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Aus: Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Als ich wie ein Vogel war

Renft auf Abschiedstournee. Die DDR-Band schrieb Musikgeschichte
Von Gerd Schumann
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Die Klaus-Renft-Combo auf einem Bandposter aus Neues Leben (1972)

Manchmal fällt auf uns der Frost / Und macht uns hart/ Und dann kommt es darauf an / Dass das Blut, das in uns fließt / Seine Wärme halten kann / Wenn sich’s eiskalt um uns schließt« (Text: Kurt Demmler, Musik: Thomas Schoppe, 1973)

Renft hören auf, die Abschiedstour läuft. Für Freitag, den 20. März, ist der letzte Berliner Auftritt im Neu-Helgoland angesagt, in ihrer alten, charmanten Stammlocation an der Müggelspree direkt am Wasser. Er ist ausverkauft, und die vier Musiker werden sich noch einmal durch das Repertoire der Kapelle spielen – es stammt nahezu ausnahmslos aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre –, eine Werkschau, die nicht nur antörnt, sondern einen Teil der deutschen Kulturgeschichte spiegelt. Und vielleicht bewältigt sie ­Thomas »Monster« Schoppe, mittlerweile auch schon achtzig, nur noch sitzend, wie vor Jahren schon Mitch Ryder, die andere Röhre dieser Qualität.

Annähernd zwanzig Jahre DDR-Entwicklung stecken in Renfts Bandbiographie. Die vom Bassisten Klaus Jentzsch 1958 gegründete »Klaus Renft Combo« übernahm den Geburtsnamen seiner Mutter Charlotte. Renft durchlebten ein Auf und Ab, Gegenwind bekam die ursprüngliche Schülerband, ein Produkt der Rock-’n’-Roll-Zeit, häufiger zu spüren, bis hin zu einem Auftrittsverbot 1962 wegen »heißer Interpretation« englischsprachiger Titel, so Klaus Jentzsch. Die Nachfolgeformation Butlers fiel dann im Herbst 1965 dem Leipziger Beatverbot zum Opfer.

Ein gutes Jahr nach dem »Kahlschlag«-Plenum der SED, in dessen Folge Meisterwerke aus Literatur und Film im Giftschrank unter Verschluss genommen wurden, durften Renft dann trotz allem wieder auftreten. Die Besetzungen wechselten, Gitarrist Peter »Cäsar« Gläser und Jentzsch blieben als Konstante, zum Schluss galt die Besetzung mit Jochen Hohl, Cäsar, Christian »Kuno« Kuhnert, Monster, Jentzsch, Peter »Pjotr« Kschentz als »klassisch«.

In der ersten Hälfte der Siebziger waren Renft zu einem widersprüchlichen Projekt zwischen Unterhaltung und Aufbruch geworden. Darin glichen sie der Politik. Ihr beinhartes Ende 1975 fanden sie im Vorfeld der Biermann-Ausbürgerung. Doch in den innovativen Jahren vorher schrieben sie Musikgeschichte: zwei herausragende Langspielplatten, Songs für besonders populäre Defa-Filme wie »Für die Liebe noch zu mager« (»Als ich wie ein Vogel war«), »Wie füttert man einen Esel« mit Manfred Krug (»Aber ich kann’s nicht verstehn«), Nummer-eins-Hits wie »Wer die Rose ehrt«. An dieser Stelle sei bemerkt, dass die beiden einzigen DDR-LPs von 1973 und 1974, von denen die zweite hunderttausendfach verkauft wurde, 2018 als Amiga-­Doppel-LP neu aufgelegt wurden.

Und bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 wurden Renft bejubelt auch für antifaschistische Songs (»Ketten werden knapper«, »So starb auch Neruda«, ihr Chile-Lied). Die anderen Rocker, zuvorderst die Puhdys, entwickelten zwar auch ihren eigenen Stil, doch blieben deren Wurzeln im Hard Rock westlicher Prägung unüberhörbar. Auf hohem Niveau, versteht sich. Bei Renft ging es – selbst bei »Gänselieschen« (Unsre LPG hat hundert Gänse) und »Der Apfeltraum«, jeweils mit ironischen Country- oder Folkanklängen – eher um eine bluesträchtige Neubesinnung.

