»Das große Problem ist Labour«
Über die kommunistische Bewegung in den 1970er und 1980er Jahren in Großbritannien, über Spaltungen und gescheiterte Vereinigungen. Ein Gespräch mit Dave Westacott
Sie blicken auf sechs Jahrzehnte des Aktivismus in der kommunistischen Bewegung in Großbritannien und Österreich zurück. Historisch betrachtet war die kommunistische Bewegung in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg schwach. Was führte Sie zunächst zur kommunistischen Jugend, der Young Communist League (YCL)?
Ich stamme aus einer kommunistischen Familie und wuchs in diesem Umfeld auf. Daher war es für mich im Alter von 16 Jahren ein natürlicher Schritt, der Young Communist League beizutreten. Das war 1968, und als ich dann nach Cardiff zum Studium ging, wurde ich Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens.
Die CPGB hatte damals 30.000 Mitglieder, aber darunter waren maximal 10.000 aktive. Als ich in Südlondon in eine neue Ortsgruppe kam, war meine erste Aufgabe, Broschüren in die Briefkästen inaktiver Mitglieder zu werfen. Damals gab es dort unzählige, von denen die Partei seit Jahren nichts mehr gehört hatte.
Sie waren zunächst in Cardiff in der CPGB aktiv. War es dort anders?
Nicht wirklich, denn der Revisionismus war in der Partei sehr stark, und 1968 erschienen die Gefängnishefte Antonio Gramscis, die großen Einfluss hatten. Aber sie waren zunächst ziemlich unklar und kaum verständlich.
Ich war damals in der Studentenorganisation aktiv, die der CPGB angehörte. Studenten konnten nicht mehr Teil der YCL sein, sondern mussten der Partei beitreten und waren in einer Studentenorganisation organisiert. Ich war auch Mitglied der nationalen Leitung der Studentenorganisation.
Können Sie erklären, was Sie mit »revisionistischer Tendenz« meinen?
Das Parteiprogramm hieß »British Road To Socialism«. Darin wird dargelegt, dass der Weg zum Sozialismus über eine Labour-Regierung führen werde, die von einer Massenbewegung außerhalb des Parlaments zu radikalen Reformen gedrängt werden soll, wodurch es zum Sozialismus kommen würde. Das ist eine sehr einfache Erklärung, und wenn es so eintreten würde, wäre die Etablierung des Sozialismus folgerichtig.
Aber in der Praxis führt dieses Programm zu einer Vielzahl reformistischer Verirrungen. Es führt zwangsläufig zu Parlamentarismus und erlaubt keine Alternativen dazu.
Und da hatten Gramscis Gefängnishefte tatsächlich einen negativen Einfluss gehabt?
Die Gefängnishefte wurden vor allem in der Studentengruppe gelesen. Der negative Einfluss war indirekt: Durch die Veröffentlichung der Texte stieg der Einfluss der Italienischen Kommunistischen Partei, des PCI, in der CPGB enorm an. Die PCI organisierte Schulungen und holte viele Mitglieder aus Großbritannien nach Italien für Seminare. Jeder musste mal nach Italien fahren und an Schulungen teilnehmen. Selbst meine Mutter wurde nach Italien geholt, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren inaktiv war. Es war absurd.
Die PCI war aber die führende revisionistische Kraft der westlichen kommunistischen Bewegung ihrer Zeit. Es war die Zeit des Eurokommunismus, und diese Ideen fassten dadurch verstärkt in der britischen Partei Fuß. Die Stimmungslage in der CPGB war damals: »Wir machen alles richtig, nur werden wir dafür leider nicht von den Menschen gewählt.«
Gewählt zwar nicht, aber wie sah es denn mit dem Einfluss der Partei in der Arbeiterklasse aus?
Auf dem Papier war die CPGB noch relativ groß und hatte in der Arbeiterbewegung einen gewissen Einfluss. Auch in der Leitung des Gewerkschaftsverbands TUC hatte sie Mitglieder wie Mick McGahey und George Guy. 1971 begannen die Arbeitskämpfe in der Werft auf der Upper Clyde in Schottland. Jimmy Reid wurde später damit in Verbindung gebracht, aber die Leute hinter der Organisierung der Arbeitskämpfe waren Jimmy Airlie und Sammy Barr, die alle in der CPGB waren.
