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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kolumbien

Der Wandel ist weiblich

Kolumbien: Kampferprobte Politikerinnen führen nach den Wahlen den Pacto Histórico im Senat an. Eine indigene Aktivistin könnte Vizepräsidentin werden
Von Nils Heidenreich, Bogotá
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Sie stehen hinter dem Duo Quilcué und Cepeda: Wahlkampfveranstaltung des Pacto Histórico am 21. März in Bogotá

Der Veranstaltungsraum im Dachgeschoss der kommunistischen Parteizentrale in Bogotá ist prall gefüllt, auf einer Leinwand läuft die Übertragung der nach und nach eintreffenden Wahlergebnisse. Sie zeigen ein immer deutlicheres Bild: Der Pacto Histórico ist weiterhin die stärkste politische Kraft im kolumbianischen Senat und kann seine bisherigen Mandate am Ende sogar um fünf weitere aufstocken. Während weiter nervös die wesentlich langsamer eintreffenden Zahlen zum Repräsentantenhaus aus den Regionen erwartet werden, ergreift die frisch gekürte, neue Senatorin María Eugenia Londoño das Wort.

In einer emotionalen Rede betont sie die Notwendigkeit der Vertiefung der Reformprojekte der aktuellen Regierung Gustavo Petros und die Chance, in den Präsidentschaftswahlen am 31. Mai mit Iván Cepeda bereits im ersten Urnengang den neuen Präsidenten stellen zu können. Neben den Slogans einer erfolgreichen Wahlkämpferin für den Pacto Histórico, das strömungsübergreifende Parteiprojekt der kolumbianischen Linken, wird sie mit jedem Satz persönlicher: »Ich danke allen Anwesenden für ihr Kommen und bin in Gedanken bei all jenen, die ihr Leben für die Hoffnung auf einen Wandel gegeben haben, der nun gekommen ist.«

Später erwähnt sie den Attentatsversuch auf ihre Person im Januar bei einem Wahlkampfaufenthalt in ihrer Heimatstadt Pereira. Es wird deutlich, dass ein Wandel zwar spürbar, aber in dem Land, in dem schon viel zu lange ein innerer Konflikt tobt, längst nicht vollzogen ist. Bereits im Jahr 2018, als sie sich als regionale Gewerkschaftsführerin das erste Mal auf ein Amt in der Direktion der nationalen Lehrervertretung FECODE bewarb, wurde in Bogotá auf María Eugenia Londoño geschossen. Neben der nach wie vor präsenten Gefahr für Leib und Leben als Kommunistin in Kolumbien benennt sie als weitere Schwierigkeit auf ihrem Weg ins Parlament, dass es ihr wirklich schwergefallen sei, ihre Tätigkeit als Lehrerin ganz aufzugeben, um sich der schwierigen Aufgabe der Mandatsgewinnung für den Pacto Histórico zu widmen, die ihr die Partei übertragen hatte.

Brücken schlagen

In einer klassischen Ochsentour war sie in den letzten Monaten in die entlegendsten Gegenden des Landes gereist, um insbesondere in den vergessenen Regionen Kolumbiens die Menschen von ihrer Person und ihrem Politikangebot zu überzeugen. Nach ihrer Vorstellung kann es gerade ihr als Repräsentantin des Bildungssektors und der Gewerkschaften gelingen, eine Brücke zu anderen marginalisierten Sektoren zu schlagen. Insbesondere Kleinbauern, Indigene, afrokolumbianische Gemeinden, Jugendliche und Frauen befinden sich in einem permanenten Kampf um Anerkennung. Dass Londoño mit ihrem Schwerpunkt eine bedeutende Zahl an Stimmen für sich gewinnen konnte, wurde erstmals im Oktober 2025 klar. Bei den Vorwahlen des Pacto für die Präsidentschaftskandidatur und die Listen zur Parlamentswahl konnte sie mit etwas mehr als 35.000 Stimmen den Listenplatz 13 gewinnen, der gute Chancen auf einen Einzug in den Senat verhieß.

