Die Rettung?
Der Stadtrat Bitterfeld-Wolfen hat beschlossen: Die Kommune hält am Nutzungskonzept für den Kulturpalast fest
Es war eine Art Showdown für den Bitterfelder Kulturpalast: Die Sitzung des Stadtrates der Chemiestadt Bitterfeld-Wolfen am Dienstag wurde eine denkwürdige. Um 18 Uhr begonnen, dreieinhalb Stunden später mit einer namentlichen Abstimmung beendet – glücklich beendet. Von 38 anwesenden Abgeordneten lehnten 20 den Antrag des Oberbürgermeisters Armin Schenk (CDU) ab, aus dem Kulturpalast-Projekt auszusteigen, womit das Ende des historischen Bauwerks besiegelt gewesen wäre.
Noch steht Ende Juni eine finale Sitzung des Aufsichtsrats der Stadtentwicklungsgesellschaft an, welcher das Gebäude gehört. Doch die Entscheidung des Stadtrats hat Gewicht. Die höchste politische Instanz der Stadt hat sich erneut für den Erhalt des letzten neoklassizistischen Bauwerks der Region entschieden und dem offenbar überforderten OB eine Niederlage bereitet. In der Debatte klang mehrfach Verwunderung über Schenks Wandlungsfähigkeit an: monatelange Unterstützung des »Kupa«-Projekts, dann eine überraschende Wende »um 180 Grad« zur entschiedenen Gegnerschaft. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden, kommerzielle Interessen der lokalen Geschäftswelt könnten eine Rolle spielen.
Schenk selbst argumentiert vor allem mit Risiken des Projekts, wie Finanzierungsfragen und die noch einzuholende Betriebsgenehmigung. Dabei stützt er sich im wesentlichen auf ein zweifelhaftes Gutachten, dessen Entstehungsgeschichte für aufgeregte Debatten sorgte und dessen Inhalt durchaus als tendenziös angesehen werden kann. Jedenfalls spielen darin zahlreiche positive Faktoren wie der erstaunlich gute bauliche Zustand des Gebäudes, die vorhandene Verkehrsanbindung, ökonomische Chancen inklusive neuer Arbeitsplätze und touristischer Aussichten keine Rolle. Die kulturelle Bedeutung des Kulturpalastes blieb hierbei ebenso ausgeklammert wie die historische als Einrichtung eines riesigen Chemiekombinats und Ort der »Bitterfelder Konferenzen« (»Greif zur Feder, Kumpel!«).
Eine Volkswirtin aus Halle war Ende 2025 mit der Erstellung des Gutachtens beauftragt worden, ohne dass andere Experten in Erwägung gezogen wurden. Wie sich Dienstag herausstellte, spielten persönliche Bekanntschaften dabei eine Rolle – nicht die einzige Ungereimtheit diesbezüglich. Einige Stadträte erklärten, das 17seitige Papier habe zur Aufgabe gehabt, »das Ganze totzuschreiben«, »das Projekt kaputtzumachen«.
Dabei schien das geplante »Musical- und Ausstellungszentrum im Kulturpalast« bereits in trockenen Tüchern. Die Kulturpalast GmbH als damalige Dachgesellschaft kommentierte nach der Übernahme des Palastes durch die Stadt: »Die Facetten der kulturellen Nutzung sind so vielfältig wie die Anfragen, die uns seit Bekanntwerden der Rettung des Kulturpalastes erreichen.« Eine neue, zeitgemäße, ja zukunftsweisende Einrichtung schien möglich, die ihre Geschichte nicht verleugnet – trotz Ende des Sozialismus und völlig anderer Bedingungen.
Damit schien die Rettung des beeindruckenden, seit 2015 leerstehenden Gebäudes nach Jahrzehnten der Ungewissheit nah: Mit dem Grundsatzbeschluss 032-2025 des Stadtrats im März 2025 wurde das »Projekt Kulturpalast Bitterfeld-Wolfen und Musicalpalast und Ausstellungscenter« abgesichert, die städtische Entwicklungsgesellschaft übernahm. 20 Millionen Euro Fördermittel aus dem Strukturwandelfonds, eine städtische Bürgschaft von zwei Millionen – die finanzielle Basis war gelegt. Und dann kam der OB-Antrag, aus dem Projekt auszusteigen.
Am Freitag und Sonntag zuvor war dagegen demonstriert worden, am Dienstag sprachen neben anderen der Musicalproduzent Willem Metz und die frühere Eigentümerin des Palastgebäudes Andrea Goßler für den Erhalt. Die Umsetzung des Projektes sei ein wirkliches Strukturwandelprojekt und das »eigentlich Besondere«, sagte Goßler dem MDR. »Hier muss man nichts Neues bauen, sondern nutzt ein Gebäude mit langer Tradition, das einige Generationen von Menschen begleitet hat, und das führt man in eine neue Zukunft.« Ihr Ehemann, der 2022 bei einem Verkehrsunfall verstorbene Sandersdorfer Veranstaltungsunternehmer Matthias Goßler, hatte sich mit seinem Einsatz für den »Kupa« über die Region hinaus einen Namen gemacht.
Andrea Goßler verdeutlichte am Dienstag im Stadtrat engagiert die Folgen eines Ausstiegs der Kommune aus dem Nutzungsvorhaben. Es liege auf der Hand, dass dann kein Investor mehr einsteigen würde. Sie selbst könne die anfallenden Kosten für eine Sicherung des Gebäudes nicht lange tragen. Der Zahn der Zeit würde den Rest erledigen, womit auch ein Abriss bald wieder im Raum stünde. Metz hingegen erläuterte, wie der große Saal des sanierten Palastes mit dem Musical »Shanghai Orchid« dauerhaft bespielt werden kann, das Konzept jedoch für weitere Ideen und Initiativen offen bleibt. Das Projekt sei »das erste seiner Art in den neuen Bundesländern« und könne zu einer großen Attraktion werden.
Das Publikum der öffentlichen Sitzung im Rathaus Wolfen – etwa 150 Menschen – verfolgte die Diskussion rege. Die von Kleinmut und Angstmacherei geprägte Argumentation des Oberbürgermeisters und seiner Unterstützer fand hier keinen Anklang.
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