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Aus: Ausgabe vom 12.09.2020, Seite 12 / Thema
Lyriker Theodor Kramer

Was nicht vorbei ist

Erinnerung einer Wiederentdeckung: Der österreichische Lyriker Theodor Kramer (1897–1958) und sein verdrossener Fürsprecher
Von Erich Hackl
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Ein ungeborgener Schatz: Ein großer Teil der Gedichte Theodor Kramers (Aufnahme um 1935) ist noch unveröffentlicht

Dieser Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung der Dankesrede, die Erich Hackl bei der Entgegennahme des »Theodor-Kramer-Preises für Schreiben im Widerstand und Exil« am Freitag, den 11. September gehalten hat. (jW)

Wenn man alt und müd wird, fängt man an, sich selbst über die Schulter zu blicken. Der pensionsreife Schriftsteller also dem zweiundzwanzigjährigen Lehramtskandidaten für Deutsch und Spanisch, der in der Wohnung seiner Freunde Adalbert und Karl-Markus Gauß in der Salzburger Hans-Sachs-Gasse einen Aufsatz zu schreiben beginnt: »Zum erstenmal las ich Theodor Kramers Gedichte auf dem Umschlag eines schmales Hefts, das ich zufällig aus einem Buchregal zog, über einer wunderschönen Titelvignette, auf der ein ländlich wirkendes Paar abgebildet war, die Frau trug ein Kopftuch und hielt einen Strauß langstieliger Wiesenblumen, der Mann hatte den rechten Arm um sie gelegt und schaute ein wenig missmutig, als sei er von der Zeichnerin – Ruth Knorr – eben bei einer Unschicklichkeit ertappt worden, vielleicht lächelte er auch bloß unter dem gesträubten Schnurrbart. Das Kind neben ihm sah mich neugierig an, mit der einen Hand hielt es eine kleine Fahne, mit der anderen führte es eine Ziege mit prallem Euter. Die Katze vor dem Ziehbrunnen saß gespannt und aufrecht am unteren Bildrand, aber ihr Schwanz lag ruhig am Boden. Im Hintergrund saßen vor der strohgedeckten Hütte zwei Menschen an einem roh gezimmerten Tisch, sie hielten riesige Gläser prostend erhoben. Die beiden Vögel auf dem Dach waren voneinander abgewandt und blickten in entgegengesetzte Richtungen. Dahinter war der Zwiebelturm einer Kirche zu sehen, und am Horizont ging die Landschaft in den ein wenig helleren Himmel über. – Diese naive, ruhige Zeichnung stellt zweifellos eine Idylle dar; dem Beschauer wird ein Ausschnitt aus einem friedlichen und einfachen ländlichen Leben geboten. Dass so ein Leben nicht immer friedlich und auch nicht immer so einfach abläuft, das erfuhr ich auf den knapp dreißig Seiten dieses ›Poesiealbums 96‹. Die darin enthaltenen Gedichte stammen von einem bei uns immer noch vergessenen Schriftsteller, vom Österreicher Theodor Kramer.«

Säkulare Wallfahrt

Wie aus dem Eigenzitat und dem Erscheinungsjahr des Aufsatzes, 1977, hervorgeht, liegt meine Entdeckung Kramers lange zurück. Mit der Begeisterung für seine Gedichte habe ich als ersten Karl-Markus Gauß angesteckt, der sechs Jahre später einen grundlegenden Essay über »Theodor Kramer und einige Stereotypien der Literaturwissenschaft« schreiben sollte – ich werde darauf noch zu sprechen kommen. Unvergesslich sind mir unsere mehrtägigen Wanderungen durch die Wachau und das Weinviertel geblieben, 1976 zu Fuß, 1977 mit dem Rad, die Gauß und mich von Melk über Krems nach Niederhollabrunn führten, wo Kramer als Sohn des jüdischen Gemeindearztes Max Kramer und seiner Frau Babette achtzig Jahre zuvor geboren war. Insgeheim hofften wir, in dem niederösterreichischen Marktflecken noch Spuren von ihm zu finden, aber ich vermag nicht mehr zu sagen, ob wir das ebenerdige Gebäude auf dem Kirchberg, in dem ein Kindergarten untergebracht war, als das ehemalige Doktorhaus erkannten oder ahnungslos an ihm vorübergingen, ehe wir leicht enttäuscht über die Diskrepanz zwischen Kramers lebensvollen Gedichten und der aufreizenden Leere im Dorf nach Wien weiterradelten. Dort trennten sich unsere Wege; während Gauß mit dem Zug zurück nach Salzburg fuhr, nahm ich tags darauf am Protestmarsch gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf teil. Ich nenne diesen nicht nur deshalb, weil er mir als Erinnerungsstütze für die Datierung unserer säkularen Wallfahrt gedient hat, sondern weil er auch den gesellschaftlichen Kontext andeutet, in dem sich die Kramer-Renaissance in der Folgezeit entfalten sollte. Mit ihrer Modernisierungsideologie stimmte die Sozialdemokratie, die mit Bruno Kreisky den Kanzler stellte, der Beseitigung all dessen zu, was ökonomisch nicht verwertbar schien, und stand damit in schroffem Gegensatz zu Kramers Dichtung. Deshalb erschien mir die Strecke von Tulln nach Zwentendorf, die der Demonstrationszug an einem glühend heißen Junitag zurücklegte, auch als weitere Etappe unserer Wanderungen auf Lehm, Löß und Asphalt. Ich war mir sicher, dass Kramer mit den AKW-Gegnern sympathisiert hätte; lebte er noch – dachte ich –, dann würde er ein Gedicht über sie schreiben.