Als Kommunisten in der Studentenvertretung in Cardif haben wir Geld für die kämpfenden Werftarbeiter gesammelt. Doch es war verboten, das Geld der Studentenvertretung für Zwecke außerhalb der Universität zu verwenden. Wir haben also das Geld von den Tischfußballtischen am Universitätsgelände genommen und an die Werftarbeiter gesendet. Diese Tischfußballtische standen aber hauptsächlich in den Einrichtungen der Vertretung der Sportstudenten, wo eigentlich nur die reichen Studenten aus der Oberschicht hingingen und deren Vertretung völlig reaktionär war. So haben die Kinder der Reichen über Monate hinweg die Spenden für die kämpfenden Werftarbeiter finanziert, ohne zu wissen, was mit ihrem Geld passiert.
Aber noch einmal zurück zu Gramsci und dem Revisionismus: Behaupten Sie also, dass der Revisionismus mit Gramscis Gefängnisheften in der CPGB Einzug hielt?
Der Prozess wurde dadurch gefestigt, doch der Bruch hatte damals schon stattgefunden. Es begann 1956 mit den Ereignissen in Ungarn. Damals unterstützte das politische Komitee zwar die sowjetische Linie, doch eine Minderheit bildete sich heraus, die dies ablehnte. Deutlich wurde das dann mit den Ereignissen von 1968 in der Tschechoslowakei, als die CPGB das sowjetische Handeln ablehnte. Der führende Theoretiker der britischen kommunistischen Bewegung, Rajani Palme Dutt, warnte vor dieser Position, doch sie wurde gegen seinen Rat eingenommen.
Wie gingen die Debatten in den 1970er Jahren weiter?
Mein erster YCL-Kongress war 1969; in den darauffolgenden Jahren, in der Mitte der 1970er Jahre, war ich aufgrund der beschriebenen Ereignisse relativ wenig aktiv. Erst als ich 1976 nach London zurückkehrte, wurde ich wieder stärker aktiv.
Damals gab es intensive Debatten über ein neues Parteiprogramm und die Broschüre »Time To Change Course« wurde veröffentlicht. Zuvor hatte die Partei immer noch ein Lippenbekenntnis zur Diktatur des Proletariats abgegeben. Doch mit dem neuen Programm sollte auch dies gestrichen werden. Theoretisch konnte das alte Programm von Marxisten noch irgendwie verteidigt werden, aber mit dem neuen Programm wurde das unmöglich. In diesen Debatten entstand die New Communist Party (NCP).
Können Sie mehr darüber erzählen?
Der Formierungsprozess begann in Südlondon, genauer gesagt im Bezirk Surrey. Die meisten Leute denken bei Surrey an die wohlhabenden Gegenden der dortigen Börsenmakler. Aber der Bezirk ist deutlich größer und umfasst auch weite Industriegebiete. Es gab dort eine Gewerkschaftsbasis der Partei. Gleichzeitig mit der Gründung der NCP begannen wir mit einer Wochenzeitung. 1980 wurde ich Schriftsetzer bei der Zeitung.
Wir hatten zunächst Gruppen in Südostlondon, Kent, Birmingham und Yorkshire, insgesamt knapp über 500 Mitglieder. Über die Jahre wuchsen wir kaum. Aber gleichzeitig ging die CPGB unter und verlor enorm viele Mitglieder.
Wie würden Sie die NCP heute beschreiben?
Sie war klar prosowjetisch und marxistisch-leninistisch. Sie stand im Gegensatz zum Reformismus und zum Revisionismus.
Wir hatten freundliche Beziehungen zur Sowjetunion, aber sie hat uns nie als offizielle kommunistische Partei anerkannt. Mit den Tschechoslowaken hatten wir gute Beziehungen, aber auch sie erkannten uns nie offiziell an. Aber sie haben unsere Druckerei finanziert. 1980 oder 1981 zogen wir in eine neue Immobilie in Clapham Junction, die von den tschechischen Genossen bezahlt wurde.
Wir hatten dann auch gute Beziehungen zur Volksrepublik Afghanistan, zu Äthiopien und zur Kommunistischen Partei Südafrikas. Sie alle haben uns anerkannt. Ebenso die Bewegungen und Parteien in Grenada, bei den Kubanern und vielen anderen. Wir unterhielten viele enge Beziehungen zu Parteien weltweit, aber diejenigen, die uns formell anerkannten, stammten alle nicht aus sozialistischen Ländern.
Und wie war das Verhältnis zu China und Albanien?
Wir waren gegen China. Bedenken Sie, dass China im Februar 1979 in Vietnam einmarschierte. Wir organisierten Demonstrationen gegen den chinesischen Einmarsch. Zur damaligen Zeit hatten wir bereits sehr, sehr enge Beziehungen zur Kommunistischen Partei Vietnams. Eines unserer Mitglieder war Florence Croasdell. Sie war eine Heldin in Vietnam und Generalsekretärin der Britisch-Vietnamesischen Gesellschaft.
