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Literatur

Das Leben ist kein Roman

Freunde und Nachbarn: Philippe Djians neues Buch »Offene Rechnung«

Foto: Bassox Cannarsa/opale.photo/IMAGO
Jedes Jahr ein Roman: Philippe Djian

Philippe Djian ist vertrautes Gebiet. Seit fünfzig Jahren schreibt er Jahr für Jahr mindestens einen Roman. Dabei kommt er von den Rändern her. Aus dem Underground. Das ist allerdings schon lange her. Ich erinnere mich, in den 90er Jahren in das Schaufenster einer kleinen Buchhandlung in der Auvergne geschaut zu haben, wo genau in der Mitte als Blickfang Djians damals neuester Roman »Sotos« zu sehen war. Ich war erstaunt. Djian war angekommen.

Ich begegnete ihm dann mehrfach. In Lausanne, in Göttingen, in München, in Berlin und in Hamburg. Man kann sagen, dass wir uns anfreundeten. Djian erzählte mir, dass er von seinem Verlag Gallimard für jedes Manuskript einen Vorschuss von 100.000 Euro erhalte. Die Hälfte davon kassierte sofort der Staat. Djian wohnte inzwischen in Paris, und zwar am oberen Teil des Boulevard Saint-Michel in der Nähe des Jardin du Luxembourg.

Djian galt als unzugänglich, aber das ist falsch. Er ist ganz im Gegenteil ein sehr gesprächiger und zugewandter Mensch, der gern Auskunft gab. Djians frühe Romane wie »Betty Blue« (1985) oder »Erogene Zone« (1984) wirken so, als erzähle er wie Henry Miller in »Wendekreis des Krebses« oder Jörg Fauser in »Rohstoff« aus seinem Leben. In den frühen Büchern mag das teilweise noch der Fall gewesen sein. Aber ein Leben gibt für gewöhnlich nicht so viel her, als dass sich daraus immer neue Romane stricken ließen. Djian ist ein Meister der Fiktion, die so echt wirkt, als sei sie gerade erlebt.

In seinem Buch »In der Kreide« hat er schon im Jahre 2002 von den Autoren erzählt, die für ihn als junger Mann wichtig waren: Salinger, Céline, Cendrars, Kerouac, Melville, Miller, Faulkner, Hemingway, Brautigan und Raymond Carver (so ziemlich der Schluckspechtkanon, jW). Die eigene Karriere begann er mit einer bemerkenswerten Unbefangenheit und Sorglosigkeit. »Von dem Tag an, an dem ich anfing, Bücher zu schreiben, dachte ich, dass ich davon leben würde. Ich leistete doch eine Arbeit, und ich dachte: Es ist normal, dafür entlohnt zu werden.« Gut entlohnt.

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Sein neuer Roman »Offene Rechnung« ist spannend und bleibt es bis zur letzten Zeile. Das ist nicht das Schlechteste, was sich über einen Roman sagen lässt. Allerdings verstehe ich die Geschichte nicht so ganz. Vielleicht helfen Leserkommentare auf »Amazon France«? »Ich habe von der Geschichte nichts verstanden«, schreibt einer. Ein anderer: »Schwierig zu resümieren, diese Geschichte, sie ist zu singulär.« Ein schwer lösbarer Familienstreit, verwoben mit Feindschaft unter Nachbarn, soviel lässt sich sagen. Etwas, das schwelt und immer wieder aufflammt. Einen Roman von Djian zu lesen, ist immer eine angenehme Beschäftigung.

Ich mag eigentlich keine Romane, die im Präsens geschrieben sind. Bei diesem war es allerdings nur anfangs so, danach gewöhnt man sich daran, ob Präsens oder Präteritum, das spielt bald keine Rolle mehr. Der Erzähler des Romans, ein gewisser Nathan, steckt in beträchtlichen Schwierigkeiten. Dass er nach einer Vasektomie impotent geworden ist, mag noch zu seinen kleineren Sorgen zählen. Daraus ergeben sich bizarre Szenarien, denn trotz seines Handicaps oder gerade deswegen kommt er bei Frauen immer noch sehr gut an. Das mag an seiner einfühlsamen Art liegen, die nicht gelitten, ja vielleicht sogar zugenommen hat. Auch das ist von allgemeinem Interesse, weil, seien wir ehrlich, ab einem gewissen Alter alle Männer ziemlich impotent sind. Allerdings gibt es Medikamente dagegen, aber die kommen hier nicht zum Einsatz.

Von allgemeinem Interesse ist auch, dass Nathan, der Erzähler, für eine Zeitung, Le Matin, arbeitet, deren Existenz bedroht ist. Und dass Nathan seine Schwiegermutter Gaby anziehender findet als seine Ehefrau Sylvia, mag zu den djianesken Besonderheiten zählen. In seinen Büchern kommen immer wieder Männer vor, die sich von älteren Frauen angezogen fühlen. Die Schwiegermutter ist nicht nur Besitzerin von Le Matin, sondern auch noch eine angesehene Lyrikerin, die ganze Säle begeisterter Zuhörer füllt, wenn sie liest. Vielleicht etwas dick aufgetragen, aber Papier ist geduldig.

Jedes Jahr ein Roman. Wie schafft Philippe Djian dieses Pensum? Zum Beispiel dadurch, dass er immer nur eine Fassung schreibt, die ist es dann. »Du lässt es so und änderst wenig daran?« »Ich ändere nicht wenig, ich ändere überhaupt nichts.« Über diese Selbstsicherheit müsse ein Schriftsteller schon verfügen. »Wenn man als Schriftsteller nicht selbstsicher ist, sollte man am besten gleich aufhören. Nein, es ist besser, selbstsicher zu sein, selbst auf die Gefahr hin, sich zu täuschen. Diese Kraft sollte man schon haben. Ohne sie erreicht man nichts. Man braucht ein Ego, das ziemlich konsequent vorgeht, aber andererseits muss man es natürlich auch zu kontrollieren wissen. Wenn man sich mit einem enormen Ego begnügt, um egal was damit anzustellen, wird man gegen eine Mauer rennen.«

Woher diese Sicherheit kommt, bleibt offen. Es gibt einen bestimmten Djian-Ton, den man immer wiederfindet. Wahrscheinlich ist es dies, was ihm so eine treue Leserschaft gesichert hat. Angesichts der schwächelnden Gegenwartsliteratur kann man empfehlen, zu den älteren Meistern zurückzukehren. Djian (Jahrgang 1949) ist einer von ihnen, immer modern, immer besonders.

Philippe Djian: Offene Rechnung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau. Diogenes-Verlag, Zürich 2026, 255 Seiten. 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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