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Anführerin des Minga-Aufstands und vielleicht zukünftig des Landes: Aída Quilcué wirbt in Bogotá um Stimmen (21.3.2026)

Der Pacto Histórico hat sich wie bereits 2022 für geschlossene Listen entschieden, zum einen um das politische Projekt und keine Einzelkandidaturen in den Mittelpunkt zu stellen und zum anderen um eine geschlechterparitätische Verteilung der Sitze zu ermöglichen. Wenngleich die Parlamentswahlen in diesem Jahr auf den 8. März fielen und die großen feministischen Proteste und Aktionen rundherum stattfinden mussten, konnte ein symbolischer Erfolg am Frauenkampftag erzielt werden: Erstmals in der Geschichte des Parlaments gibt es eine Fraktion, die mit 13 Senatorinnen eine weibliche Mehrheit stellt. Insgesamt ist nur etwa jeder dritte Parlamentssitz von einer Frau besetzt.

Lange Zeit sah es nicht danach aus, als sollten feministische Themen und Protagonistinnen das linke Einigungsprojekt des Pacto Histórico bestimmen. Ein tragisches, fast paradigmatisches Beispiel hierfür ist die amtierende Vizepräsidentin Francia Márquez. Der afrokolumbianischen Umweltaktivistin und Anwältin aus dem Norden des Cauca war es vor vier Jahren mit harter Überzeugungsarbeit gelungen, den Platz als Stellvertreterin Petros einzunehmen. Mit dem zweitwichtigsten Amt im kolumbianischen Staat ging aber nicht die erhoffte Anerkennung für ihr Wirken einher. Die Entscheidungen traf weiterhin eine Männerrunde aus Vertrauten Petros. Gegen deren Vertreter sind zudem – wie im Falle von Innenminister Armando Benedetti oder dem aktuellen Direktor des öffentlichen Rundfunks, Hollmann Morris – diverse Verfahren wegen Gewalt gegen Frauen anhängig.

An den offensichtlich patriarchalen Strukturen – die Petro teilweise förderte – entzündete sich teils heftige Kritik. Daran konnte auch die inszenierte Begleitung durch Ministerinnen bei Auftritten des Präsidenten nicht viel ändern. In einer öffentlich übertragenen Kabinettssitzung im Februar 2025 kam es schließlich zum offenen Eklat, als Marquez und andere Ministerinnen wie Susanna Muhamad ihren Unwillen aussprachen, mit dem zu diesem Zeitpunkt neu ernannten Innenminister Benedetti zusammenzuarbeiten. Petro bedachte das mit einigen flapsigen Kommentaren und zynischen Bemerkungen zum »Sektierertum der Linken«, und der Ankündigung, dass er ein breiteres Projekt formen wolle. Marquez und Muhammad traten im Anschluss als Ministerinnen zurück, einige Amtskollegen und weitere Funktionäre taten es ihnen gleich.

Es braucht Resilienz

Zurück zum 8. März: Mit María Eugenia Londoño fahren wir die wenigen Blocks von der KP-Zentrale zur Wahlparty des Pacto Histórico im Roten Salon des geschichtsträchtigen Hotels Tequendama im Zentrum Bogotás. Während sich hier bereits vor einigen Stunden Hunderte Anhänger und Kandidaten eingefunden hatten, wollte Londoño so lange wie möglich im engeren Kreise ihrer Genossen den historischen Moment genießen. Präsidentschaftskandidat Cepeda hat soeben seine Rede beendet, der Saal ist euphorisch, die Musik laut und es ist einigermaßen schwierig, zur Bühne zu gelangen. Hier angekommen wird Londoño zuerst von Carolina Corcho beglückwünscht und herzlich umarmt.