Wie entwickelte sich die Arbeit der NCP? In den 1980er Jahren kam es auch zu einem Aufschwung der Arbeitskämpfe.
Wir hatten einen gewissen Einfluss auf den Bergarbeiterstreik von 1984/85. Das lag vor allem an unserer Gruppe in Kent, die dort eine bedeutende Rolle in der Bergarbeitergewerkschaft NUM spielte. Der Generalsekretär der Kent-NUM war Mitglied der Kommunistischen Partei, er hasste jedoch die CPGB und riet jedem, Mitglied der NCP zu werden. Ich wohnte zu Beginn des Bergarbeiterstreiks eine Zeit lang in seinem Haus, und wir veranstalteten viele Aktivitäten und organisierten Versammlungen.
Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass alle Beiträge der Jahre 1984 und 1985 im Onlinearchiv der NCP-Zeitung fehlen. Auch ein Brief, der vom damaligen Generalsekretär und mir unterzeichnet wurde und in dem wir Ende der 1980er Jahre unsere Position zur Sowjetunion revidierten, weil wir Glasnost und Perestroika ablehnten, ist aus dem Onlinearchiv verschwunden. Wieso das der Fall ist, weiß ich nicht.
Damals waren Sie Chefredakteur der Wochenzeitung New Worker.
Ich wurde 1985 inoffiziell zum Chefredakteur und ein Jahr später offiziell ernannt. Ich begann zunächst als Setzer, später wurde ich Schwerpunktredakteur. Wir hatten unsere eigene Druckerei. Die Auflage lag bei 4.000 Exemplaren, die nahezu alle in Großbritannien verkauft wurden. Ein sehr kleiner Teil ging ins Ausland, ein paar nach Afghanistan, etwa einhundert nach Äthiopien.
Ich war in den späten 1980er Jahren für den Umstieg auf Computer zuständig. Wir haben damals sehr viel Geld in die Digitalisierung investiert, hatten zwei Setzer und drei Drucker eingestellt, einer davon war Bill Benfield, der spätere Redakteur des Morning Star. Wir hatten mehrere Redakteure, einen Organisator im Nordwesten Englands und einen Arbeits- und Wirtschaftskorrespondenten in den Midlands. Er wohnte in Stoke-on-Trent, reiste durch das ganze Land und sendete seine Berichte von Gewerkschaftskonferenzen und anderen Veranstaltungen per Telefon aus Brighton, Blackpool und anderen Orten.
Der Fokus der Zeitung lag auf Industriethemen und Internationalem und war dabei klar prosowjetisch. Wir kooperierten mit der Wochenzeitung Soviet Weekly, die vom Londoner TASS-Büro herausgegeben wurde. Dort arbeiteten Mitglieder der CPGB und der NCP mit. In der CPGB gab es damals sehr viele Fraktionen, und eine davon war »Straight Left«, mit der wir bereits 1977 diskutiert hatten. Die Leute von »Straight Left« arbeiteten bei der Soviet Weekly mit. Sie gingen aber 1977 nicht mit uns zur NCP. Sie warfen uns später sogar vor, die Einheit der Partei zerstört zu haben.
Die TASS in Moskau gab immer Listen heraus, in denen ihre Berichte übernommen wurden, und da stand der New Worker immer ganz oben. Denn eigentlich übernahmen wir alles von der TASS.
In den 1980er Jahren gab es erneut Diskussionen in der kommunistischen Bewegung Großbritanniens.
1984/85 wurde die Communist Party of Britain (CPB) gegründet. Die Zeitung Morning Star war formell nicht Teil der CPGB, sondern wurde von einer Genossenschaft getragen. Auch viele Gewerkschaften hatten Anteile, etwa die Feuerwehr-, Bergarbeiter- und Bäckergewerkschaften. Aber die CPGB hatte den entscheidenden Einfluss und bestimmte die Chefredaktion.
Die Morning Star Group trennte sich zu jener Zeit jedoch von der Parteiführung. Ein Grund war die zunehmend reformistische und reaktionäre Position der CPGB-Führung. So griffen sie etwa die Bergarbeiter während des Streiks an und bezeichneten sie als Faschisten.
Für kurze Zeit brachte die CPGB dann die Tageszeitung Seven Days heraus. Die Leute um den Morning Star gründeten 1985 die CPB. Ich hatte auch Genossenschaftsanteile. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gab es Fusionsgespräche zwischen CPB und NCP sowie eine gemeinsame Konferenz. Ich glaube, es war 1990 oder 1991, als diese Einheitskonferenz organisiert wurde. Die CPB hatte damals 1.000 Mitglieder und die NCP 500.
