Mitgefühl (1)
Nachdem die autistische US-Nutztierexpertin Temple Grandin auf einer Ranch mit einem Fang- und Behandlungsstand für Rinder gearbeitet hatte, in dem diese fixiert wurden, baute sie einen ähnlichen Stand für sich selbst: einen »Berührungsapparat«, den sie PACES nannte: Pressure Apparatus Controlled Environment Sensory. Er steht in ihrem Schlafzimmer und ermöglicht ihr, »zu lernen, wie man sanft und liebenswürdig reagiert und Mitgefühl entwickelt … Ich lernte zu fühlen … Die Wahrnehmung des beruhigenden Drucks, den mein Apparat auf mich ausübte, versetzte mich allmählich in die Lage, Mitgefühl zu entwickeln«, schreibt sie in ihrem »Durch die gläserne Tür. Lebensbericht einer Autistin« (1994). Darin zitierte sie einen autistischen Mann: »Ich war sehr kaltherzig. Es war mir nicht möglich, zu lieben oder Liebe anzunehmen … Ich ziehe Dinge Menschen vor und mache mir überhaupt nichts aus meinen Mitmenschen.« Ein Psychiater notierte laut Grandin über einen anderen autistischen Erwachsenen: »Er scheint nicht in der Lage zu sein, sich ganz selbstverständlich in einen anderen hineinzuversetzen.«
Ein Mangel an Empathie gilt »als zentrales Merkmal des Autismusspektrums«, heißt es in einem Forschungsbericht, der 2008 in der Onlinezeitschrift der Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht wurde. Temple Grandins Arbeit und ihre Berichte legen nahe, dass es ihr leichter fiel, Mitgefühl für Tiere als für Menschen zu entwickeln, wobei sie davon ausgeht, Tieren und Autisten sei gemeinsam, dass sie in Bildern denken, die sie wie Filme abspielen können, und Autisten das Außen zuerst in Details wahrnehmen, wohingegen Nichtautisten zur abstrakten Wahrnehmung neigten. Während sie selbst an einem Baum erst einige Blätter sieht, dann Zweige, Äste usw. und schließlich den ganzen Baum, würden Nichtautisten umgekehrt zuerst den Baum sehen und dann Einzelheiten daran wahrnehmen. Zwei weitere Bücher Grandins seien erwähnt: »Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere« (2005) und »Visual Thinking. The Hidden Gifts of People Who Think in Pictures, Patterns and Abstractions« (2022).
Der ehemalige Sprecher des Chaos Computer Clubs, Frank Rieger, der wiederholt Hightechfirmen im Silicon Valley besuchte, erzählte, dass dort vor allem »Autisten« arbeiten, die sich ihre Stimmung mit LSD-Microdosing aufhellen. Es hilft ihnen, ihre Arbeit zu optimieren. Auch das Berliner IT-Dienstleistungsunternehmen Auticon stellt gezielt autistische Fachkräfte ein. Der Tagesspiegel berichtete am 18. Februar 2026, dass der vom ultrarechten Investor Alex Karp, Peter Thiel u. a. gegründete US-Konzern Palantir, der Überwachungssoftware an CIA, Mossad, Pentagon und Bundeswehr liefert, ebenfalls »Autismus als Superkraft« begreift und vermehrt solche »Neurodivergenten« einstellen will, wie CEO Alex Karp verkündete. Er hält sie für die »kognitive Elite«, im Gegensatz zu den von Universitäten »stalinistisch gehirngewaschenen« Absolventen. Gerade die Autisten seien wie geschaffen für eine »KI-getriebene Welt«.
Diese solipsistischen Computernerds bilden möglicherweise den sozioökonomischen Hintergrund für die vehemente Ablehnung der »Empathie« durch die Drahtzieher der asozialen MAGA-Bewegung und ihre Verachtung der Armen und aller Nichtweißen. Darüber hinaus ist dieser Hintergrund bereits Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz zur Verdinglichung von Beziehungen und umgekehrt eines um sich greifenden Hangs zu libidinösen Besetzungen von Dingen. So erzählte mir der schleswig-holsteinische Milchbauer Mathias Stührwoldt, der in seinen Büchern oft und gern über seine Kühe berichtet, dass es inzwischen sogar Landwirte gibt, die Angst vor ihren eigenen Tieren haben – vor ihrer Unberechenbarkeit – und lieber mit Maschinen arbeiten.
Die Zeitschrift Nature veröffentlichte unlängst einen Artikel über Autisten. Darin heißt es: »Die Zahl älterer Menschen mit Autismus steigt rapide an. Eine Studie, die Daten aus mehr als 200 Ländern analysiert und letztes Jahr online veröffentlicht wurde, berichtet, dass die Zahl der Menschen mit Autismus im Alter von 70 Jahren oder älter von 894.700 im Jahr 1990 auf fast 2,5 Millionen im Jahr 2021 gestiegen ist. Laut der Studie wird sich diese Zahl bis 2040 voraussichtlich auf 5,1 Millionen Menschen verdoppeln.«
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
