Fenster und Rahmen
Wenn du Fakten mit vier Balken umgibst, änderst du die Fakten: Angelika Overaths Roman »Calanda oder Alvas Antwort«
Nun hat sich Angelika Overath bereits in einem dritten Roman mit der merkwürdigen Geschichte einer Dreiecksbeziehung beschäftigt: der der Schweizerin Alva, ihres Freundes Cla und ihres späteren türkischen Ehemanns und Vaters ihrer Tochter Baran. Im ersten Roman von 2018, »Ein Winter in Istanbul«, steckt sie den Rahmen der Konstellation ab. Mit einem Stipendium ist der Schweizer Lehrer für Ethik und Religion Cla nach Istanbul gekommen, um hier drei Monate an einem wissenschaftlichen Projekt zu arbeiten, das sich mit Nikolaus von Kues und seinen diplomatischen Bemühungen um eine Beendigung des Kirchenstreits im 15. Jahrhundert beschäftigt. Immer mehr wird Cla dabei bewusst, dass er offensichtlich auch einen Abstand von seiner Freundin Alva gebraucht hat – um sich darüber klarzuwerden, was und wie er eigentlich leben will. Da ist ihm dieses Stipendium nur willkommen. Wie das Leben so spielt: Plötzlich und beiläufig macht er in einem Restaurant die Bekanntschaft mit einem türkischen Aushilfskellner, Baran, und verliebt sich. Zunächst unmerklich noch, dann, während Alva ihren Freund in Istanbul besucht, immer deutlicher, schließlich streift er sein altes bürgerlich-behagliches Leben von sich ab. Cla entschließt sich dazu, mit seiner großen Liebe Baran als schwules Paar ein neues, unsicheres, gefährliches Leben in Istanbul zu beginnen.
Im zweiten Roman »Unschärfen der Liebe« von 2023 erzählt Overath die Geschichte weiter und lässt Baran auf einer Zugfahrt während einer Reise von Chur zurück nach Istanbul – undeutlich spürend, dass seine Beziehung zu Cla zu Ende geht – seine Lebensgeschichte Revue passieren, um mit dem großen Jahrhunderterdbeben in der Türkei zu enden.
In der nun erschienenen Fortsetzung »Calanda oder Alvas Antwort« perspektiviert Overath ihre Erzählung ein weiteres Mal, lässt darin Alva zu Wort kommen und sie, nachdem noch einmal in kurzen Zügen die Vorgeschichte ihrer Beziehungen zu Cla und Baran dargestellt worden ist, die erschütternde medizinische Diagnose erhalten: ALS. In welcher Form, ist noch nicht ganz klar, auf jeden Fall aber ist die Diagnose endgültig und tödlich.
Daraufhin entschließt sie sich, noch einmal und allein eine Bergwanderung auf den Calanda zu unternehmen, das Gebirgsmassiv, in dem sie seit ihrer Kindheit auf Gipfelwanderungen viele Stunden des Glücks erlebt hat. Intensive Naturbegegnungen wechseln bei Alva ab mit Suizidwünschen, nachdem sie mehrfach erste Schübe ihrer Krankheit, Unsicherheiten im Bewegungsapparat, ein Stolpern, wahrgenommen hat, was sie zugleich wieder zu Reflexionen über ihr bisheriges Leben veranlasst: »War ihr Leben nicht immer ein Stolpern gewesen? Ich habe es angenommen. Plan A: ein Junge sein. Plan B: ein Mädchen sein. Ein Stolpern in die Liebe. Früh schon, immer wieder. Liebesversuche. Stolpern und hochkommen. Sie war gut im Fallen. Dann ein Stolpern in Cla. Ein kleines Stolpern. Freundlich. Fast geschwisterlich.«
Schließlich steuert die Erzählung dieses kürzesten der drei Romane auf einen Höhepunkt zu, ein epiphanisches Erlebnis (ganz im Sinne des Ästhetikers Karl Heinz Bohrer, der in der avantgardistischen Moderne überall von Epiphanien mit herabgesetztem Risiko gesprochen hat). Alva nämlich erfährt einen kurzen Glücksmoment, als sie »die kleine, verlassene Feuerstelle« oben auf dem Berg wiederentdeckt, an der sie einmal zu dritt eine Nacht miteinander verbracht haben: »Und als sie am Morgen erwachten, früh mit dem erwachenden Tag, als die Sonne langsam hinter einem der Gipfel heraufkam, da lag Baran neben Cla, den Kopf auf seine Schulter gelegt. Und sie hatte an der Achsel von Baran geschlafen. In dieser Nacht muss ihnen dreien etwas deutlich geworden sein. Das sie erst später verstanden.«
Ob und was daraus folgt, ist ungewiss, nur soviel: Bei Alva zeichnet sich nach diesem Erlebnis noch eine weitere Möglichkeit für ihren (kurzen) Lebensweg ab, nämlich an der Seite ihrer Jugendfreundin Seraina, die stets so etwas wie die »gute Fee« und »beste Freundin« an ihrer Seite gewesen und geblieben ist. »Alva liebt sich. Sie wollte Seraina umarmen und ihr sagen, wie dankbar sie ihr war. Und wie ärmer ihr Leben ohne sie gewesen wäre. Sie würde anders leben. Ja, sie war krank. Todkrank. Aber sie war auf einmal so lebenssicher. Sie würde mit Seraina nicht viel reden.«
Overath hat mit ihrem neuen Text nicht nur ein beeindruckendes (Sprach-)Zeugnis vorgelegt, wie man mit grausamen ärztlichen Diagnosen vielleicht besser umgehen kann, sondern darüber hinaus – und das ist eines ihrer Markenzeichen – noch eine Erzählung, die sich poetologisch reflektiert, wenn es da einmal unter Anspielung auf die Äußerung eines New Yorker Fotografen heißt: »Der New Yorker Straßenphotograph Garry Winogrand fiel ihr ein, der gesagt hatte: ›Wenn du Fakten mit vier Balken umgibst, änderst du die Fakten.‹ Gaben Blicke, gab das genaue Hinschauen nicht immer die vier Balken? Machte es nicht leicht aus einem flüchtigen Moment etwas, das blieb? Und gaben nicht auch Erinnerungen, diese Fenster zurück in die Zeit, einen Rahmen, der das Erlebte neu fasste und damit veränderte?«
→ Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Roman, Luchterhand-Literaturverlag, München 2026, 160 Seiten, 24 Euro
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