Elf Jahre später kehrte ich nach Niederhollabrunn zurück, um bei einer Tagung der inzwischen gegründeten Theodor-Kramer-Gesellschaft einen Vortrag zu halten, in dem ich drei Aspekte seines Werks hervorhob, die mich besonders ergriffen hatten. Erstens war ich in den Versen der Welt meiner Eltern wiederbegegnet, und damit ihrer auf dem Land, im bäuerlichen oder handwerklichen Milieu, aufgewachsenen Generation, und hatte dabei vieles von dem gefunden, das durch ihre Erzählungen aus Kindheit und Jugend auf mich gekommen war: Härte und Verlassenheit, Mangel und Übermut, Eigensinn und Sehnsucht nach Gemeinschaft. Zweitens die Einforderung einer betörend schlichten, geographisch klar umrissenen Landschaft, die für mich – von Steyr aus gesehen – jenseits der Enns begann und Weinviertel, Marchfeld und Burgenland einschloss, Gegenden also, die den weiten Horizont versprachen, der mir zwischen den Tälern und Almen der Voralpen fehlte. Dazu die Randbezirke der Großstadt, staubige Straßen, Brachen, Hinterhöfe, all das, was mir als Kind, das einmal im Jahr die Großtante in Ottakring besuchen durfte, Wien bedeutete. Auch in meiner Geburtsstadt hatten mich solche Viertel früh angezogen, die verwinkelten Gassen von Steyrdorf und der Wehrgraben mit seinen Gerinnen, alten Fabriken und ewig feuchten Arbeiterwohnungen. Drittens die Überzeugung, dass Kramer seinem Anspruch, Stimme derer ohne Stimme zu sein, gerecht wurde. Was er schrieb, war keine Elendsdichtung, keine lyrische Genremalerei, keine Anbiederung an die Stromer, Schnitter, Kellnerinnen, Zimmermaler, Eisenbahner, Prostituierten, die seine Gedichte bevölkern.

Unbewusst aber hatte ich in meinem frühen Aufsatz Kramers Dichtung in ihrer Bedeutung noch höher eingeschätzt, das verraten die Namen anderer Schriftsteller, mit denen ich sie aus dem Käfig der Heimatkunst bzw. der »Neuen Sachlichkeit«, in den die Philologen sie sicherheitshalber gesperrt hatten, holen und in die Weite der Weltliteratur stellen wollte: des Ungarn Attila József, des Peruaners César Vallejo, des in London ansässigen Österreichers Erich Fried (von dessen Exilfreundschaft mit Kramer ich damals nichts wusste). Nicht zufällig zitierte ich mit Stephan Hermlin und Bernd Jentzsch zwei Schriftsteller aus der DDR – ich hätte auch ihre Landsleute, den Dichter Wulf Kirsten, die Literaturwissenschaftlerin Silvia Schlenstedt oder die Lektorin Marianne Dreifuß, nennen können, denn dort, im nachmalig verunglückten Arbeiter- und Bauernstaat, wurde Kramer in den siebziger Jahren viel stärker wahrgenommen als in Österreich. Dass fast gleichzeitig mit mir der Autor und Musiker Hans-Eckardt Wenzel Kramer für sich entdeckt hat, sollte ich erst Jahre später erfahren.

