Nicht mal in der Utopie ist es gemütlich
Mehr Action, mehr Metaphern: Über seinen Gedichtband »space waste«. Ein Gespräch mit Stefan Schmitzer
Ihre Gedichte handeln nicht von schönen Seelen oder hübschen Landschaften, Alltag veredeln sie nicht. Ihre Lyrik führt in den Weltraum – ein wilder Ritt durch Zeit und Raum, Wissenschaft und Dichtkunst mit einem Linksdrall. Wie kam das?
»space waste« hat ja zwei Hauptschauplätze: die große Müllhalde und die Umlaufbahnen. Beides Zusammenhänge, wo ein Kinderglaube an die Allmacht der Infrastruktur wirkt. Magisches Denken, das sagt, wir lösen soziale Probleme – Müll et cetera – durch Technik. Das All bietet den jüngsten Schauplatz dafür, aber auf der Müllhalde sehen wir, es wird wieder nicht klappen. Das wiederkehrende Motiv dieser Gedichte ist dementsprechend, dass es unmöglich ist, selbst so etwas Banales wie das Geräusch genau in Sprache zu fassen, das ein Müllsack macht, der von der Baggerschaufel fällt und platzt.
In Österreich ist es ja gute Tradition, sich mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache, etwas zu fassen zu kriegen, genau zu beschäftigen. Wie fanden Sie für »space waste« die Form?
Zuerst war »space waste« der Sprechertext zu einem spielerischen Dokumentarfilm gleichen Namens von Don Daedalus über Abfallwirtschaft – also etwas ganz Unpoetisches. Ich hatte dann den Ehrgeiz, dieses Dokumentarische ins Lyrische zu übertragen. Das hieß, in möglichst folgerichtig auseinander hervorgehende, möglichst »mündliche« kleine Einheiten zu gliedern und die fehlende Bildebene des Films durch mehr »Action« zu ersetzen, mehr Metaphern von Müll und Überschuss: den Sprachmüll der blind plappernden KI, Spiritismus, Futterinsektenzucht …
Die Reihe könnte man noch fortführen. Generell steckt eine Menge Wissen in Ihrem Gedicht. Plump gefragt: Hat die Literatur auch eine didaktische Aufgabe?
Ein Schuh wird draus, wenn wir sagen, der Reiz zeitgenössischer Lyrik besteht nicht zuletzt im möglichst leichtfüßigen Bereitstellen und Aufbereiten von mehr oder weniger entlegener Information. Ob das für sich schon Didaxe ausmacht?
Sie haben jedenfalls das »space waste«-Poem, wiederum Wissenschaftssprache, noch um drei Appendices ergänzt. Im letzten, »Über Poeten auf ihren Planeten«, geht es unter anderem um eine maoistische Besiedelung des Merkur. Wie können wir uns diese Gesellschaftsordnung vorstellen? Sie schreiben, dass dort alle arbeiten, aber auch das Verfassen von Romanen und Gedichten unter Arbeit fällt.
Fairerweise müssen Sie dazusagen, dass ja der ganze dritte Appendix aus parodierten Utopien besteht – auf jedem Planeten eine andere, jeweils betrachtet unter dem Gesichtspunkt: »Wohin mit der Dichtkunst in jenen Gesellschaften?« Das folgt aus dem vorhin Besprochenen, dem Interesse für magischen Kinderglauben, der sich mitunter fälschlich für Vernunft hält und Politik machen – Geschichte verstehen – will. Erst auf der Sonnenoberfläche endet die Reise, weil da, nach hundert Seiten Erzählgedicht, unter dem Einfluss der dort so viel höheren Gravitation, endlich aufgeschrieben werden kann, wonach das Gedicht ganz am Anfang fragt: wie das klingt, wenn jener Müllsack fällt. Der Selbstwiderspruch des Gedichts – das sagt, es kann etwas nicht sagen, und dieses etwas damit erst recht sagt – kommt zu Ende. Und genau da gibt es dann keinen locker-flockig ausgebreiteten Gesellschaftsentwurf mehr. Was meine Merkur-Maos betrifft: Es ging mir da mehr darum, spielerisch auszuarbeiten, was partizipative Teilhabe an der »ernsten Literatur« bedeuten könnte. Richtig gemütlich ist es jedenfalls auf keinem der utopischen Planeten in »space waste«, das ist der Punkt.
Dann sollten wir auch ungemütlich enden und etwas expliziter politisch. In der BRD sind die Missetaten des obersten Kulturbeauftragten Wolfram Weimer in aller Munde. Wie steht’s um die Freiheit und Förderung der Literatur in Österreich?
Klar wird gespart, und das geht an die Substanz – unter Funktionär*innen und Kulturschaffenden grassiert, soweit ich sehe, die »Suche nach dem zweiten Standbein«. Ein alter Hut ist dabei, dass die Kultur in Österreich immer noch verhältnismäßig weit besser gefördert wird als in Deutschland. Die kulturpolitischen Frontlinien verlaufen ein bisschen anders, und so offene, tollpatschige Interventionen wie die von Weimer blieben meines Wissens bislang mehr oder weniger aus.
Stefan Schmitzer ist Schriftsteller und Redakteur der Literaturzeitschrift Perspektive in Graz.
→ Stefan Schmitzer: space waste. Ritter-Verlag, Klagenfurt 2026, 112 Seiten, 17 Euro
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