»Als Kokain ins Spiel kam, war es nicht mehr lustig«
Harald Grosskopf veröffentlicht sein neues Album »Glitches Brew« und blickt auf gut sechzig Jahre Musikgeschichte zurück
Schaut man auf Ihre Mitgliedschaft bei deutschen Bands, möchte ich am liebsten niederknien: Es beginnt mit Wallenstein, geht weiter mit den Kosmischen Kurieren, über Klaus Schulze bis zu den 17 Hippies. Sind Sie eine feste Säule des Krautrocks, der deutschen Avantgardemusik. Was war für Sie die musikalisch wertvollste Zeit?
Niederknien ist nicht notwendig. Die ersten Erfahrungen mit Rockmusik habe ich in den 1960er Jahren als Konsument gemacht, da hörte ich die Beatles, die Rolling Stones, dann Cream, Jimi Hendrix und Pink Floyd. Diese Bands und Musiker ließen in mir den Entschluss reifen, selbst Musik zu machen. Mit Wallenstein erlebte ich die ersten Schritte in der Rockmusik, mit denen ich auch professionell wurde. Allerdings waren wir naiv und gingen einfach nur unserem Traum nach: Wie unsere Vorbilder Rockstars werden.
Interessant ist, dass Sie mit Witthüser & Westrup auf deren Album »Bauer Plath« mitspielten. Konnten Sie mit dem Duo überhaupt normal aufnehmen? Bernd Witthüser hat schließlich im Lauf seines Lebens viel Feenstaub und Ganja zu sich genommen.
Mit Witthüser nahm ich 2010 noch das Album »Kasablanca« auf. Bernd lebte ja lange Zeit in Italien, war dort als Straßenmusiker unterwegs und trat sogar öfter im Fernsehen auf. Keiner wurde zur Einnahme von Drogen gezwungen, doch irgendwie hat jeder mitgemacht. Als Kokain ins Spiel kam, war es nicht mehr lustig, und ich hielt mich dann auch raus. Einige Musiker nahmen das Zeug extensiv und konnten damit nicht mehr aufhören. Ein Musiker von Ashra, bei denen ich eine Zeit lang mitspielte, hatte wegen der Drogen Psychosen.
Die Cosmic Jokers und die Kosmischen Kuriere sind für mich Höhepunkte des Krautrocks. Ihre Alben erschienen alle 1974. Entstand die Musik durch freie Improvisation?
Bei den Aufnahmen wurde viel improvisiert. Mit beiden Gruppen saß ich im Studio und nahm auf, was möglich war. Vieles fiel uns spontan ein. Besonders die Cosmic Jokers schufen eine tolle erste Seite, die mir bis heute sehr gut gefällt. Höre ich die anderen Stücke, denke ich: Da muss irgendwo noch besseres Material vorhanden sein, das bisher keiner entdeckte. Während der Aufnahmen lief Tag und Nacht ein 24-Kanal-Band mit.
Mit Klaus Schulze haben Sie fünf Alben eingespielt. Konnten Sie sich an den Kompositionen beteiligen oder war hier auch Improvisation dabei?
Diese Zusammenarbeit war für mich der Höhepunkt meiner Karriere. Im Vorfeld der Aufnahmen hatte ich sowieso keine Lust mehr auf Rockmusik, wollte nicht auf amerikanische Vorbilder schielen. Einige Musiker mit viel Selbstbewusstsein begannen zu dieser Zeit mit Synthesizern zu experimentieren und arbeiteten mit Computern. Es wurde programmiert, und die analogen Geräte kamen nur noch wenig zum Einsatz. Klaus Schulze war in dieser Beziehung ein Vorreiter. Er fragte mich, ob ich mich bei seinen Alben mit einbringen will, was mir sofort zusagte.
Joachim Witts »Silberblick« wäre wohl ohne Sie nie das Hitalbum der Neuen Deutschen Welle geworden.
1980 hatte ich mein erstes Soloalbum »Synthesist« aufgenommen, das erst noch erscheinen sollte. So spielte ich mit Lilli Berlin. Unser Produzent war Gitarrist bei der Band Düsenberg, bei denen Witt am Mikro stand. Ich übernachtete dann auch bei ihm in Hamburg, in seiner Sozialwohnung. Witt spielte mir seine Songs vor und ich ihm meine, die ihm gefielen. Einige Wochen später fragte er mich, ob ich nicht mit Sounds helfen könnte. Das daraus entstandene Album »Silberblick« interessierte zunächst keinen. Erst nach einem Jahr, als gerade das zweite Werk erschien, entwickelte sich »Silberblick« zu einem Hitalbum und verkaufte sich plötzlich hervorragend.
Warum war der Band Lilli Berlin kein Erfolg vergönnt?
