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Afrikanische Nationalparks

Foto: jW

Im Jahr 2016 veröffentlichten der Journalist John Mbaria und der Ökologe Mordecai Ogada eine Kritik des Naturschutzes in Kenia mit dem Titel: »The Big Conservation Lie«. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Tierschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift Geo hat ihn interviewt, sie fragte Ogada als erstes: »Wer lügt?« Er antwortete: »Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben. 2018 haben weiße Tourismusinvestoren die Regierung um eine Genehmigung gebeten, für teure Restaurants Tiere schießen zu dürfen. Es ist doch verrückt, den Touristen Impalasteaks zu servieren, während ein schwarzer Dorfbewohner erschossen wird, wenn er bloß den Nationalpark betritt.«

Wilderer werden in Kenia immer wieder erschossen, aber manchmal trifft es laut Ogada eben auch jemanden, »der einfach nur durch ein Schutzgebiet läuft. Geld aus Anti-Terror-Budgets, u. a. von den US-Amerikanern, fließt in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes.«

Der kenianische Naturschützer Kaddu Sebunya organisierte 2022 einen »Kongress für Afrikas Schutzgebiete« in Ruandas Hauptstadt Kigali. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager der rund 8.500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen. »Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der ›Ersten Welt‹ schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und auf dessen Verständnis des Naturschutzes als ›Festung‹«, berichtete die Frankfurter Rundschau. »Europäer sehen Afrikas Bevölkerung als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents. Afrikas Nationalparks sind ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen Afrikaner und Afrikanerinnen in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor.« Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt würden, könne Naturschutz nur scheitern, sagt Sebunya. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, meint der Sozialwissenschaftler: Denn nichts sei für wilde Tiere gefährlicher »als arme und unzufriedene Menschen«.

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Bezogen auf die Perspektiven für Artenschutzgebiete in Afrika haben drei Naturwissenschaftler 2021 ihre Überlegungen als »Open-Access-Paper« in den »Academia Letters« veröffentlicht: Der Biologe Eric Djomo Nana vom Kameruner Institut of Agricultural Research for Development sieht die Entwicklung der Wildtierreservate pessimistisch, was er in seiner Studie schon im Titel ausdrückt: »Das Paradigma des Naturschutzes in Zentralafrika ist gescheitert.«

Der südafrikanische Zoologe Mduduzi Ndlovu von der Universität in Mpumalanga schreibt, dass man neue Wege zum Schutz von Wildtieren und -pflanzen gehen muss, und schlägt »Mixed Land Use« vor, d. h., er fragt sich: »Könnte ein auf den ländlichen Communitys basierender Tierschutz ein solches Modell dafür sein?« Konkret denkt er dabei an die Integration von Rinderherden der Ngunis in die Reservate für Spitzmaulnashörner.

Der nigerianische Umweltforscher Jonathan Chukwujekwu Onyekwelu an der TU von Akure, Abteilung Forst- und Holztechnologien, setzt auf die unter den afrikanischen Menschen weitverbreitete Angst vor den Göttern, die zur Heiligung der Friedhöfe führte – und die deswegen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen, d. h. Rückzugsgebiete für bedrängte Arten sein könnten. Dabei sieht Onyekwelu allerdings eine Gefahr im Wechsel der Glaubenssysteme: Die Leute glauben nicht mehr an die (alten) Götter, das entheiligt die Friedhöfe, wodurch aus diesen Standorten für Wildtiere und Wildpflanzen lukrative Immobilien werden könnten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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