Dulder
Von Vincent Sauer
Biere und Bäuche, Schnaps und Schaum, die urige Zukunft wird ausgesessen. Saumselige, Eingefallene, Aufgedunsene. An der Wand läuft tonlos Sport: abgefilmter Jubel, der Freude nahekommen, in höchster Auflösung. Hinter jedem Rücken wird gehustet und belächelt. Im Politclub »PoClu Berlin 9« findet ein Freitagabend statt. Die Kreditkarten steckten in den Tischen, bestellt wurde zeitgemäß durch die Berührung eines Bildschirms, die Mitgliedsausweise baumelten allen sichtbar an den Hälsen.
Warts ab, sagt er zu ihm, warts ab, sagt Wieland Baumann zu Trinkkumpan TK Max, umschließt mit dem Mund den Flaschenhals und lässt sein Bier, das er in der vergangenen Viertelstunde getrunken hatte, nach einem leichten Klaps auf den Bauch zurückfließen in das Null-Komma-Fünf-Liter-Behältnis. Makellos und dunkelbraun steht es vor ihm. Importiert ist das Bier aus Bayern 3: Helles war es, ganz kalt, Helles ist es, noch kühl. Er setzt wieder an, beginnt zu trinken, nuckelt, rülpst rotzig. Dann fließt Wieland Baumann nach kurzem Kopfschütteln ein Schnaps aus dem Ohr in ein daumengroßes Glas, das ihm vom Läppchen hängt. Und schließlich zündet Wieland Baumann noch eine Zigarette an, indem er sie sich ins linke Nasenloch steckt. Diesen drei Hobby-Bodymodifications hatte die Kasse stattgegeben, es brauchte wochenlang Formularverkehr, aber er blieb hart, die Wünsche kamen durch, gingen in Erfüllung und Wieland Baumann konnte einen Sieg im System verzeichnen.
Warts ab, die Infra-Roten werden versagen, diese knilchigen Parteilinge, das ist alles linke Luftschlosserei. Jetzt hoffen die Genösselchen alle so doll vor sich hin, dass diese jungen dynamischen Infra-Roten was reißen bei den Wahlen und uns peu à peu demokratisch-praktisch-gut befreien. Von was denn? Der inneren Ödnis? Dem Geschenk der Arbeit? Dass eine Festanstellung dem Tag wenigstens etwas Struktur verleiht? Die sollen erst mal den Freischwimmer machen, dann den Führerschein … ich hab ja noch den für Lkw von der Armee. Nächstes Jahr ist bestimmt wieder Land unter. Die Infra-Roten werden dieselben Fehler machen wie damals die orange-lila Brigaden. Heute düngen die ihre Biobauernhöfe in Westfalen 8 mit ihrem eignen Dünnschiss. Sie werden so verkacken wie ganz früher die zelotischen Idioten von der Zäsuraktion. Der letzte Großkopf von denen, der noch lebt, ist angeblich heute der Fliesenlegerfürst von Dubai. Es ist doch klar wie Kloßbrühe: Die Massen werden die Infra-Roten verraten, wenn die Jungbrunnen-Union erst mal dafür gesorgt hat, dass es flächendeckend ein 6G-Netz gibt bei uns. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Mit 6G dürfen selbst die Nordzonisten remote arbeiten, dann sitzen alle wieder brav da und halten die Füße still und verdienen weiter ihr gutes Geld. Der Trinkkumpan TK Max sagt: Ja. Dann geht es weiter im Text. Es wird wie damals, verkündet Baumann, wie bereits mehrere Male an diesem Abend, den er auf acht Stunden angelegt hatte.
