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Literatur

Männer in Grau

Norbert Gstreins Roman »Im ersten Licht«

Foto: IMAGO/SKATA
Norbert Gstrein im September 2022

An einer Stelle heißt es in Norbert Gstreins Historienroman »Im ersten Licht« über den Hauptprotagonisten: »Adrian Reiter, Lehrer mit den Fächern Englisch und Geschichte, aber es gelang ihm Jahr für Jahr, sich bis zum Ende des Schuljahres zu retten, ohne etwas Entscheidendes sagen zu müssen, und er war in wenigen Jahren dieser graue Mann mit den zwei immer gleichen Anzügen und den englischen Jacken geworden, die gar nicht aus England stammten, sondern von einem Schneider in der Vorstadt nach englischer Fasson geschneidert wurden (…).«

Die Geschichte dieses Adrian Reiter erstreckt sich über das ganze 20. Jahrhundert, das dieser sozusagen als unbeteiligter Eckensteher erlebt oder erfahren muss, ähnlich wie die zur Untätigkeit verurteilten Helden von Gustave Flauberts Roman »L’Éducation sentimentale«, die passive Beobachter der französischen Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind. Dabei hat es der im Jahr 1901 in der k. u. k.-Monarchie geborene Adrian seinem sozialistischen Vater zu verdanken, der seinem Jungen ein Beil ins Bein rammt, um ihn vor dem Kriegseinsatz zu bewahren, dass er nicht schon früh zu Tode kommt oder verletzt wird wie die Kriegsversehrten, die er in einer eigens dafür hergerichteten Villa kennenlernt, was ihn durchaus lebenslang prägen wird. Wie etwa Eller, Stegner oder Neubauer, »Gestalten mit ihren malträtierten Gesichtern«, die ihm einerseits unheimlich vorkommen, deren Geschichten und Kriegserlebnisse andererseits wie ein Menetekel wirken, denn Adrian Reiter hat es die längste Zeit seines Lebens, das irgendwann – scheint’s – Ende der 1980er ans Ende kommt, als Schmach empfunden, nicht dabeigewesen bzw. immer nur davongekommen zu sein. Das gilt für die Zeit während und nach dem I. Weltkrieg, und es gilt noch weiterhin für die Zwischenkriegszeit wie den Faschismus mit anschließendem Krieg, Jahre und Jahrzehnte, in denen ein obskurer Baumgartner, ein früherer Schüler des uninspiriert agierenden Lehrers, als Troll und Wiedergänger Reiters Leben zu bestimmen scheint – Baumgartner, ein offenkundig empathieloser Mörder, für den nur zählt: »Unsere Vorschriften. Unsere Werkzeuge und Instrumente zum Erreichen unserer Ziele. Unsere Ergebnisse.«

Erst nach dem Ende des Krieges gelingt es Adrian, nachdem er auf Reisen nach England auf andere Existenzen, Lebensweisen und auch Möglichkeiten des Widerstands gestoßen ist, schließlich noch – nach einer zunächst während der 30er Jahre einmal eingegangenen und krachend gescheiterten Ehe mit einer Kollegin – eine Engländerin zur Freundin und Partnerin zu gewinnen, deren Bruder als angeblicher Deserteur im I. Weltkrieg hingerichtet worden ist.

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Im abschließenden und kürzesten letzten Teil von Gstreins Roman, der an die späten 80er Jahre heranführt, schreibt sich der Autor – ob’s nun Gstrein selber ist, bleibe dahingestellt – in die Geschichte hinein, denn Adrian lernt ihn auf einer Lesung kennen und hofft, diesem jungen Schriftsteller seine Lebensgeschichte anvertrauen zu können. »Siebenundachtzig Jahre alt und nicht im Krieg gewesen, aber solche heillosen Gedanken. Dem Tod etwas geben. Dazu müsste Adrian mehr Leben haben, als er noch hatte.« Schließlich liegt dann mit »Im ersten Licht« der Roman über Adrians Lebensgeschichte vor.

Georg Lukács hatte 1916 in seiner »Theorie des Romans« zwei grundsätzliche Romantypen im historischen Nacheinander unterschieden: den Roman des sogenannten abstrakten Idealismus (etwa »Don Quichotte«) und den der »Desillusionsromantik«, den Typ des modernen Romans seit Flaubert, der nur noch passiv leidende, zur Aktion unfähige oder auch die Verhältnisse zwar durchschauende, aber trotzdem handlungsunfähige bürgerliche Protagonisten kennt und darstellt. Adrian steht genau in dieser Tradition, und der Erzähler Gstrein versucht sich noch auf eine andere Weise bei der Poetik Flauberts zu bedienen, der einmal in einem Brief bemerkt hat, dass es das Schwierigste beim Erzählen überhaupt sei, die Farbe Grau – Alltäglichkeit, Unauffälligkeit und Banalität – darzustellen. Auf meisterhafte Art hat Gstrein in seinem neuen Roman diesen »grauen Mann« porträtiert, einen späten Nachfahren flaubertscher Helden.

→ Norbert Gstrein: Im ersten Licht. Roman, Carl Hanser Verlag, München 2026, 416 Seiten, 27 Euro.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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