Kramers bildmächtige Sprache

Haltbar an meiner Kramer-Verehrung war die Einsicht, dass der Dichter aus einem immensen Fundus an beobachteten, erlebten oder erlesenen Handlungen, Fertigkeiten und Regungen geschöpft und dafür eine Sprache gefunden hat, die möglichst einfach und zugleich vielfältig ist, reich an Nuancen und Begriffen. Die feste Bauart seiner Gedichte, ihr balladesker Ton, der Endreim war nicht dem Festhalten an Konventionen geschuldet, sondern Ausdruck seiner Überzeugung, dass die Menschen am Rand ungeachtet aller Bedrängnis imstande sind, sich einen Reim auf ihre Existenz, und die ihrer Lebens- und Leidensgefährten, zu machen. Trotz seiner bildmächtigen Sprache kam Kramer ohne Metaphern aus. Lernen ließ sich von ihm, dass die Zuneigung, Fürsorglichkeit des Autors gegenüber seinen Helden, Heldinnen aus der Formgebung des Materials resultieren muss. Bezeichnend ist, in diesem Zusammenhang, der Hinweis des Musiksoziologen Kurt Blaukopf – in einem ungemein anregenden Gesprächsprotokoll von Konstantin Kaiser aus dem Jahr 1983 –, dass Kramer behauptet habe, beim Schreiben eines Gedichts als erstes das Metrum zu verzeichnen. Auf sein Formbewusstsein verweist auch Kramers poetologische Skizze von 1931, derzufolge er den Gefühlsinhalt eines Gedichts in den Aufbau zu verlegen versuche; »die Worte wähle ich möglichst karg und dinglich«. Das erinnert mich an die Arbeitsweise der uruguayischen Lyrikerin Idea Vilariño, deren Gedichte ich übersetzt und mit der ich mich angefreundet hatte. Für sie war die Beschäftigung mit den prosodischen Elementen eines Gedichts wichtiger als dessen Inhalt. »Denn wie transzendent oder intensiv seine Aussage auch sein mag, ob es wirklich ein Gedicht ist oder nicht, hängt von der Abfolge seiner Laute ab, von seinem Rhythmus, davon, wie es gesagt wird.« Dabei wurden Vilariños Verse, wie die Kramers, gerade wegen ihrer Eindringlichkeit als kunstlos wahrgenommen. Jedenfalls sind nicht der Einfall, die Fabel oder der Stoff für das Gelingen eines literarischen Vorhabens ausschlaggebend, sondern deren gestalterische Anverwandlung. Eine Binsenweisheit, könnte man meinen. Nur wird sie in der Literaturkritik zumeist auf Ratgeber- und Nörglerniveau behandelt.

Meiner Kramer-Verehrung lag auch das Bedürfnis zugrunde, auf der Suche nach Gleichgesinnten in die Geschichte zurückzugehen. Ich sah das nicht als Flucht aus einer farblosen, widrigen Gegenwart, sondern als Übernahme einer rebellischen Tradition, die einem helfen kann, nicht klein beizugeben. »Es gilt, Österreichs Vergangenheit nach republikanischen, demokratischen und sozialistischen Elementen zu durchforschen«, hatte ich, etwas vollmundig, in meinem ersten Aufsatz geschrieben. Gefährten, Gefährtinnen für dieses Unterfangen sollte ich – von Karl-Markus Gauß abgesehen – einige Jahre später unter den Proponenten und Aktivisten der Theodor-Kramer-Gesellschaft finden. Ihre geistreichen Studien zu Kramers Leben und Werk und ihre Hinwendung zu anderen vertriebenen und vergessenen Schriftstellern haben mich angespornt und bestärkt.

