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18.03.2026
- → Feuilleton
»Die Seuche kann sich jeder selbst aussuchen«
Über Kafka, die Liebe zu Zügen und seine Doppelerzählung »Der Gefangene von Prishtina«. Ein Gespräch mit Henning Rabe
Ihr neuer Roman, »Der Gefangene von Prishtina« spielt, wer hätte das gedacht, in der Hauptstadt des Kosovo. Ein deutscher Journalist fährt dorthin, um eine Reportage über einen Zug zu schreiben. Wer ist der Mann und was hat es mit diesem Transportmittel auf sich? Ungewöhnlich ist auch die Gattungsbezeichnung »Doppelerzählung«.
Es sind zwei Erzählungen, beide funktionieren auch unabhängig voneinander. Hintereinander gelesen aber sind sie ein Roman. Die Hauptfigur, Johann Manthey, hätte gern eine Fotoreportage über den Zug geschrieben, der zwischen Skopje und Prishtina verkehrt – und ich wäre damals gern mit ihm gefahren. Beides vergeblich. Seine Beschäftigung mit Zügen ist ein Hinweis darauf, dass sich das Buch nicht unbedingt in diesem Jahrzehnt abspielt. Die Zugliebhaber und ihre Medien sind inzwischen deutlich weniger geworden, es handelt sich, auch bei mir, um die Liebe zu etwas Veraltendem. Manthey selbst scheint auch schon ein wenig aus seiner Zeit zu fallen, er ist nicht auf dem neusten Stand technischer Entwicklungen, ist insgesamt nicht so wendig wie etwa ein jüngerer Kollege aus der Titelgeschichte, der unseren Helden schon Jahre zuvor mühelos überrundet hat.
Wie kamen Sie zu diesem Stoff? Ihre vorigen Veröffentlichungen »Human bots. In der ukrainischen Ostukraine«, »In der Karawanserei oder wie die Kirgisen ihre grünen Augen verloren«, »Armenische Äpfel. Ein Road-Poem« deuten an, dass Sie gerne Reiseschriftstellerei mit klassischer Fiktion verknüpfen.
Inzwischen verwende ich Orte, die ich kenne, nur noch als Settings, als Auslöser, das Reportagehafte habe ich abgestreift. Ich verwende erlebte Dinge jedoch, wenn sie so irreal sind, dass jeder sagen würde: Niemals im Leben, das muss fiktiv sein.
Was wir nicht vergessen wollen, in der Stadt geht ja eine Seuche um.
Die Seuche ist natürlich auch von eigenen Erfahrungen mitgeprägt. Das Unbehagen und die Machtlosigkeit aus den Jahren am Anfang des Jahrzehnts sind in das Schreiben eingeflossen, haben es sogar befeuert.
»Der Gefangene von Prishtina« erinnert in seiner Anlage an Kafkas »Schloss«, oder ist diese Assoziation verkehrt?
Ganz treffender Gedanke! Im »Gefangenen« ist es ja so, dass Umstände und behördliche Anordnungen dafür sorgen, dass Protagonist Manthey einfach nicht vorwärtskommt, es geht immer nur zur Seite, er vermag sein Schicksal nicht im Geringsten zum Positiven zu wenden. Man könnte sagen, die ganze Stadt wird ihm zum »Schloss«. Ich habe auch immer wieder ein paar Seiten davon gelesen – zur Selbstvergewisserung und um meine Sprache ein wenig zu historisieren. Weil ich unbedingt keine eindeutige Erzählungen zu Corona schreiben wollte. Die Seuche, um die es geht, kann sich jeder selbst aussuchen. Corona hat damals viel kaputtgemacht, auch in Menschen, und ich weiß nicht, ob eine Reflexion über die Repressionszeit jemand in die Hand nehmen würde.
Östlich von Kafka gibt es auch viele große Schriftsteller, etwa in der jugoslawischen Literatur. Haben Sie Vorbilder aus dieser Richtung, oder gab es auch hier konkrete Einflüsse für Ihr aktuelles Buch?
Jugoslawische Schriftsteller haben keinen direkten Einfluss gehabt, obwohl ich ein großer Fan von Miloš Crnjanski bin. Der wohnte im selben sprachlichen Gebäude wie Kafka, da ist bei mir viel Heimat im Spiel. Andrić und Kiš schätze ich auch sehr, sie sind aber noch weiter weg von meiner Doppelerzählung.
Taugt Ihnen der Osten generell mehr für Ihre Geschichten als der Westen?
Auf jeden Fall. Es gibt in der ganzen Region mehr Wildheit, Unordnung, damit einhergehend Romantik. Natürlich wird Westeuropa auch immer chaotischer, durch den Niedergang und hanebüchene Politik, es regt meine Phantasie jedoch weit weniger an. Die Umgänglichkeit ist vielerorts auch noch eine andere – es ist einfach ein ziemlicher Unterschied, ob dich jemand in Skopje oder in Rotterdam auf der Straße fragt, wie es dir geht. In Prishtina sind die Menschen meist äußerst charmant zu Fremden, was Manthey nur noch mehr in den Wahnsinn treibt.
Sie sind auch Musiker und Filmemacher, haben Stadionhits geschrieben, legen in Clubs auf und machen Videokunst, oftmals auf Grundlage auf Gedichten. Wie verhält sich Ihr Schreiben zu Ihren anderen künstlerischen Tätigkeiten?
Vielleicht ist es am ehesten eine Yin-Yang-Beziehung. Weil diese anderen Dinge sehr viel schneller zu bewerkstelligen sind. Einen Roman zu schreiben dauert leider nun mal mehrere Jahre. Die Postproduktion für eine halbe Stunde Film – also Bild- und Tonschnitt plus Musik anlegen – dauert dagegen nur eine Woche. Kann sein, dass das dann eine Auszeit für mich ist, eine Art Wochenende für den Schriftarbeiter.
Henning Rabe ist Schriftsteller. Er war in den 80er Jahren beim Kinder- und Jugendfernsehen als Darsteller, Sprecher und Moderator. Seit 1989 ist er freischaffender Musiker und Texter der Band Iron Henning, deren Lied »Eisern Union« nach jedem Heimsieg im Stadion »An der Alten Försterei« erklingt. Seit 2006 veröffentlicht er Bücher und ist seit 2017 Redakteur der Zeitschrift Abwärts!
Henning Rabe: Der Gefangene von Prishtina. Moloko Print, Schönebeck 2026, 206 Seiten, 17,50 Euro
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