Bildet Banden!
In den 90er Jahren ist in europäischen Metropolen eine Bewegung entstanden, die sich herausnahm, dem Kapitalismus und den Autofahrern punktuell den öffentlichen Raum zu entreißen. Das Motto hieß »Reclaim the Streets!«, man könnte es übersetzen mit »Nehmt euch die Straße zurück«. Und so lief das auch ab: Junge Menschen fluteten unangekündigt eine bedeutende Verkehrsader, legten Platten auf, drehten die Regler auf Anschlag und tanzten, wo gerade noch die Blechlawinen gerollt waren. Der grobmotorische Autor dieser Spalten hat sich vor etwa 30 Jahren an einem Sonnabend vormittag an einer Berliner Reclaim-the-Streets-Party beteiligt – nicht tanzend wohlgemerkt, weil er das gute Bier nicht verschütten wollte – und mit Tausenden anderen von der Karl-Liebknecht-Straße kommend den Verkehr nördlich um den Alex ins Chaos gestürzt. Hat gefetzt.
In Hamburg ist die Idee vor einiger Zeit in eine Parade verwandelt wiedergeboren worden, und vielleicht schlägt sie Wurzeln. Am Sonnabend zieht der → »Demorave 26«, es ist inzwischen der vierte, mit 16 Wagen durch die Stadt. Es geht los um 15 Uhr in der Helgoländer Allee, an den Soundmaschinen werkeln 45 DJ-Kollektive, darunter Lasterkultur, Vira Lata Caramelo und Soko Kickloch. Das Freie Radio FSK überträgt ab 14 Uhr live. Der Raveaufruf von Reclaim Hamburg macht deutlich, dass es den Feierwütenden nicht um rhythmische Sportgymnastik geht: »Bildet Banden! Die Welt verändert sich. Aber in welche Richtung, nehmen wir gemeinsam in die Hand! Wir fangen selbst an, teilen Wissen und bauen Strukturen auf, die bleiben«, heißt es da etwas unbeholfen, aber munter, und: »Mischt euch ein!« Klingt anders als beim Loveparademulti Dr. Motte.
Der erste Programmvorschlag ist das Premierenhörspiel → »Wie erwartet freundlich« von David Lindemann, das aus dem Inneren eines fahrenden Autos erklingt auf dem Weg durch den Berufsverkehr in den Untergang (DLF 2026, Di., 20.05 Uhr, DLF, Mi., 22.05 Uhr, DLF Kultur). Am Mittwoch morgen beginnt die Lesung von Sherwood Andersons Geschichten aus → »Winesburg, Ohio« (1/8), eingesprochen von Josef Manoth (BR 1976, 9.04 Uhr, MDR Kultur). Etwas später könnten engagierte Rundfunkteilnehmer dem Deutschlandfunk live ins Notebook diktieren, worin der Unterschied zwischen Information und Manipulation besteht; auf der »Agenda« steht → »Meinungsbildung – Welche Rolle spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk für Sie?« (Mi., 10.08 Uhr). Na denn: Sport frei!
Und holt Popcorn für die zweite Staffel der DLF-Serie »Rechtsextreme vor Gericht«, gegeben wird ab Donnerstag → »Der Reichsbürger-Prozess« von Marie Schwesinger, Drama in sechs Akten, in der Hauptrolle seine Majestät Großkotz Heinrich XIII. Prinz Reuß (DLF, 2026, Do., 20.30 Uhr). Der Westberliner Journalist Ernst Ludwig von Aster erklärt in »Das Wissen« den Zonendödel und → »Warum so viele Ostdeutsche rechts wählen« (Fr., 8.30 Uhr, SWR Kultur). Von Heinrich Mann stammt → »Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen«; hier als Hörspiel die »Tragödie, die er sich selbst schrieb«, der fiese Fritz (NDR 1963, Sa., 18.05 Uhr, NDR Kultur).
In der Samstagsoper: Mussorgskys → »Boris Godunow«, aufgenommen im Februar im Royal Opera House in London (19.30 Uhr, Ö 1), und Verdis alljährliches → Mariä-Himmelfurz-»Requiem« bei den Salzburger Festspielen (20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3). Und am Montag abend laufen das Feature → »Auf ewig das Andere? Ostdeutschland in den Medien« von Ralph Gerstenberg (19.30 Uhr, DLF Kultur) und das Stück → »Einundzwanzig Schuss Salut für Käpt’n Bilbo« über die bestaunenswerte Geschichte des Hugo Cyrill Kulp Baruch, erzählt von jW-Autor Ludwig Lugmeier, dem letzten bayerischen Räuberdichter, der im März in Berlin ohne Genehmigung verstorben ist (MDR 2006, 20.04 Uhr, MDR Kultur).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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