Aber es kam dann nicht zur Fusion.
Es gab eine Fraktion in der CPB, die das Programm »British Road …« unterstützte. Für die NCP war das aber eine rote Linie. Bis heute erkennt die CPB dieses Programm an. Aber schauen wir uns doch die Situation der Labour Party heute an: Es ist völlig abwegig, dass heutzutage eine fortschrittliche Labour-Regierung an die Macht kommt und dass es eine Massenbewegung gibt, in der Kommunisten eine entscheidende Rolle spielen und dies dann zum Aufbau des Sozialismus in Großbritannien führen würde.
Damals war aber wohl der entscheidende Grund dafür, dass sich die NCP und die CPB in den darauffolgenden Jahren sektiererisch entwickelten und es daher nicht zu einer Vereinigung kam. Der Bruch kam dann bei den Londoner Bürgermeisterwahlen im Jahr 2000. Die CPB unterstützte den offiziellen Labour-Kandidaten Frank Dobson, und die NCP unterstützte den ehemaligen Labour-Abgeordneten und später unabhängigen Kandidaten Ken Livingstone.
Damals war ich jedoch nicht mehr Mitglied der NCP. Als ich England verließ, ließ ich auch meine Mitgliedschaft ruhen. Es kam dann zu einer Entwicklung, die ich als »neomaoistischen Wahn« bezeichnen würde.
Wie sehen Sie heute den Stand der kommunistischen Bewegung in Großbritannien?
Sie ist klein, ein Schatten ihrer selbst. Dennoch hat sie einen gewissen Einfluss auf die Gewerkschaftsbewegung.
Die Gewerkschaftsbewegung hat doch durch die Arbeitskämpfe der vergangenen Jahre einen gewissen Aufschwung erlebt?
Das ist aber nicht mit der Situation in den 1970er und 1980er Jahren vergleichbar. Die neuesten Mitgliedszahlen zeigen einen Anstieg, bei einem sehr niedrigen Ausgangswert. Heute sind rund 6,9 Millionen Menschen Gewerkschaftsmitglieder.
Das große Problem ist Labour. Es gab unter Jeremy Corbyn einen kurzen Moment, als Labour zu einer Massenbewegung wurde und auf 500.000 Mitglieder kletterte. Nun ist die Partei wieder auf 200.000 zurückgefallen und wird völlig vom rechten Rand dominiert.
Wieso kann die kommunistische Bewegung daraus keinen Nutzen ziehen?
Sie hatte ihren Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg erreicht. Die Partei hatte immer einen gewissen Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung, doch die Gewerkschaften sind mit Labour verbunden. Und Labour hat sichergestellt, dass linke Kandidaten niemals erfolgreich sein können. Als Corbyn das versuchte, wurde er innerhalb der Partei durch eine Kampagne angegriffen, die von der liberalen Zeitung The Guardian orchestriert wurde.
Dann entstand die neue Partei »Your Party«. Zunächst bekundeten 800.000 Menschen Interesse, daran teilzunehmen, doch sie zersplitterte sich völlig. Sie hatte aber vor allem keine Verbindung zu den Gewerkschaften und auch keine Strategie, wie sie aufgebaut werden könnte.
Wird sich durch die aktuelle Kampagne zum Labour-Vorsitz etwas ändern? Der Abgeordnete Andy Burnham, der frühere Bürgermeister von Manchester und mutmaßliche Nachfolger des zurückgetretenen Premiers Keir Starmer, wird als Kandidat der Linken dargestellt.
Nein, Andy Burnham ist der Kandidat der gemäßigten Linken, nicht mehr. Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er sich nie an der Hexenjagd gegen Corbyn beteiligte. Aber seine Politik ist wankelmütig, und er ist ein Opportunist.
Dave Westacott (geb. 1952) wuchs in einer kommunistischen Familie in London auf. Er schloss sich der Young Communist League (YCL) an. Während seines Studiums in Cardiff wurde er Mitglied der Communist Party of Great Britain (CPGB). 1977 war er Gründungsmitglied der New Communist Party (NCP) und wurde in den 1980er Jahren Chefredakteur ihrer Wochenzeitung New Worker. In den 1990er Jahren übersiedelte er nach Österreich und verließ die NCP. Nach einer kurzen Phase in der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) wurde er 2013 Gründungsmitglied der Partei der Arbeit (PdA).
Zur Person: Dave Westacott
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