Der Einfluss Konstantin Kaisers

Das trifft in erster Linie auf Konstantin Kaiser zu. Wir lernten uns im Herbst 1982 kennen, in Wien, wo er in der Galerie in der Künstlerhauspassage arbeitete und ich meinen Zivildienst ableistete. Kurz darauf besuchten Gauß und ich ihn und seine Frau Siglinde Bolbecher in ihrer Wohnung in der Engerthstraße; noch ahnte ich nicht, dass wir dort einige Jahre später Nachbarn werden sollten. Hier ist nicht der Platz, um über Höhen und Lücken unserer Freundschaft zu sprechen; wohl aber dafür, Kaisers Bedeutung für meine geistige Entwicklung zu bezeugen. So schwer es mir fiel, seinen Ausführungen zu Literatur, Geschichte, Philosophie, Politik – überhaupt zu allen Aspekten des Menschseins – zu folgen, so bereichernd waren diese für mein schwerfälliges Denken, das eher, nach einem Wort Eduardo Galeanos, eine Art Fühldenken war und bis heute geblieben ist. Kaisers Einfluss auf mich erweist sich daran, dass er unter allen Autorenkollegen derjenige ist, den ich in meinen Schriften am meisten zitiert habe: weil mir seine Überlegungen und Erkenntnisse immer dann auf die Sprünge geholfen haben, wenn ich nicht weiterwusste.

Kaiser war es auch, der Gauß und mir vorschlug, einen Aufsatz über »Theodor Kramers literaturgeschichtliche Stellung« zu verfassen. Er war auf uns gekommen, weil wir ihm als Bundesgenossen im Streit um »Arten und Unarten einer Literaturbetrachtung« erschienen. Unter diesem Titel hatte ich im Juni/August-Heft 1982 des Wiener Tagebuchs Wendelin Schmidt-Denglers Fleißarbeit über »Gedicht und Veränderung. Zur österreichischen Lyrik der Zwischenkriegszeit« zerzaust. Der künftige Wiener Germanistikpapst hatte darin ein haarsträubendes Fehlurteil über Kramer gefällt, indem er ihn und andere antifaschistische Dichter mit den Nazibarden Weinheber, Billinger und Konsorten zusammengewürfelt und allen zusammen »keine Veränderung in sprachlicher Hinsicht, Ablehnung der Stadt und Technik, Idyllisierung der Natur, Abstinenz von nahezu jeglicher aktualitätsgebundenen Aussage« attestiert hatte.

Gauß nahm Kaisers Vorschlag sofort an und schickte mir als Arbeitsgrundlage ein achtseitiges Konzept, das in seinem kritischen Gehalt, seiner Klarheit und Stoßrichtung schon alles enthielt und übertraf, was ich zur Sache beitragen hätte können. Deshalb zog ich mich aus dem Projekt zurück; Gauß’ Aufsatz erschien im Jahr darauf unter dem Titel »Natur, Provinz, Ungleichzeitigkeit« im Theodor Kramer-Sonderband der Zeitschrift Zirkular. Er stellt nicht nur deshalb eine Zäsur dar, weil in ihm der Nachweis erbracht wurde, dass sowohl Kramers Aufwertung von konservativer als auch seine Abwertung von pseudoprogressiver Seite wie der Schmidt-Denglers – jeweils mit den gleichen, nur konträr bewerteten Befunden – jeder Grundlage entbehrten, sondern weil Gauß das von Ernst Bloch entlehnte Konzept der Ungleichzeitigkeit einbringt, um in der »dingversessenen Lyrik« Kramers einen Autor auszumachen, der sich der Widersprüchlichkeit seiner Zeit gestellt hat; einen, »der weit über das Bestehende, weit auch über dessen Negation hinausweist, ein auch heute noch: zukünftiger Autor, der selbst in den traurigsten Liedern mehr Utopie von menschlichen Zuständen gestaltet als die meisten Rhetoriker der Befreiung«.

Anders als bei Gauß und bei mir, standen bei Kaiser von Anfang an Kramers Exilerfahrung und die daran geknüpften Ängste, Erschütterungen und Enttäuschungen nach 1945 im Zentrum seiner Arbeit. Einmal wollte er mich für ein Projekt über »Die Rückkehr des Theodor K.« gewinnen. Ihm schwebte die dramatische Weiterführung eines Essays vor, den er im September 1983 unter dem Titel »Warum einer nicht nach Hause kommt. Theodor Kramers langsame Heimkehr aus dem Exil« veröffentlicht hatte. Das Elend Österreichs nach der Befreiung vom Faschismus, die Übereinkunft der hegemonialen politischen Lager, die Vertriebenen nicht heimzuholen und wenn doch, dann nur auf Basis einer Versorgungsexistenz, also bloß unter Befriedigung der »stofflichen Lebensbedürfnisse«, jedenfalls nicht, um ihre Mitarbeit, Mitgestaltung am gesellschaftlichen Leben zu erbitten – diese Verdrehungen und Versäumnisse zu durchleuchten, ihre Auswirkungen auf die Gegenwart darzustellen und vor allem in der Gegenwart aufzuheben: Das ist Kaisers, das war Bolbechers verwegenes Ziel, und das ist es für die seit 1984 bestehende Theodor-Kramer-Gesellschaft bis heute geblieben.

