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Nahostkonflikt

Helfer unter Feuer

Libanon: Israel greift trotz angeblicher Waffenruhe gezielt Krankenhäuser und medizinisches Personal an. Gesundheitsversorgung der Bevölkerung wird immer prekärer

Von Jara Nassar
Foto: AP Photo/Mohammed Zaatari
Beim israelischen Bombardement einer Trauergesellschaft wurden alle Angehörigen Abdallah Nadschdis getötet (Deir Kanun Al-Nahr, 21.5.2026)

Israel greift immer wieder Gesundheitseinrichtungen im Libanon an: In der Nacht auf Freitag und am Freitag morgen tötete das Militär insgesamt acht Gesundheitsmitarbeiter, wie die Nachrichtenagentur NNA meldete. Ende vergangener Woche wurde bereits ein Zentrum der Libanesischen Volkshilfe im südlibanesischen Tyros (Sur) bei einem israelischen Bombenangriff beinahe vollständig zerstört. Die Volkshilfe, bekannt unter ihrem französischen Namen Secours Populaire Libanais (SPL), ist eine sozialistische Organisation, die seit 1972 gesellschaftliche und medizinische Kampagnen im Libanon betreibt. SPL unterhält im ganzen Land mehr als 40 Krankenhäuser, vor allem in Regionen, die unterversorgt sind, weil die Regierung sich nicht für die Bevölkerung interessiert. Neben medizinischer Versorgung leitet SPL auch Notunterkünfte und Suppenküchen von und für Vertriebene, organisiert Impfkampagnen für Kinder und andere soziale Arbeit für Kriegsbetroffene.

Ein von SPL auf Facebook veröffentlichtes Video zeigt das nach dem Bombenangriff am 15. Mai fast vollkommen zerstörte SPL-Zentrum. Stahlstreben ragen aus den Trümmern in die Luft. Über dem Eingangsportal sieht man das Logo der Organisation, bedeckt mit einer dicken Schicht Staub. Das Zentrum war seit mehreren Jahren dort ansässig und hatte gerade erst einen neuen Vorrat medizinischer Versorgungsgüter erhalten, die vollständig vernichtet wurden, so ein Mitglied der SPL zu jW. Der Angriff habe während der Öffnungszeiten stattgefunden. Die Gegend war aufgrund vorheriger israelischer Angriffe in der Nähe vorsorglich evakuiert worden. Einige Mediziner und Vertriebene seien aber noch im Gebäude gewesen, als sie Geräusche von oben hörten. Während sie versuchten, das Gebäude zu verlassen, seien sie bombardiert worden.

Vermutlich aufgrund der vorherigen Evakuierung gab es lediglich Verletzte, keine Toten. Andere hatten nicht dasselbe Glück: Am selben Tag wurden bei einem Bombenangriff auf ein Zentrum einer anderen Zivilschutzorganisation im 35 Kilometer entfernten Haruf drei Rettungssanitäter getötet und ein vierter lebensgefährlich verletzt. Die gezielte und umfassende Zerstörung der Gesundheitsinfrastruktur ist eins der wichtigsten Elemente von Israels Völkermord im Gazastreifen. Dasselbe Muster der Zerstörung gibt es nun auch im Libanon.

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Mindestens 108 Rettungs- und Feuerwehrwagen hat Israel seit Ausbruch des erneuten Kriegs am 2. März zerstört, teilte das libanesische Gesundheitsministerium mit. 16 Krankenhäuser wurden direkt angegriffen. Vier mussten daraufhin komplett schließen. Dies führt für die verbleibende Bevölkerung zu einer immer schlechter werdenden medizinischen Versorgung im Angesicht anhaltender israelischer Bombardements – »Waffenruhe« hin oder her. »Manchmal kommen Menschen in das Krankenhaus, um dort zu schlafen, weil sie es für sicherer halten als ihre eigenen Häuser«, berichtet ein Augenzeuge. Doch wenn selbst Hospitäler Angriffsziele werden und die Waffenruhe nur als schlechter Scherz erscheint, gibt es keine Sicherheit.

Die israelischen Angriffe richten sich auch gegen das Leben derer, die versuchen, andere Leben zu retten. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums tötete Israel seit dem 2. März mindestens 110 Rettungssanitäter im Libanon, darunter auch der 15jährige Freiwillige Dschud Sulaiman. Auch SPL hat im andauernden Krieg medizinisches Personal durch Bombenangriffe verloren. Ärzte ohne Grenzen befürchtet, dass Rettungsteams im Libanon immer öfter gezwungen sind, Rettungseinsätze aus Sorge, selbst angegriffen zu werden, zu verzögern oder ganz zu unterlassen. Die Furcht ist mehr als berechtigt: Viele Angriffe sind sogenannte Double-Taps. Dabei wird nach einem Beschuss gewartet, bis Rettungsteams vor Ort sind, und dann nochmals bombardiert.

Die furchtbaren Auswirkungen dieser Methode zeigten sich beispielsweise am 30. April. Nach einem Bombenangriff in Madschdal Sun waren Überlebende unter den Trümmern gefangen. Ihre Schreie seien deutlich hörbar gewesen, wie Augenzeugen berichteten. Aber kein Rettungsteam wagte es, sich dorthin zu begeben, da am Tag zuvor drei Rettungssanitäter am selben Ort von einem Double-Tap getötet wurden. »Es ist klar geworden, dass das wirkliche Ziel dieser Aggression die Zerstörung aller Grundlagen von Widerstandsfähigkeit und Leben im Libanon ist, indem humanitäre, medizinische und Hilfsorganisationen gezielt angegriffen werden, die zum Zufluchtsort für Verletzte und unschuldige Zivilisten geworden sind«, schreibt die Volkshilfe auf ihrer Webseite.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 7, Ausland

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