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Aus: Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 3 / Ansichten

Die Hoffnung bleibt

Prozess zum Mord an Lumumba
Von Gerd Schumann
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Patrice Lumumba 1960 in New York

Ein 93jähriger belgischer Diplomat steht nun also in Brüssel in Sachen Lumumba vor Gericht. Das ist gut so – und zugleich ein Armutszeugnis. Immerhin sind seit der Ermordung des ersten schwarzen Ministerpräsidenten der Demokratischen Republik Kongo im Januar 1961 über 65 Jahre vergangen; Jahre der Leugnung, Informationsblockade und des Vertuschens. Sie dienten nur einem Zweck: eine neokoloniale Herrschaft zur Sicherung des Rohstoffdiebstahls aufzubauen.

Dass der nun Angeklagte 1960, in dem Jahr der Unabhängigkeit des Landes am Kongo-Fluss, in einem Telex geschrieben hat, es sei von größter Bedeutung, Lumumba zu »entfernen«, ist inzwischen bekannt. Welche Rolle indes der Spross einer belgischen Adelsfamilie und ehemals hohe EU-Politiker bei Planung des Sturzes und der Hinrichtung von Patrice E. ­Lumumba und dessen zwei Gefährten genau gespielt hat, ist derzeit noch unklar. Wie so manches von der politischen Verschwörung gegen den Premier unklar ist: Dokumente dazu liegen in den Schubladen des belgischen Königshauses und der Geheimdienste unter Verschluss. Der Prozess könnte folglich tatsächlich Anstoß dazu geben, etwas Licht ins Dunkel der Fädenzieher zu bringen – der Anwalt der Familie Lumumba wies ausdrücklich darauf hin.

Fest steht allerdings seit längerem, dass Agenten und Politiker Belgiens unter maßgeblicher Beteiligung der CIA die Ausschaltung Lumumbas planten und durchführten. Sie sorgten letztlich dafür, dass der charismatische Freiheitskämpfer verschleppt, gefoltert, geschunden auf einem Militärlaster durch ­Léopoldville (heute: ­Kinshasa) gekarrt, in ein Militärgefängnis gesperrt und schließlich unter schrecklichen Misshandlungen nach Élisabethville/Katanga (heute: Lubumbashi) transportiert wurde.

Dass es nun auf Grundlage der vor 15 Jahren von einem Sohn Lumumbas erstatteten Anzeige endlich doch noch zu einem Verfahren kommt, in dem ein Beteiligter abgeurteilt werden könnte, erinnert an den makabren Umgang mit den sterblichen Überresten Lumumbas. Erst 2020, unter dem Eindruck der »Black Lives Matter«-Bewegung in den USA und in Europa und nach einem Brief der Tochter Lumumbas, Juliana Lumumba, an den belgischen König, mussten zwei Zähne des Ermordeten in den Kongo überführt werden. Der tatbeteiligte belgische Offizier Gérard Soete hatte sie aus dem Gebiss des Toten herausgebrochen und als Trophäen mit nach Belgien genommen. Sie lagen zuletzt lange bei der Staatsanwaltschaft Brüssel.

Die Übergabe sei wichtig für die Familie, aber noch wichtiger für die Menschen im Kongo, meinte damals die Tochter. Die Erschießung ihres Vaters sei »gleichbedeutend mit dem Ende der Demokratie« gewesen. Eine tatsächliche Unabhängigkeit vom Kolonialismus wurde verhindert. Lumumba, der Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft, war tot. Und doch erinnert er bis heute an die Hoffnung.

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