Als wir Musik aufnahmen und tourten, begannen einige Musiker auf Deutsch zu singen, waren herrlich frech und entwickelten einen neuen unbekümmerten Sound. Unsere Sängerin wollte das allerdings nicht. Bald begannen die Plattenfirmen jeden einzukaufen, der nur eine Gitarre halten konnte und dazu auf Deutsch sang. Alberne Lieder zerstörten eine aufmüpfige und alternative Musikrichtung. Man hatte sich sattgehört. 1982 brach ich die Karriere in der Neuen Deutschen Welle ab und versuchte, meine Solokarriere voranzubringen.
Sie haben bei mehr als 100 Alben mitgewirkt. Wenn jemand nach so vielen Jahren erst jetzt Ihre Musik entdeckt, was empfehlen Sie?
Bei Wallenstein waren originelle Stücke dabei, die bis heute hörenswert sind. Dann kommt Klaus Schulze und schließlich der Einstieg in die Soloaufnahmen, die mir wichtiger sind als die Neue-Deutsche-Welle-Musik. Nicht zu vergessen Ashra, bei denen ich auch mitwirkte. Mit der Band gestaltete ich eine interessante Mischung, die zwar noch an Rockmusik erinnerte, aber einen eigenen Sound mit eigenen Akkordfolgen und Melodien präsentierte. Wir spielten viel live, tourten durch Frankreich und Japan, immer vor großem Publikum. 1997 bin ich dann mit Manuel Göttsching, dem Gründer von Ash Ra Tempel beim Burg-Herzberg-Festival aufgetreten. Dabei war auch der Keyboarder und Programmierer Steve Baltes, der dem Sound eine Frischzellenkur verpasste, Bassläufe vom PC beisteuerte und die Harmonien aufzeichnete. Wir konnten also Harmoniewechsel durchführen und herrlich improvisieren. Später trat ich mit Sunya Beat noch zweimal dort auf.
Demnächst erscheint Ihr neues Album »Glitches Brew«. Hatten Sie hier Mitspieler?
Alles ist von mir, vom Schlagzeug bis zu den Synthesizereinspielungen. Ich ersetzte Improvisationen durch kleine Kompositionen.
Drei Songs sind bei mir besonders haften geblieben: »Flow«, »Lilalu« und »Kalter Lärm«. »Flow« klingt etwas nach Kraftwerk, oder habe ich mich da nur verhört?
Das kann möglich sein, allerdings war ich nie ein großer Kraftwerk-Fan und kümmere mich nicht um Musik anderer Bands. Manchmal höre ich Musikstücke, die ich unbewusst verinnerliche und in meine Sounds einbaue. Übereinstimmungen sind nie beabsichtigt.
»Lilalu« ist ruhig und »Kalter Lärm« herrlich verwirrend und voller Überraschungen. Wie entstanden diese Lieder, und wie kamen Sie auf die Titel?
Mit meinen Alben will ich immer musikalische Kontraste aufbauen. Ein Song entstand mit dem Musiker Eberhard Kranemann, der bekanntlich Kraftwerk mitgründete und bei Neu! aktiv war. Mit ihm entwickelte ich vor einiger Zeit (2017, jW) das Album »Krautwerk«. Den Namen wollte Ralf Hütter verbieten und klagte dagegen, da angeblich Namens- und Urheberrechte verletzt wurden. »Krautwerk« ist sehr zu empfehlen, denn hier trifft die aufmüpfige Musik von Eberhard auf meine Musik, die aus Harmonie besteht. Manchmal wache ich nachts auf, erinnere mich an Songtitel oder Wortspiele, die ich aufschreibe. Viele Ideen entstehen aus einem Zufall heraus oder sind intuitive Entscheidungen.
Werden Sie mit dem Album auf Tour gehen und vielleicht sogar wieder auf Festivals spielen?
Wenn meine Krebstherapie erfolgreich ist und ich beim nächsten Arztbesuch positive Befunde bekomme. Gerne erinnere ich mich an meine letzten großen Konzerte, die 2024 in China stattfanden. In den Konzertsälen erlebte ich den besten Sound meines Lebens, alles war phantastisch organisiert, und die Zuschauer waren total begeistert. Ein Jahr später spielte ich mit den Tangerine-Dream-Mitgliedern Thorsten Quaeschning und Paul Frick in Berlin und in den Niederlanden. Wenn so etwas wieder passiert, wäre das toll.
→ Der 1949 in Hildesheim geborene Harald Grosskopf ist eine feste Größe in der Welt der elektronischen Klänge. Er wirkte bei über 100 Alben mit, spielte mit Wallenstein, Ashra, Klaus Schulze, Mitgliedern von Tangerine Dream und veröffentlichte Soloalben. 2026 ist sein neues Werk »Glitches Brew« erschienen.
→ Harald Grosskopf: »Glitches Brew« (Bureau B)
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