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Einmal geht noch: Renft gehen auf Abschiedstournee

Das plötzliche Ende der politisch in Ungnade gefallenen Band 1975 bedeutete dann auch das Ende der Entwicklung eines der größten Hoffnungsträger der deutschsprachigen Rockmusik. Die Versuche, die Band kurz vor und nach der DDR-Übernahme durch den Westen und auch noch später wiederzubeleben, knüpften an die Renft-Geschichte an. Das Repertoire wurde in unterschiedlichen Besetzungen mehrfach auf Tour und Alben reproduziert, ohne jedoch letztlich kaschieren zu können, dass der alte Spalt in der Gruppe auch im neuen Deutschland nicht zu kitten war.

Schon damals hatte es Probleme nicht nur mit der Staatsmacht gegeben, sondern auch intern. Unterschiedliche Konzepte, die auch mit dem Verhältnis zur DDR und dem Verhältnis von Text und Musik zu tun hatten, manifestierten sich personell. So äußerte zum Beispiel Klaus Jentzsch (im Buch von Hans-­Dieter Schütt »Zwischen Liebe und Zorn«), dass Gerulf Pannach, Renfts nach Kurt Demmler zeitweise wichtigster Texter, »unter den Einfluss von Biermann« geraten war. Das sei vielleicht das »eigentliche Ende von Renft« gewesen. »Biermann war eine Art Gottvater, Pannach wollte dem ›Herrn‹ gefallen, und so wurde er immer kompromissloser.«

Ein Teil der Combo, die, wie man es als Künstler sein sollte, natürlich kritisch war, schloss sich Pannachs Kurs an. »Monster«, seit 1971 dabei mit seiner urgewaltigen Stimme, nennt »­Pannach, Kuno (Kuhnert) und mich. Wir haben damals nicht schlecht gelebt in der DDR. Aber Kuno und Pannach kippten die Band.« Einzelne Songs, vorgesehen für das dritte Album (»Rockballade vom kleinen Otto« zum Thema Republikflucht), gerieten auf den Index. Die Berufsausweise als Musiker wurden eingezogen, es folgten Verhaftungen, Knast, Ausreisen nach Westberlin und in die BRD. Die wohl innovativste Rockband der DDR, die es mit Leichtigkeit mit allen deutsch singenden Kapellen jenseits der Mauer aufnehmen konnte, wurde gebannt und zerschlagen.

In der DDR wurde sie danach erst recht zur Legende, und das hatte nicht unbedingt mit Opposition, sondern vielleicht eher mit produktiver Sehnsucht zu tun. Im Westen nie wirklich angekommen, waren sie eine Band, die weiter auf die Kultur einwirkte. Richtig ärgerlich und folgenreich, dass man keinen gemeinsamen Weg gefunden hatte: Eine Avantgarde des deutschsprachigen Rocks verschwand – und eine des Sozialismus.

Nun verabschieden sie sich also. Monster ist der einzig Übriggebliebene und tritt mit drei Musikern auf, die zur Crème der deutschen Rockszene gehören: Gitarrist Gisbert »Pitti« ­Piatkowski (Klosterbrüder, City, NO 55, Gitarreros, Mitch Ryder), Peter »Bimbo« Rasym, mehrfach als bester DDR-Bassist ausgezeichnet (Uschi Brüning, Stern Meißen, zuletzt bei den Puhdys), und Schlagzeuger Olli Becker (Jessica, Hansi Biebl, Wenzel). Wenn sie dann »Zwischen Liebe und Zorn« aufführen sollten, sei zum Schluss ein dezenter Hinweis für die Ewigkeit gestattet: »Revolution. Ist das Morgen schon im ­Heute. / Ist kein Bett und kein Thron. / Für den Arsch zufriedner Leute.«

Konzerte: 14.3. Leipzig, 20.3. Berlin, 21.3. Neustadt/Orla, 28.3. ­Hoyerswerda, 4.4. Magdeburg, 11.4. Pirna, 25.4. Plauen

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