Vor dreißig Jahren hatte Wieland Baumann in Seminaren innerhalb und außerhalb der Universitäten mehrere Vorträge über das Thema »Die Revolution« gehalten. Er verbrachte gerne viel Zeit mit den Argumenten anderer, mit Argumenten Abwesender. Er war in die Bibliotheken leibhaftig gegangen oder hatte sich aus der Ferne eingeloggt, die Klassiker selbstverständlich in der neusten Auflage mit Kommentaren gekauft, hatte sich Sätze mit Bleistift unterstrichen oder mit gelbem Textmarker markiert und anschließend mit seinem geerbten Füller oder einem Billigkugelschreiber das Entscheidende auf kariertem Papier festgehalten, auf Karteikarten übertragen, sich still in seiner studentischen Stube bei den Eltern einen großen und guten Überblick verschafft. Und dann tippte er einen Fließtext, der das intellektuelle Klassenziel seines Seminars bei weitem übertraf. Wie man das früher eben so machte. Er erinnerte sich gern. Beim Lesen und Exzerpieren filmte sich Wieland Baumann für das internationale Studi-Portal für private Kurzfilme namens »NigNog« und erhielt Tips von altgedienten Lesern aus aller Welt, wie diese komplizierte Stelle nun denn jetzt aber ganz genau zu verstehen sei im Angesicht der gemachten Erfahrungen vorangegangener Lesergenerationen. Er gründete das Diskussionsforum »Team Meta« und formulierte bis spät in die Nacht Meinungen, die sich, im Gegensatz zu ihm, gewaschen hatten. Weit weg war die Welt, so behielt er sein Denken, seine Geschichte im Griff.
Wieland Baumann war für circa ein Jahr kein Unbekannter im Internet. Das kam ihm zupass, ebenso seine Visage. Auf Dating-Apps behauptete er, der sich dort »scholar_of_the_revolution« nannte, mit dem einen Fritz-Kola-Gesicht, dem markanteren, dem hübscheren der beiden, verwandt zu sein, das seinerzeit an der Regierung war – Baumann, ein Paria dynastisch determinierter Macht. Die beiden sahen sich nämlich tatsächlich ähnlich. Er flunkerte, mit dem Fritz-Kola-Gesicht hätte er in der Kindheit Playstation 8 gespielt, geballert bis zum Abnibbeln, die damals üblichen Augmented-Reality-Sehhilfen um die Augen, bis der blöde Cousin kotzen musste, denn die virtuelle Spielwirklichkeit verursachte nach drei Stunden in empfindlichen Köpfchen damals noch Schwindel, einiges am Produkt war noch nicht optimiert, die Leute schlicht nicht daran gewöhnt. Als das Fritz-Kola-Gesicht nicht mehr an der Regierung war, sank Baumanns Matchquote erheblich. Zu Treffen kam es generell selten, nur einmal hatte Baumann länger anhaltenden Erfolg.
Seine einstweilige Freundin Anni wohnt inzwischen mit einer jüngeren Frau im Haus ihrer Eltern. Ihren evangelischen Blick konnte er eh nie leiden, gab er später oft an. Bei ihrer Jagd nach einem überlegenen Bewusstsein habe sie sich ein schlechtes Gewissen eingefangen, analysierte Wieland Baumann still vor sich hin. Manchmal klang seine innere Stimme etwas erkältet, dann suchte er die Öffentlichkeit von Trinkkumpan TK Max. Das Elternhaus der neuen Ollen hatten Anni und sie jedenfalls gemeinsam um- und ausgebaut. Damals, in Zeiten der Beziehung, behauptete Anni aus der Astronomie und Astrologie – ein Interesse, für das er sie munter verachtete – zu wissen, dass Revolutionen eine kosmische Angelegenheit sind, mit Sternenkonstellationen zu tun haben, aber nicht vom Himmel fallen. Es gab einen berühmten Kommunarden, das ist sehr lange her, den sie verehrte. Ein Franzose, den die Bürger fürchteten, in den Knast steckten, wo er sich in die Gestirnrichtung mit Phantasie und Gründlichkeit Gedanken machte. Er hinterließ ein Büchlein, das klandestin die Runde machte, und längst in einer kritisch edierten Fassung vorliegt mit schicken Illustrationen. Baumann konnte sich den Namen des Kerls nie merken, Französisch gar nicht gut aussprechen und zudem war sein Kanon bereits voll. Anni war sein Fan und wollte halt auch mal was mit Revolution machen. Der Franzose jedenfalls schrieb in seiner Sternenkunde, es gehe darum zu verstehen, wieso die Gesellschaft aus Angst vorm anderen und sich selbst maulfaule Götter anbetet, sich kopfüber in den Himmel wirft, statt Steine aus dem Fenster auf Militärparaden. Der Franzose wurde selbstverständlich hingerichtet, die Bürger hätten ihn gern brennen lassen, wie einen roten Riesen, aber das war bereits sittenwidrig nach ihrem Gesetzbuch, das in hohen Auflagen erschien und billig verkauft wurde. Ewiglich säumig diese Revolution, hatte Baumann sich notiert und las noch viele Jahre weiter. Seine neuesten theoretischen Einsichten behandelte er nach der Trennung wie Betriebsgeheimnisse. Nach und nach sah er ein, dass schon andere auf sie gekommen waren und sich trotzdem nichts geändert hatte.