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Lässt sich nicht ausbooten: Fraktionsführerin Carolina Corcho noch in ihrer Funktion als Gesundheitsministerin (Bogotá, 13.2.2023)

Concho, die erste Gesundheitsministerin im Kabinett Petros war nach ihrer Niederlage gegen Cepeda bei der Präsidentschaftsvorwahl im Oktober zur Spitzenkandidatin für den Senat erklärt worden und wird nun in den kommenden vier Jahren die Fraktion anführen. »Wir werden einige Dinge gemeinsam voranbringen« ruft sie Londoño und den Fotografen zu, während beide die Daumen recken und in die Kameras lächeln. Die Medizinerin Corcho weiß aus bitterer Erfahrung, dass es belastbare politische Allianzen insbesondere innerhalb des Bündnisses braucht, um die eigenen Projekte durchbringen zu können. Nachdem sie bereits aus dem akademischen Sektor heraus jahrelang Politiker zu den Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer Gesundheitsreform beraten hatte, versucht sie diese als Ministerin in die Tat umzusetzen.

Mit Widerständen aus der Opposition im Kongress war aufgrund der unvorteilhaften Mehrheitsverhältnisse zu rechnen gewesen, nicht jedoch mit der fehlenden Rückendeckung in der eigenen Ministerriege – bis hin zum Präsidenten. Petro versuchte durch politische Deals im Rahmen seiner ersten Kabinettsbildung traditionelle Sektoren der kolumbianischen Politik einzubeziehen. Eine Reform des vor allem in entlegenen Regionen höchst korrupten Gesundheitswesens entsprach allerdings nicht unbedingt deren Interessen. So musste Corcho schon nach wenigen Monaten im Rahmen einer der vielen Kabinettsumbildungen Petros ihren Platz räumen. Die umtriebige Neupolitikerin, die sich erst im Rahmen des Wahlkampfs 2022 gänzlich der Politik verschrieben hatte, ließ sich aber nicht so einfach aufs Abstellgleis schieben.

Als Teil einer zivilgesellschaftlichen Initiative im Gesundheitssektor unter dem Namen »Dónde está la plata?« (etwa: Wo ist die Kohle?) legte Corcho dar, wie die gesetzlichen Krankenversicherungen mit verschiedenen Tricks zwischen 2020 und 2024 umgerechnet gut 2,5 Millionen Euro veruntreut hatten. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen ein. Bei Anhängern des Pacto ist sie schnell zu einer neuen Hoffnungsträgerin aufgestiegen, die authentisch und konsequent für ihre Angelegenheiten streitet – im Spiel und aus der Reserve. Als charismatische Technokratin repräsentiert sie einen akademisch-aktivistischen Flügel des Pacto, der normalerweise selten im Fokus steht und der mit ihr spätestens durch die Vorkandidatur zur Präsidentschaft ein wichtiges Aushängeschild gewonnen hat.

Die Kommunistin und Gewerkschafterin Londoño hat die verschiedenen Szenarien der Politik gewissermaßen von der Pike auf durch jahrzehntelange Arbeit an der Basis und in Gremien kennengelernt. Die knapp 20 Jahre jüngere Corcho ist dagegen direkt an die Spitze eines Ministeriums gelangt und musste im grellen Licht der Öffentlichkeit schnell Lehrgeld zahlen. Aber sie hat ihre persönliche und politische Resilienz unter Beweis gestellt und ist über ihre Präsidentschaftskandidatur als Spitzenkandidatin in den Senat eingezogen.

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Die Kommunistin María Eugenia Londoño (l.) wurde neu zur Senatorin gewählt, ihre Parteigenossin Gloria Inés Ramírez (M.) kandidiert für die Präsidentschaft (o. D.)

Weitreichende Wahl

Eine weitere wichtige weibliche Personalie präsentierte der Pacto am Tag nach den Parlamentswahlen. Lange war spekuliert worden, wen Iván Cepeda zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft wählen würde. Die Wahl fiel auf die aktuelle Senatorin Aída Quilcué, eine bekannte indigene Aktivistin und langjährige Anführerin des Regionalen Indigenrates des Cauca (CRIC). Mit dieser wichtigen Entscheidung setzt Cepeda auf eine politisch erfahrene, symbolträchtige Persönlichkeit, die auf verschiedenen Ebenen sein politisches Projekt einer »ethischen Revolution« unterstützt.

