Ein Menschheitsverbrechen
Von Gerd Schumann
Es ist nicht gerade einfach, Fakten zu einem »geächteten« Thema zusammenzutragen. Srđan Aleksić ließ sich davon nicht abschrecken. Und erlebt bis heute, dass die Auseinandersetzung von offizieller Seite unerwünscht ist und gedeckelt wird. Nein, es besteht kein Zusammenhang zwischen verschossener Uranmunition und Krebserkrankungen, lautet nach wie vor die offizielle Darstellung – trotz erschütternder Gegenbeweise.
Seit nunmehr etwa zehn Jahren bemüht sich Srđan Aleksić, Rechtsanwalt im südserbischen Niš, das verordnete Verschweigen der grausamen Wirklichkeit zu durchbrechen, und niemand, der seine Aktivitäten kennt, wird die Hartnäckigkeit leugnen können, mit der er sein Vorhaben verfolgt. Sein Handeln ist von Sachlichkeit und konsequenter Stringenz geprägt. Der 57 Jahre alte Jurist, verheiratet, Vater zweier Töchter, Hochschullehrer und Leiter einer erfolgreichen Kanzlei im damaligen, von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg betroffenen Vielvölkerstaat namens Jugoslawien. Dessen Zerschlagung war eng mit den perfiden Waffen einer Luftarmada verknüpft, die Streumunition, Graphitbomben und eben DU-Munition gegen Land und Leute einsetzte.
Bei mehr als 25.000 Kampfeinsätzen der modernsten Kampfflugzeuge unter Führung der USA wurden über 25.000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen, mehr als 3.500 Menschen starben, davon ein großer Teil Kinder, 15.000 wurden verletzt. Die Spätfolgen sind auch nach einem Vierteljahrhundert Alltag einer unbekannten, großen Zahl Betroffener. Die öffentliche Infrastruktur und auch Zehntausende Wohngebäude wurden zerstört. Jugoslawien erledigt, besetzt, Serbien geächtet und dessen Provinz Kosovo und Metochien abgespalten.
Geschätzt wird, dass Atommunition mit insgesamt einer Menge von 15 Tonnen Uran in Südserbien und im Kosovo eingesetzt wurde. Nach Expertenerhebungen leiden jedes Jahr etwa 33.000 Menschen als direkte Folge an Krankheiten, die auf erhöhte Strahlungswerte zurückzuführen sind. Srđan Aleksić trug über Jahre die Fakten zusammen und vertrat viele Opfer juristisch. Über die Jahre erarbeitete er sich den nicht hoch genug zu bewertenden Ruf als absoluter Experte. Seine langwierige, auf Aussagen, Krankheitsverläufe, Fakten zu Befallsraten, Interviews und andere Beweise gestützte Recherche hat er in einem nun auch in deutscher Übersetzung publizierten Buch zusammengefasst. »Uran 238. Das Krebs-Geschoss« ist nicht nur ein erschütterndes Dokument. Es taugt zum dauerhaften Impulsgeber für das Erinnern an ein in die Vergessenheit gedrängtes Menschheitsverbrechen.
Geschosse mit abgereichertem Uran, einem Abfallprodukt bei der Herstellung von Kernbrennstäben für Atomkraftwerke, werden von den USA und Großbritannien seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 eingesetzt. Nach den jugoslawischen Sezessionskriegen kamen sie auch in Afghanistan seit 2001 und im Irak-Krieg 2003 zum Einsatz, außerdem in Somalia, wahrscheinlich auch in Libyen und in Syrien. DU-Munition meint Geschosse, die ihre panzerbrechende Wirkung mittels »Depleted Uranium« (abgereichertem Uran) entfalten, 3.000 Hitzegrade erzeugen, ihre Ziele zerstören – und schwere ökologische Schäden verursachen. Begleitet ist der Einsatz von einer Unmenge an Staub, der sich je nach den Witterungsbedingungen verteilt, in den Boden eindringt, Grundwasser und Luft verseucht. Wenn Menschen damit in Kontakt kommen, kann das zu schweren gesundheitlichen Schäden führen.
Diese Erfahrung musste auch Aleksić machen. Seine Mutter ist an den Folgen des Kontaktes gestorben: »Sie hat auf dem Feld gearbeitet, als fünf Meter weiter Uranmunition von NATO-Flugzeugen einschlug.« Angriffsziel waren eingegrabene serbische Panzer. Einige Monate nach Kriegsende litt die Mutter unter schwerem Ausschlag: »Medikamente haben nicht geholfen. Bei meiner Mutter wanderte die Erkrankung in die Knochen. Sie ist unter großem Leiden und Schmerzen an Knochenkrebs verstorben.«
Bei seinen Nachforschungen stieß Aleksić auf vergleichbare Tragödien. Zunächst betrafen sie italienische Besatzungssoldaten, um deren Fälle sich sein Anwaltskollege Angelo Fiore Tartaglia verdient machte, der zahlreiche Opfer vor Gericht vertrat, Entschädigungen durchsetzte, vor allem aber dem Thema Öffentlichkeit verschaffte und die rechtliche Anerkennung des ursächlichen Zusammenhangs zwischen den Tumorerkrankungen und dem Dienst auf von DU-Munition verseuchtem Gelände amtlich machte.
In Serbien haben sich an Aleksić mittlerweile ebenfalls Hunderte Betroffene gewandt. Inzwischen reichte seine Kanzlei vor dem Obergericht in Belgrad Klage gegen die NATO ein. Das sei »nicht nur ein juristischer, sondern auch ein moralischer Kampf«. »Falls die USA und Großbritannien anerkennen würden, dass abgereichertes Uran krebserregend wirkt und viele andere, nicht weniger gefährliche Erkrankungen – Unfruchtbarkeit, Missbildungen bei Kindern – und immunologische Leiden verursacht, müssten sie eine große Verantwortung übernehmen«, sagte er vor drei Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung.
Srđan Aleksić: Uran 238. Das Krebs-Geschoss. Aus dem Englischen übersetzt von Erna Vucaj. Wörner-Medien, Bad Schussenried 2025, 160 Seiten, 19,90 Euro
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