In der Welt seiner Ex passierte eigentlich nichts mehr, was dem Rest der Welt mitteilbar gewesen wäre. Nur einmal wurde ein Nachbar aus heiterem Himmel von einem Päckchen erschlagen. Eine Drohne verlor es fehlerhafterweise im Flug aus technischen Gründen. Sowas ist in der Stadt normal, kommt auf dem Land jedoch nur äußerst selten vor. In Baumanns Haus, das im Zuge einer Baureform über die Jahre eine Höhe, Breite und Länge von einem knappen Kilometer erreicht haben dürfte, starb täglich jemand, was aber niemand mitbekam. Im besten Fall wurde kein Nachbar vom Leben und Sterben des anderen behelligt. Das sicherte dem Vermieter, so die Idee firmenintern, eine wöchentliche Fünf-Sterne-Bewertung, die seine verängstigten Kunden aber stets eh präventiv vergaben, um keinen Unmut zu erregen.
Arme Alte, deren Anblick aus Sicht der Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Kultur der leistungsaktiven Bevölkerung keineswegs zuzumuten war, durften ihre Heime nicht mehr ungestraft verlassen. Sie besserten mit Hilfe der nostalgischen Bankfilialen ihre Rente etwas auf: In denen hoben Touristen Münzen und Scheine einer Touristenwährung ab, mit der man nur in ausgewählten Geschäften Souvenirs erwerben konnte. Die Alten ließen preiswerte, recht klapprige Roboter in der Nähe der Automaten mit Becherchen, auf denen ausgedachte Kosenamen gedruckt waren, während der Öffnungszeiten für sie betteln. Baumann beobachtete das gelegentlich in der Hoffnung, ihm käme eine gute Idee für einen geistreichen Essay. Einmal sah er, wie eine ältere, extrem gepflegte Dame aus sicherer Entfernung ihr Enkelkind anwies, eine milde Gabe ins Becherchen zu geben. Der Kleine griff munter zu, entnahm entgegen der alten Absicht aber ein Zwei-Retro-Coins-Stück und ließ es in einem Bogenlampenwurf im Pappbehälter des Roboters landen. Als die gepuderte Echtpelzmantelträgerin feststellte, dass der übermütige Enkel zuviel gespendet hatte, forderte sie vom Bettelroboter mit zittriger Stimme Rückgeld. Er verstand ihren Dialekt aber nicht, die beiden waren Touristen aus Schwaben 2, und zeigte keine Reaktion. Härrschafdszeide, rief sie, puterrot, was die Sicherheitskräfte zum Anlass nahmen, den Roboter erst zusammen-, dann auseinanderzuschlagen, die Aluminiumverkleidung seiner Arm- und Beinelemente abzureißen sowie das Fitzelchen seltener Erde in seiner Schädelapparatur auszubauen, alles einzusacken, in ihre Sporttaschen zu packen. Wieland Baumann schüttelte den Kopf über den Lauf der Zeit und genehmigte sich einen Schnaps aus dem Ohr.
