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Aus: Ausgabe vom 20.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

An der Quelle

»Five Preludes«: Saâdane Afifs erste Berliner Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof
Von Vincent Sauer
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Aus neu mach alt: Die Kunst ist auf der Seite des Staubs

Angefangen hat es als Hobby. Um in der Kunstwelt auf dem laufenden zu bleiben, begann Saâdane Afif damit, Zeitschriften und Bücher zu sammeln, in denen das berühmte Urinal abgebildet ist, mit dem Marcel Duchamp vor 109 Jahren in New York weltberühmt wurde. Der französische Exmaler (»Die Malerei ist am Ende«, urteilte er 1912) spielte einem noch auf Genialität und Schöpferkraft versessenen Kunstbetrieb einen sehr nachhaltigen Streich: Duchamp stellte das unziemliche, im Fachgeschäft erworbene Ding der Firma J. L. Mott Iron Works aus, taufte das Objekt »Fountain« (Quelle), signierte es mit R. Mutt, etablierte die Konzeptkunst (er hatte bereits seit 1913 Readymades gezeigt) und stellte den Werkbegriff in Frage. Afif beschäftigt sich mit der ollen Institution Kunst, ihren Palästen, Grenzen und ihrem Vertriebssystem in einer Ausstellung im Berliner Museum Hamburger Bahnhof.

In Vitrinen stehen Metallregale, vollgestopft mit Publikationen. »From Hegel to Madonna« (Robert Miklitsch, 1998) findet sich, auch »The Annotated Mona Lisa. A Crash Course in Art History from Prehistoric to Post-Modern« (Carol Strickland, 1992) oder ein von Bild herausgegebenes Buch über Kunst und Architektur. Afif hat aus diesen Büchern jeweils die Seite herausgerissen, auf der Duchamps »Fountain« zu sehen ist, das Blatt gerahmt, verkauft, um von dem Geld weitere Druckerzeugnisse zu kaufen, in denen sich ein Bild vom Urinal befindet. 1.001 Exemplare umfasst diese über zwölf Jahre außer Gebrauch hinter Plexiglas versammelte Bibliothek. Beschädigt sind die Exponate im Prinzip alle. So verwandelt sich die Apparatur für die Notdurft erst in eine Skulptur, um dann andernorts zunächst zwischen zwei Buchdeckeln als Foto reproduziert zu werden, um schließlich in einem Rahmen zu landen, der dieses in eine Installation einordnet. Die Vervielfältigung treibt Afif auf die Spitze, wenn er Artikel über seine Sammelaktion aus Zeitschriften reißt und wiederum rahmt. Unter anderem wurde in Joseph Beuys’ Geburtsstadt Kleve darüber berichtet. Der Wertschöpfung sind kaum Grenzen gesetzt, wenn die selbstreferentielle Kunstwelt mitspielt.

Diese beiden »Fountain Archives« sind Teil von Afifs »Five Preludes«, die im Hamburger Bahnhof ausgestellt werden. Ein Raum ist nach der surrealistischen Anthologie des schwarzen Humors benannt und zeigt ein Miniaturmodell des Pariser Museums Centre Pompidou als Sarg. Den ließ Afif in Ghana von dem Kunsthandwerker Kudjoe Affutu herstellen, wo es eine Tradition figürlicher Särge gibt. Um das Objekt herum stehen, ganz europäisch, Poller aus Aluminium. Erfolg führt zu Institutionalisierung, zu Musealisierung, bedeutet irgendwann, unantastbar zu sein, jeder praktischen Interaktion entzogen, Tod. Afif hinterfragt so, zu welchem Ende man eigentlich versucht, in diesem Kunstbetrieb zu reüssieren. Ist das große Ziel die Unberührbarkeit?

Der morbide Witz kontrastiert mit einem Raum, der in Gelb gehalten ist und »sechzigtausend Millimeter unendlicher Möglichkeiten« zeigt, ganz simpel durch dreißig gelbe Zollstöcke, die an den Wänden zu Sternen, Häusern, Pac-Man werden. Das Maßwerkzeug bildet ein Bild, Symbol; statt Zentimeter zu zählen, dient es der Phantasie, vielleicht recht naiv, aber doch als Umfunktionierung, die eine Qualität der Zollstöcke verdeutlicht, die man sich nicht erlaubt zu sehen. In jedem Raum hat Afif befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen, »Lyrics« beizusteuern, Gedichte, die an den Wänden in Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch auf die jeweilige »Prelude« mal mehr, mal weniger gekonnt reagieren und die Künstlerautorschaft unterlaufen.

Die Arbeit »The Old« zeigt alte, von unten beleuchtete, ramponierte Staubsauger der Firma Hoover, wiederum in Vitrinen. Damit reagiert Afif auf Jeff Koons’ »The New«, der dieselben Modelle als makellose, taufrische High-End-Technik vor mehr als dreißig Jahren ausstellte. So lässt er vermeintlich ewige Readymades altern. Die »Lyrics«-Dichter sind auf der Seite des Staubs. Duchamp gelang es sogar einstmals, Staub auszustellen. Museen aber sind saubere, geschlossene Räume. »Live« nennt Afif eine Wand, auf der in regelmäßigem Wechsel Berliner Werbeplakate ausgestellt werden. Die Außenwerbung wird nach innen verlegt, das Objekt verändert sich, abhängig von dem, was die Stadt an Veranstaltungen hergibt.

Saâdanr Afif löst die Grenzen der Institution Museum auf; was sie an Wertgegenständen versammelt, wird der Endlichkeit überführt. Seine Arbeit lässt sich als Plädoyer für den Gebrauchswert der Welt lesen. Absurd wirkt dann das Bedürfnis, Gegenstände wegen ihres von Marktspekulation festgelegten Wertes wegzusperren. Afifs Konzeptkunst liefert konsequenterweise keine Meisterwerke, bringt einen aber auf Gedanken.

Saâdane Afif: »Five Preludes«, Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, 10557 Berlin, bis 13.9. 2026

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