Zu überregionaler Bekanntheit gelangte Quilcué 2008 als Anführerin der »Gran Minga«, eines indigenen Protestmarsches gegen die rechte Regierung von Präsident Álvaro Uribe. Ausgehend vom Cauca, wo die kontinentale Schnellstraße Panamericana blockiert wurde, zogen etwa zehntausend Indigene bis in die Landeshauptstadt Bogotá. Sie forderten die Einhaltung der Versprechen für den Zugang zu Land und Maßnahmen gegen die Ermordung ihrer Angehörigen. Die Regierungszeit Uribes war von einem Klima der Repression geprägt. Es gab Tausende Fälle sogenannter Falsos Positivos – willkürlich Ermordete wurden als Guerilleros präsentiert. Auch hier versuchte der Präsident, die Protestierenden mit seinem Lieblingsfeind, der linken Guerilla FARC-EP, in Verbindung zu bringen.

Die Verknüpfung mit der FARC war dabei stets das rhetorische Instrument, um staatliche Gewalt gegenüber der Öffentlichkeit zu legitimieren. In diesem Fall gelang es dem CRIC aber, eindrücklich zu dokumentieren, wie ein Polizist unbehelligt aus den Reihen seiner Kollegen auf Demonstrierende schoss. Dieser Beweis, wie selbstverständlich die tödliche staatliche Gewalt war, zwang Uribe zu einer öffentlichen Entschuldigung. Die »Gran Minga« wurde ein großer symbolischer und organisatorischer Erfolg für die indigene Bewegung, den Quilcué jedoch einige Wochen später mit einer persönlichen Tragödie bezahlen sollte. Das Auto ihres Ehemanns Edwin Legarda wurde von Soldaten angegriffen, die insgesamt 90 Schüsse auf den Wagen abgaben, von denen drei den Präsidenten der Gemeindeverwaltung tödlich trafen.

Obwohl die Selbstverteidigungseinheiten der Guardia Indígena die Soldaten am Tatort festhielt und entwaffnete, dabei Gewehre sicherstellte, die nicht im offiziellen Waffeninventar verzeichnet waren und damit verhinderte, dass Legarda nachträglich als »Falso Positivo« inszeniert werden konnte, hatte der Mord keinerlei strafrechtliche Konsequenzen. »Mein Mann hat sein Leben für mich gegeben. Ich wusste dass Uribe mir nicht verzeihen würde«, sagt Quilcué in einer Dokumentation über ihr Wirken, in der sie als »Symbol der Würde und des Widerstands« betitelt wird.

Quilcué und Cepeda haben sehr unterschiedliche politische Lebensläufe, aber zwei wichtige Gemeinsamkeiten: die Gegnerschaft zu Uribe, und dass sie Opfer der politischen Gewalt im Land sind. Der Vater von Cepeda wurde als amtierender Abgeordneter des Repräsentantenhauses für die ­Unión Patriotica (UP) und Generalsekretär der Kommunistischen Partei 1994 von Paramilitärs in Bogotá ermordet. Der aktuell größte Konkurrent Cepedas ist Abelardo de la Espriella, der als Anwalt von Paramilitärs bekannt wurde. Er kokettierte im Wahlkampf schon damit, die Linke »ausweiden« zu wollen, und versucht so, mit Gewaltphantasien und -praktiken gegen linke Projekte in Kolumbien Wählerstimmen zu gewinnen. Dem Duo Cepeda/Quilcué ist lebendig in Erinnerung, was diese Rhetorik lange Jahre lang für Konsequenzen hatte. Auch teilen die beiden allein durch ihre gemeinsame Zeit im Senat wesentlich mehr Inhalte und Sympathien als Petro und Márquez, die nie wirklich warm miteinander wurden.

Das Angebot von Iván Cepeda und Aída Quilcué, von Carolina Corcho und María Eugenia Londoño an Kolumbien ist ein Projekt der Emanzipation, aber auch der Versöhnung. Nicht umsonst griff Londoño für ihre Kampagne auf den Slogan des 1991 ermordeten Präsidentschaftskandidaten der UP, Bernardo Jaramillo, zurück: »Venga esa mano« – was in etwa bedeutet »Nimm meine Hand – ich gebe sie dir.«

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