Gegen den Strich
Von Werner Jung
Die Dänin Karin Michaëlis (1872–1950) war eine notorische Vielschreiberin, dabei zu ihrer Zeit ungeheuer populär und erfolgreich, nicht bloß in ihrem Heimatland, auch in Deutschland, in weiten Teilen Europas und in den USA. Ihre 36 Romane, zwei Autobiographien, neun Kinderbücher sowie Reportagen, Tagebücher und essayistischen Schriften wurden übersetzt, breit rezipiert und teils überaus kontrovers diskutiert. Nicht zuletzt wegen ihres gesellschaftspolitischen Engagements. Sie setzte sich für die Reformpädagogik ein, trat dezidiert antimilitaristisch und antifaschistisch auf, sorgte sich sehr um verfolgte Künstler, nahm Emigranten wie Brecht, Weigel oder Maria Lazar 1933 bei sich auf. 1940 musste sie in die USA emigrieren. 1946 kehrte sie nach Dänemark zurück, verstarb dort im Jahr 1950.
Heute ist das Werk der Dänin nahezu vergessen. Geblieben sind die Kinderbücher um die Figur des Mädchens Bibi, das auf Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf maßgeblichen Einfluss ausgeübt hat, und – vor allem – der »Skandalroman« »Das gefährliche Alter«, erstmals 1910 und 1911 auf Deutsch und auf Dänisch erschienen und zweimal verfilmt. Danach ist der schmale Roman noch mehrfach wiederaufgelegt worden und liegt nun in einer Neuübersetzung vor, was dem Ebersbach-und-Simon-Verlag hoch anzurechnen ist. Es handelt sich um eine ausgesprochene Preziose, deren literarischen Wert der damalige französische Übersetzer André Prévost auf den Punkt brachte, indem er das Buch einen »Kinematographen weiblichen Denkens« nannte.
Tatsächlich zeichnet Michaëlis in ihrem Text, der ein Arrangement aus Briefen und Tagebuchnotaten der Protagonistin Elsie Lindtner vorstellt, das exakte Psycho- und Soziogramm einer Frau mittleren Alters aus dem gehobenen dänischen Bürgertum. Diese Elsie als emanzipierte Frau, gar als Feministin, zu sehen, ginge allerdings am Text vorbei. Sehr anders als Michaëlis, die sich ihr Leben lang politisch engagiert hat, ist die Romanfigur: Gekonnt erobert sie für sich eine gute Partie, hat irgendwann einen jüngeren Geliebten, trennt sich nach 22 Ehejahren von ihrem Mann, um schließlich alleinlebend im Alter, der Zeit der Verzweiflung, anzukommen. Doch ist dieses Alter, die Zeit nach den Wechseljahren – das macht das Skandalon des Romans aus – , gleichwohl eine Zeit der Unruhe, des Begehrens und der (ungestillten) Sehnsüchte, die Elsie »against all odds« für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen reklamiert. Fern von Etiketten und Konventionen. Was zählt, sind die Ansprüche des Körpers, ist die Lust auf Nähe: »Wozu all diese Lügen? Mein Körper bedarf wohl einer Umarmung.«
Karin Michaëlis erzählt ihre Geschichte im Stil der Jahrhundertwende, der Naturalisten nordischer Provenienz, mitunter auch nach französischer Manier, erwähnt an einer Stelle damals populäre Lesestoffe wie »Dirnenromane« (im Stil von Joris-Karl Huysmans, Charles-Louis Philippe oder fiktiver Josefine- Mutzenbacher-Memoiren) und paraphrasiert Nietzsche, wenn Elsie ihrem Tagebuch anvertraut, dass es nicht möglich sei, »mit sich selbst allein zu bleiben!«. Am Ende dieses »grausamen Spiels aus Liebe und Täuschungen«, so die Herausgeberin des wunderbaren Bändchens, Manuela Reichart, steht dann aber doch die Ernüchterung darüber, dass ihr jüngerer Geliebter sich zurückgezogen hat und die neuerliche Annäherung an ihren Gatten daran scheitert, dass er inzwischen eine Affäre mit einer 19jährigen begonnen hat.
Karin Michaëlis: Das gefährliche Alter. Aus dem Dänischen von Daniela Stilzebach und mit einem Nachwort von Manuela Reichart. Verlag Ebersbach und Simon, Berlin 2025, 160 Seiten, 22 Euro
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