von jedem Mädchen, das der Schwitzbude zur nächtlichen Promenade auf der Piccadilly entflieht, von jedem erledigten Arbeiter, der in den Kanal springt.«

Es sei »unvermeidlich«, dass dieser Staat, der sich »grober und verbrecherischer Fehler schuldig gemacht« habe, »weggefegt wird«. London starb 1916 an einer Überdosis Morphium. Die Weltrevolution, die sich ab dem Folgejahr im Ergebnis des Weltkriegs von Irland bis nach Fernost ausbreitete und den ersten proletarischen Staat der Welt hervorbrachte, erlebte er nicht mehr.

Als Upton Sinclair um 1904 in Chicago, wo er für Recherchen für einen Roman über die Schlachthäuser weilte, bei einer Versammlung der Socialist ­Party auf einen »jungen Schriftsteller aus Kalifornien, der in den Slums von Whitechapel gewohnt und am Klondike Geld gemacht« hat, traf, war er von London begeistert. Dieser habe alle seine Erfahrungen »in seinen Büchern« geschildert, »und weil er ein Genie war, zwang er die Welt, ihn anzuhören«. Jetzt sei er »berühmt, doch wohin er auch kam, er bekannte sich zum Proletariat und dessen Partei«. Es war wiederum London, der das Manuskript von Sinclairs Roman »The Jungle« an die einflussreiche sozialistische Zeitschrift Appeal to Reason vermittelte.

In die Zivilisation und zurück

Zu dem Zeitpunkt war London bereits berühmt. 1903 gelang ihm mit »Der Ruf der Wildnis« der endgültige Durchbruch. Der Roman, der die Entzivilisierung des Haushundes Buck zum Wolf durchspielt, ist eine – auch durch Kiplings »Dschungelbuch« beeinflusste – Tiergeschichte. Sein Charakter: kein Anthropomorphismus, also keine Vermenschlichung des Tieres, sondern Erbe und Umwelt wie im Naturalismus von Zola. Außerdem steht die Geschichte in der Tradition des US-amerikanischen Pastoralismus: Rückkehr in die Natur als Protest gegen den Industriekapitalismus. 1906 entwarf London das Gegenbild: In »Weißzahn, der Wolfshund«, auch bekannt als »Wolfsblut«, steht die Zivilisierung, die Zähmung des Wolfes zum Hund, im Mittelpunkt.

Die Kritik nahm die Tiergeschichten sehr wohlwollend auf – auch international. Karl Kautsky lobte 1907 in der Neuen Zeit, dass in »Ruf der Wildnis« »das Individuum das Produkt der Verhältnisse ist«. Kurt Tucholsky war von »Wolfsblut« begeistert: »Es gibt bei Jack London eine Stelle, wo zwei Tiere vor dem Kampf regungslos, steinern, wie ausgehauen einander gegenüberstehen – nur ein großer Tierbeobachter hat dergleichen schaffen können.«

Dazwischen, schon 1904, schrieb London eines seiner Meisterwerke: »Der Seewolf«. Der autodidaktische Seefahrer Humphrey Van Weyden erinnert an London selbst. Auch hier steht der Pastoralismus Pate: die Verwandlung des Menschen durch die Begegnung mit der Natur. Van Weyden muss, dem Abenteuerleben ausgesetzt, hart und selbstverantwortlich werden. Sein Gegenbild ist der zynische Kapitän Wolf Larsen. Er ist der typische Kapitalist, amoralisch, asozial, allein auf der Suche nach dem persönlichen Vorteil und dabei seine eigene Crew tyrannisierend. Van Weyden dagegen hält an seiner Ethik fest und pflegt sogar den geschwächten Larsen, obwohl dieser ihm nach dem Leben trachtet und bereits eine Meuterei auf sich zog.

Als Abenteuerschriftsteller war Jack London nicht nur einer der höchstbezahlten in Nordamerika, sondern auch der meistübersetzte überhaupt. In den USA wurde das oft als Beweis dafür genommen, dass jeder es schaffen könne – ganz im Sinne des »amerikanischen Traums«. Aber für einen, der es schafft, bleiben Zehntausende, die es nicht schaffen.

1905 schrieb London, wie er Sozialist wurde: »Gerade, wie ich ein Individualist geworden war, ohne es zu wissen, so war ich ein Sozialist geworden, ohne mir dessen bewusst zu werden. Ich war wieder geboren worden, (…) war ein anderer geworden, auch wenn ich nicht wusste, was das andere war, aber mit Hilfe der Bücher fand ich, dass ich ein Sozialist war. Von da ab habe ich viele Bücher gelesen. Aber kein volkswirtschaftliches Argument, kein logischer Beweis von der Notwendigkeit des Sozialismus hat mich so tief überzeugt wie die Lehre jenes Tages, da ich den kapitalistischen Abgrund um mich wie eine Mauer sah, da ich fühlte, wie ich hinunterglitt, immer weiter hinunter bis auf den Bodenschlamm.«

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Dezember 2025 über den US-Präsidenten Donald Trump: »Das Genie des Wahnsinns«

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Eine Meisterin der Kurzgeschichte: Lucia Berlins Heldinnen halte...
    12.11.2024

    Humor als Heldentat

    Nach Lucia Berlins Ableben erfuhren ihre Kurzgeschichten viel Lob, noch immer aber fehlt eine Biographie. Zum 20. Todestag der US-amerikanischen Schriftstellerin
  • Ein Buch ist nur ein Schritt auf dem Weg zum nächsten Buch: Paul...
    02.05.2024

    Rauchen im Späti

    Alexander eroberte die Welt, und dann? Zum Tod des US-Schriftstellers Paul Auster