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Indien

Schritt in die Realität

Indiens Version der »Gen Z«-Proteste: Satirische Bewegung akademischer Jugend protestiert nach Onlineerfolg erstmals als »Kakerlakenvolkspartei« auf der Straße

Foto: Adnan Abidi/Reuters
Aus einer Beleidigung wird Protest: Demonstranten mit Kakerlakenmaske in Neu-Delhi (6.6.2026)

Der Hype um die sogenannte Kakerlakenvolkspartei, die als satirische Aktion in den sozialen Netzwerken begann, ist enorm: Sehr viele Menschen in Indien haben inzwischen von der Bewegung gehört, die auch weltweite Aufmerksamkeit erfährt. In der Hauptstadt brachte die Cockroach Janta Party (CJP) am Sonnabend nach eigenen Angaben 6.000 bis 7.000 Menschen auf die Straße, um den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan zu fordern. Es sei erst der Auftakt gewesen, ließ Initiator Abhijeet Dipke im Anschluss wissen – nunmehr werde man einen landesweiten Aktionsplan vorbereiten. Name und Symbol der Partei resultieren aus einer Äußerung von Indiens Chefrichter Surya Kant, der frustrierte junge Leute, die zu Aktivisten werden, als »Kakerlaken« und »Parasiten der Gesellschaft« bezeichnet hatte.

Jantar Mantar, eine gern für solche Zwecke genutzte Hauptstraße Neu-Delhis, war angefüllt nicht nur mit jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren als dominanter Gruppe. Auch angehende Abiturienten, die um ihre berufliche Zukunft fürchten, sowie Ältere, die als Angehörige der Eltern- und Großelterngeneration Solidarität bekunden wollten, waren dabei. Für eine erst gut drei Wochen alte Bewegung ist dies ein starkes Zeichen. Die CJP gibt es seit dem 16. Mai, und erst mit der erfolgreichen Premiere vollzogen die »Kakerlaken« sozusagen den Schritt vom digitalen Raum ins reale Leben. Mit 22 Millionen Followern allein auf Instagram binnen einer Woche hat die CJP sogar die Bharatiya Janata Party (BJP) von Premier Narendra Modi überholt, die sowohl in Neu-Delhi als auch in über zwei Dritteln der Teilstaaten Regierungskraft ist.

Gegen Pradhan richtet sich der Protest, weil er in oberster Instanz für mehrere Skandale im Bildungssektor verantwortlich gemacht wird, die das Land im Mai erschütterten. Sogar Todesfälle sind durch die vom Minister vorgenommene Annullierung der Prüfungsergebnisse beim National Eligibility cum Entrance Test (NEET) zu beklagen: Nachdem Pradhan diese Entscheidung bekanntgegeben hatte, nahmen sich etliche Teilnehmende aus Schock das Leben. Das NEET-Verfahren ist der Zugang für die Bachelorstudiengänge an staatlichen Hochschulen. Es ist für Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten nahezu die einzige Chance, um etwa Arzt zu werden. Viele Familien verschulden sich erheblich, damit sich der Sohn oder die Tochter bestmöglich auf die Prüfungen vorbereiten kann, und viele glaubten nach der nun annullierten Runde bereits, einen Studienplatz sicherzuhaben. Weil angeblich Prüfungsfragen geleakt wurden, soll der Test wiederholt werden.

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Der Skandal ist kein Einzelfall, sondern nur der Tropfen, der das Fass des Unmuts zum Überlaufen brachte. Indien hat sehr viele gut ausgebildete junge Leute – adäquate Jobangebote sind jedoch eher Mangelware. Der Frust über diese Situation hat sich seit Jahren aufgestaut und bricht sich nun Bahn. Der raketenartig von einem Nobody zum Prominenten gewordene Dipke gehört selbst zu dieser Generation. In seiner Heimatstadt Pune hat der 30jährige ein Journalistikstudium absolviert, zuletzt in Boston einen Master in Public Relations draufgesetzt. Er befand sich selbst auf Jobsuche. Mit seiner neuen Bekanntheit habe er nun etliche Angebote in den USA erhalten, so der CJP-Gründer. Er wollte aber lieber persönlich den Protest am 6. Juni anführen. Bis 2023 sammelte Dipke zudem ehrenamtlich im Social-Media-Team der Aam Admi Party (AAP) Erfahrungen – die selbst noch eher junge Antikorruptionspartei war einige Jahre dominante Kraft in Delhi unter Exchefminister Arvind Kejriwal, den die Modi-Regierung temporär ins Gefängnis brachte.

Wie beständig die CJP sein mag, die sich momentan als indische Version der sogenannten Gen-Z-Bewegung darstellt, die in den Nachbarländern Bangladesch und Nepal sogar Regierungen zu stürzen vermochte, ist angesichts des bisher singulären Ziels – Rücktritt des Bildungsministers – noch unklar. Doch es gibt Potential für mehr. Die Tausenden »Kakerlaken«, die in Delhi protestierten, fühlen sich vom elitär geprägten politischen System als Ganzem enttäuscht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 7, Ausland

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