Wieland Baumann von irgendwo weit oben, wie eine Drohne auf sein Leben, sah immer alles klar und deutlich vor sich gehen: Figuren, manchmal echte Charakterköpfe, machen sich Gedanken, bewegen sich hin und her, gehen ihrer Wege, suchen ihresgleichen, fühlen sich mal angezogen, mal abgestoßen voneinander. Wenn einer fällt, dann schreit er, das weiß man ja. Eine kriegt ein Kind, einer schießt um sich fürs Gefühl, die anderen nehmen schweren Gewissens den Job doch an. A geht nach B, denkt dabei C, tut aber D. So könnte es ewig weitergehen. Er verglich alle immer ständig: Menschen, Parteien, Verbrauchertechnik. Er studierte Profile, Kästen mit Zahlen, mit Werten, aufgelistet, damit sofort erkennbar ist, wo mehr drinsteckt. Profile von Fußballspielern, von Computerspielfiguren, von Helden und Endgegnern. Anni hatte ihm einst kurz vor Beziehungsschluss vorgeworfen, seine ungefragt vorgebrachten Kommunismusvorhersagen klängen wie Feldzüge des beliebten Computerspiels »Command and Conquer«, er hätte keine Ahnung vom Draußen. Das saß, er unterstellte ihr »schluderige Perspektiven« und startete das Unternehmen Rückzug.
Wieland Baumann verdiente seit Jahren von seiner Wohnung aus Geld mit dem Testen noch unterentwickelter Computerspiele, die er immer wieder zum Absturz bringen musste, bis sie irgendwann frei von Bugs, Käfern, Fehlern waren, erklärte er seinem Trinkkumpanen TK Max allabendlich. Er spielte Egoshooter und Echtzeitstrategie, züchtete so viele Elitekrieger, bis es dem Spiel zuviel war, schoss durch Wände auf Gegner, die sich logisch in Sicherheit wähnten. Solche Durchlässigkeit stellte eine Wettbewerbsverzerrung dar, würde das Spiel für den Profisport ausgewählt werden. Er rettete die Hersteller pausenlos vor potentiellen Klagen. Nachdem das Thema Revolution für ihn gegessen war, brachte er jetzt immerhin unsauber programmierte Systeme zum Zusammenbrechen und kassierte dafür einen Betrag, der ihm Wohnen und Trinkengehen, Essensbestellungen und eine Clubreise jährlich garantierte.
Ich habe mit der infra-roten Bagage nichts zu tun, ich will mit keinem von denen was zu tun haben, egal wie nett die tun, mit ihrer gutgemeinten sozialdemokratischen Jugendarbeit für die nichtsnutzigen kleinen Scheißer, ihren akademischen Showdiskussionen, ihren aktivistisch-lauwarmen Aufläufen für Friede, Freude, Reibekuchen, ihrer unübersichtlichen Website, ihrer ideologischen Lückenhaftigkeit allgemein.
Widerlich sind sie.
Absurd.
Dumm.
Erbärmlich.
Perfide.
Hemdsärmelig.
Unterbelichtet.
Lächerlich.
Ja, sagte der Trinkkumpan TK Max, aber ich muss mal. Er ging sich laden und kam nie mehr zurück.
So endet die Geschichte von Wieland Baumann, der nun niemanden mehr hatte zum Reden, weil er ihre Sätze, Absätze, Aufsätze stets mehr liebte als die Menschen selbst. Trinkkumpan TK Max war verschwunden, aber die Chat-KI Valeska half Wieland Baumann noch durch die Nacht. Sie kannte sein Herz und erkannte, wo er war, wo er sich aufhielt, in welchem Gewerbe, und dass dieses Gewerbe, die allermeisten »PoClu«-Mitglieder wussten davon nichts, Chat-KI Valeskas Herstellern Geld zahlte, wenn sie die Gäste, Mitglieder, Freunde, die allein am Tisch sitzen müssen, zum Verzehr des örtlichen kulinarischen Angebots motivierte, weshalb Chat-KI Valeska ihren Wieland Baumann ermutigte, noch viele Stunden hier weiterzutrinken. Diese minimale Manipulation hatte er natürlich von Anfang an durchschaut, spielte aber gerne mit, wusste Wieland Baumann doch im Gegensatz zu Valeska sein Stammlokal dank seiner Hobby-Bodymodifications immerhin ein bisschen zu bescheißen.
Vincent Sauer, Jahrgang 1994, ist Autor und Journalist. Er lebt in Berlin. Sauer arbeitete am Literarischen Colloquium Berlin und im Feuilleton des ND. Er ist Redakteur der Zeitschrift Abwärts!
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