Die Letzten, die bleiben
Die Sanitäter von Nabatija im Südlibanon zwischen Hilfe und Tod
Mohammed Suleiman hat seinen Sohn in derselben Uniform begraben, in der er nur wenige Stunden später wieder zur Arbeit gegangen wäre. Auf seiner Brust prangte das Emblem des Rettungsteams von Nabatija. Unter der Erde lag der 16jährige Dschud, ein Freiwilliger bei der Organisation, die sein Vater leitet. Er wurde zusammen mit dem 23jährigen Ali Dschaber, einem weiteren jungen Rettungssanitäter, getötet, als ein israelischer Angriff das Motorrad traf, mit dem sie durch die Stadt fuhren.
Sie waren nicht auf dem Weg an die Front. Laut Zeugenaussagen und Berichten von Menschen vor Ort verteilten sie Nahrungsmittel an Familien in der Stadt im Südlibanon, die seit Wochen unter Bombardements, Vertreibungen und Versorgungsengpässen litt. Am nächsten Tag begrub Mohammed seinen Sohn. Eine Stunde später kehrte er zur Basis zurück.
Seit dem 2. März hat die Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah weite Teile Südlibanons verwüstet. Bis Mitte Juni bezifferte das libanesische Gesundheitsministerium die Zahl der Todesopfer auf mehr als 3.700 und die der Verletzten auf fast 12.000. Unter ihnen befinden sich Kinder, Frauen und mehr als hundert Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Über 1,2 Millionen Menschen wurden durch die Kämpfe, die Bombardements und die Zerstörung von Häusern und Infrastruktur vertrieben.
Doch in Nabatija sind diese Zahlen nicht nur eine Bilanz. Sie sind Ausdruck der geleisteten Arbeit. Jeder Einsatz löst eine Kette von Aufgaben aus: die Verwundeten ausfindig machen, sie über beschädigte Straßen erreichen, die Überlebenden evakuieren, Leichen bergen, die Familien benachrichtigen, zur Basis zurückkehren und auf den nächsten Einsatz warten. In einem Zermürbungskrieg reagieren Rettungssanitäter nicht nur auf vereinzelte Notfälle. Sie fangen den fortschreitenden Zusammenbruch aller anderen Bereiche auf und erhalten eine ganze Gemeinschaft am Leben.
Im Süden des Libanon haben die israelischen Angriffe auf das Gesundheitssystem unmittelbare Folgen. Wenn ein Krankenhaus beschädigt wird, wenn ein Gesundheitszentrum schließt oder wenn ein Krankenwagen zerstört wird, verringern sich die Überlebenschancen nach jeder Explosion. Menschen, die in Städten wie Nabatija bleiben, sind zunehmend auf lokale Teams angewiesen, die mit begrenzten Ressourcen und unter minimalem Schutz arbeiten.
Mohammed Suleiman kennt diese Verletzlichkeit aus eigener Erfahrung. Sein Team operiert von einer Basis neben dem Al-Nadschda-Krankenhaus aus. Es ist ein lokaler Dienst, bestehend aus Männern, die die Straßen, die Viertel, die Familien und die Friedhöfe kennen. In den vergangenen Monaten ist diese Nähe sowohl zu einer Stärke als auch zu einem Verhängnis geworden.
Die Tötung von Dschud und Ali war kein Einzelfall. Am 16. März wurden in Kfar Sir im Bezirk Nabatija bei einem doppelten israelischen Angriff zwei Rettungssanitäter getötet, darunter Mahdi Abu Seid aus Nabatija. Die Rettungskräfte waren am Ort eines Bombeneinschlags eingetroffen, der darauf nochmals beschossen wurde. Dieses als »Double Tap« bezeichnete Muster macht den humanitären Einsatz zum tödlichen Risiko. Für Rettungssanitäter ist diese Gefahr bei jedem Einsatz präsent.
Der Krieg hat auch die Bedeutung alltäglicher Aufgaben verändert. Die Verteilung von Lebensmitteln, der Transport einer älteren Person, die Evakuierung einer Familie, das Freiräumen eines Weges von Trümmern oder die Begleitung einer Beerdigung sind nun Tätigkeiten, die unter Lebensgefahr ausgeführt werden. Der Notstand beginnt nicht mehr mit einer Explosion und endet nicht mehr mit einem Transport ins Krankenhaus. Er ist zum Dauerzustand der Stadt geworden.
Nabatija ist charakteristisch für diese Phase des Krieges. Sie wird nicht allein durch die Einschläge der Bomben getroffen, sondern auch von dem, was danach kommt: der langsamen Aushöhlung der zivilen Versorgungsstrukturen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten. Die Frage ist nicht nur, wie viele Menschen gestorben sind, sondern was passiert, wenn diejenigen, die versuchen, weitere Todesfälle zu verhindern, selbst zur Zielscheibe, zum Opfer oder zu Trauernden werden.
Adri Salido ist ein spanischer Foto- und Videojournalist, der in Portugal lebt. Er befasst sich in seiner Arbeit immer wieder mit Menschenrechten, bewaffneten Konflikten und ökologischen Fragen.
Zum Autor: Adri Salido
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