Unmittelbar mit diesem Anspruch verbunden waren die unverhofften Begegnungen, die sich infolge unseres leidenschaftlichen Interesses an den Verfolgten und Vertriebenen ergaben. Die Zeit reichte nicht, sie alle aufzuzählen, die mir im Lauf der Jahre, Jahrzehnte das Leben versüßt oder gewürzt haben, die uns und die vielleicht auch wir ein Stück weit gestärkt haben: die Lyriker Frederick Brainin in New York, Yaffa Zins in Tel Aviv und Stella Rotenberg in Leeds; die in ihre Geburtsstadt Wien zurückgekehrten Erzähler Elisabeth Freundlich und Fred Wander; Ruth Tassoni in Bergamo; Theo Waldinger, der allerjüngste einer Gruppe junger Intellektueller, die Elias Canetti als Felonen bezeichnet hat, und die Psychotherapeutin Else Leichter, die im Roten Wien als Fürsorgerin gearbeitet hatte, in den USA; der Ethnologe Friedrich Katz, der in Wien, Berlin/DDR, Chicago die Geschichte seines Exillandes Mexiko erforscht hat; die Schriftsteller Alfredo Bauer in Buenos Aires und Fritz Kalmar in Montevideo; ihr Kollege, der oberösterreichische Widerstandskämpfer Franz Kain … Oder Erwin Chvojka, Kramers Freund und Nachlassverwalter, erster Vorsitzender auch der Kramer-Gesellschaft, der sich infolge unseres Überschwangs aus der Defensive wagte, in die ihn die falschen Kramer-Interpreten getrieben hatten. In die freudige Erinnerung an sie alle mischen sich Wehmut, Trauer und auch eine Spur Angst, im Wissen darum, dass man nun, ohne ihre Gegenwart, näher zur Wand steht. Weil sie, paradoxerweise, wenn man ihr Alter bedenkt, uns die Zukunft offengehalten haben.

Einige von ihnen sind erst durch uns auf Theodor Kramer gekommen. Dann gibt es auch die Bruderschaften, die aus der gemeinsamen Passion für seine Gedichte entstanden sind. Ich für meinen Teil erinnere mich, wie mir nach einer Lesung in Aachen, im Wirtshaus, der Maler Rudolf Schönwald – den ich schon vorher geschätzt, aber nicht gekannt hatte – zu meiner Überraschung einige Kramer-Gedichte frei aus dem Gedächtnis vorgesagt hat, in seiner einzigartigen Redekunst. Seither sind wir – wie Kain sagen würde – miteinander »in der Freundschaft«. Ich erinnere mich auch an die erste Begegnung mit Peter und Renate Zwetkoff, im Café Sperl, an einem Fenstertisch neben bärbeißigen Billardspielern. Frühe Kramer-Verehrer, hatten die Zwetkoffs den Dichter um den Jahreswechsel 1957/58 in seinem ärmlichen Wiener Pensionszimmer besucht. Peter spielte ihm tags darauf seine Vertonungen von sieben Gedichten aus dem Zyklus »Die untere Schenke« auf dem Klavier vor. Peter Zwetkoff, der Widerstandskämpfer, Kommunist, Komponist und junge Welt-Leser, ist vor acht Jahren verstorben. Aber Renate ist da, und das Band der Freundschaft, das uns hält.

Trübe Zeiten

Alt und müd, so habe ich meine Rede begonnen. So alt ist der Preisträger, dass Kramers Geburtstagsgedichte – »Mit Fünfzig«, »Fünfundfünfzig«, »Von Fünfzig bis Sechzig« – ihn glatt verfehlen. Einen, der für alles immer länger braucht und oft ratlos ist, ich könnte auch sagen: verdrossen, weil nichts weitergeht – in die erträumte Richtung, auf einem Weg, der in eine Welt ohne Kriege und Ungerechtigkeiten münden soll, in der die Menschen, und überhaupt alles, was kreucht und fleucht, genug zum Leben haben sollen, alle ungefähr gleich viel, jedoch zum Trinken und zum Lesen ganz nach Bedarf.

