»Wir sind für immer«
Die Wiener Band Popsch mit schriller »Gay Propaganda«
Zwei züngelnde Königspudel in klassischer Löwenschur, weiß und apricotfarben, mit Lidschatten, Ohrclips und Perlenkette, ein flittergoldenes Passepartout auf Leoprintrahmen und sehr viel Rosa. Ein Top-Plattencover für mein trashaffines Herz – soviel ausgeklügelte Geschmacklosigkeit macht neugierig, ob die goldenen Lettern von »Gay Propaganda« musikalisch halten können, was die zwei Buben und zwei Mädel der Wiener Band Popsch visuell versprechen.
Ganze 15 Jahre mussten die Fans nach dem ersten Album »Top of the Pop:sch« von 2011 warten. Suchmaschinenalgorithmen sind schuld, dass das feine Wortspiel »Pop:sch« mittlerweile auf die harmlose Variante vom derben Oasch reduziert wurde. Das war’s aber auch schon mit der Anpassung, der Mix aus queerer Attitude, Humor und politischem Aktivismus ist frisch, schräg und schrill.
Der Opener »Queen of the Scene« ist für mich eine musikalische Verbeugung vor Rosa von Praunheims Klassiker »Die Bettwurst«. Ich sehe Dietmar und Luzi vor mir, wenn die Queen in schlechtem Französisch »Oh, mon chéri, je t’aime« haucht und anschließend beschuldigt wird, einen Lover ausgespannt zu haben. »Why did you take my boyfriend home with you? You could easily have anyone. Why did you not ruin somebody else’s fun? Queen of the scene, I want revenge. You stole my boyfriend with your perfect French.«
Musikalisch tanzbarer, geradezu tanzanimierender Elektropop der 80er Jahre. Laut Eigenwerbung sehen Alex Theiler, Andrea Mautner (Gesang), Martina Winkler und Florian (Synthies) ihre Kunst als das ungeborene Kind von Peaches und Kim Wilde, mir drängt sich immer wieder Steve Stranges »Fade to Grey« auf, auch die B-52s standen Pate (»Shut up Haters«), und in manchen Momenten (»Gender Police«) ahne ich sogar meine All-time-Favourites, die Sparks.
»Lesbische Frauen heißen Walter und Leo, sie sitzen im Knast und verwenden kein Deo. Lesbische Frauen streichen Wände, reparieren Autos und haben schmutzige Hände. Lesbische Frauen beuten sich aus, sie pflegen die Mutter, den Hund und das Haus. Lesbische Frauen haben keine Villa, sie arbeiten bei Spar, Hofer oder Billa.«
Das ist nicht nur urkomisch – Popsch sehen sich als »Projekt mit Ideologie«. In einem Interview mit dem österreichischen Magazin Profil erklärt Andrea Mautner: »›Queer‹ ist ein schönes Wort, für Vielfalt, für Offenheit. ›Lesbisch‹ wird oft vermieden, weil es negativ besetzt ist. Genau deshalb ist es wichtig, es zu sagen. Wenn man es nicht mehr sagt, gibt es uns irgendwann nicht mehr.«
»They said real men are on a mission, it’s a biological decision. They said my sexual variety is a danger to society« (»Gender Police«). »Es gibt eine Rückwärtsbewegung. Rechte, die wir erreicht haben, werden wieder in Frage gestellt.« Die Angst ist konkret und begründet; wer genau hinschaut, bemerkt zumindest auf den zweiten Blick, dass das pinke Farbfeld auf dem Cover ein rosa Winkel ist, das Zeichen für homosexuelle Häftlinge in den KZ.
»Die Welt hat sich verändert. Dinge, die früher kein Thema waren, sind plötzlich wieder da. Diskussionen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie noch erlebe.« Aber Andrea sind neben der Bedrohung queeren Lebens auch andere gesellschaftspolitische Themen wichtig: »Für mich war das Lesbischsein gar nicht das erste Thema. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater bei der ÖBB, wir hatten wenig Geld. Ich habe mich für unsere Wohnung geschämt. Dass ich lesbisch bin, hat keiner gesehen – aber dass wir arm waren, schon. Mein Zugang war deshalb stärker diese Frage von Herkunft, von Klassenunterschieden, von dem, was man sich zutraut. Das ist auch politisch. Wir sind uns da nicht immer einig.«
Einig sind die Vier sich aber, ihre Propaganda mit Humor und Spaß zu zelebrieren, das Anderssein zu feiern. Etwa mit dem schönen »Für immer«: »Hysterien und Depressionen, Vera Russwurm und Wiener Wohnen. Alle Trutschen und alle Trampeln, auch das Rotlicht bei den Ampeln. Jeder Rausch und jeder Kater, auch das Riesenrad im Prater. Alle Flüsse und alle Seen, auch die Berge werden vergehen. Nur wir, wir sind für immer.«
Am 26. August hat ganz Wien Gelegenheit, Popsch sogar kostenlos beim »Platzkonzert« im WUK zu erleben: »Lesbische Frauen, bügelt eure Blusen, kommt auf mein Fest und schüttelt eure Busen!« Das gilt natürlich für alle, jenseits von Gender und sexueller Präferenz. Und wer keinen Busen hat, schüttelt einfach seinen Speck.
→ Popsch: »Gay Propaganda« (Fullmax)
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