In seinem schon erwähnten Blaukopf-Protokoll hatte Konstantin Kaiser eine frühe Spur zu meiner Verdrossenheit gelegt: »Zu vieles, scheint es, ist Privatangelegenheit geworden, was doch jedermann zugänglich, öffentliches Interesse sein sollte. Vielleicht haben zu viele zu früh aufgehört zu kämpfen, im Vertrauen auf eine neue Generation von Kämpfern, die eben nicht herangewachsen ist.« Siebenunddreißig Jahre später ist die Privatisierung öffentlichen Interesses weiter vorangeschritten. Das wirft Fragen auch hinsichtlich der Aktualität Kramers auf: Haben seine Gedichte inzwischen nur noch einen archäologischen Wert, nämlich für die, die ihren sozialutopischen Gehalt nicht einmal mehr leugnen, sondern ihn einfach nicht mehr begreifen? Oder anders gefragt, haben sich durch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte die gleichen falschen Oppositionen in unser Dasein geschlichen, von denen wir glaubten, sie in der Auseinandersetzung um die »richtige« Lesart Kramers für immer überwunden zu haben? Daran musste ich denken, als ich unlängst – aus Anlass des Erscheinens seiner »Beskiden-Chronik« auf deutsch – einen Kommentar des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk las. Dieser stellte mit Sorge und Ingrimm fest, dass sich seine Landsleute in der Gewissheit, den Wettlauf mit dem Westen endgültig verloren zu haben, auf die Beschwörung der ins Ruhmreiche verzerrten nationalen Vergangenheit zurückgezogen hätten. Und die Vergangenheit sei »das, was vorbei ist«. Stasiuks Skepsis ist uns vertraut, wir kennen sie seit Beginn des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der extremen Rechten in Österreich, Haider, dann Strache, hintennach ein langer Rattenschwanz, als ein Großteil derer, die sich für kritisch und oppositionell hielten, eine Rettung nur noch von außen erhofften, vom Aufgehen Österreichs in ein europäisches Imperium, das sie sich als eine Art großdeutsches Disneyland vorstellten, das von wackeren Antideutschen angeführt wird.

Kramer hatte mit Europa nichts am Hut. Er war Patriot und Internationalist in einem, wie Attila József und César Vallejo, und die Vergangenheit war ihm etwas, das eben nicht vergangen ist: Geschichte, die Chancen für die Zukunft bereithält, solange sie in der Gegenwart umstritten ist. Aber nicht sein dialektisches Weltverständnis, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Legionen von Intellektuellen Europa (den »Westen«) mit Fortschritt, Nation mit Verderben und Geschichte mit Vorbeisein gleichsetzen, ist mehrheitsfähig, ist es längst geworden. Wie seinerzeit im Urteil über Kramers Gedichte sind sich die Liberalen und die Reaktionäre einig im Befund ihrer Völker, nur dass diese gutfinden, was jene verabscheuen. Und die Linke ist hilflos.

Ich muss mich für den trüben Ausklang entschuldigen. Aber die Zeiten eignen sich eben wirklich nicht für einen besseren. Was den fälligen Dank des Preisträgers angeht, der sich wegen des Namensgebers über eine Auszeichnung noch nie so gefreut hat wie jetzt, so will er es mit Theodor Kramer halten. Blaukopf zufolge hatte Kramer die Honorare für Privatlesungen, die er zwischen 1934 und 1938 in wechselnden Wohnungen seiner Gönner abhielt, »dankbar, weder kniefällig ergeben noch olympisch erhaben« angenommen, »… er hat das anerkannt«. So wie ich die Entscheidung der Jury.

Theodor Kramer, am 1. Januar 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren, lebte ab 1931 als freier Schriftsteller in Wien. 1938 wurde er als Jude und Sozialist mit Berufsverbot belegt. 1939 gelang ihm die Flucht nach Großbritannien, wo er von 1943 bis zu seiner Rückkehr aus dem Exil im Herbst 1957 als Bibliothekar tätig war. Er starb am 3. April 1958 in Wien. Kramer hinterließ rund 12.000 Gedichte, von denen bisher nur 2.000 veröffentlicht worden sind.

Zuletzt erschienen von Theodor Kramer »Ausgewählte Gedichte«, herausgegeben von Karl Müller und Peter Roessler im Verlag der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien 2018.

Erich Hackl schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 29. Januar über das Leben und Werk des kommunistischen Schriftstellers Karl Wiesinger.

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