Warnsignal der Natur
Indien: Erdrutsch an Tunnelbaustelle in ökologisch sensibler Bergregion. Extremwetterereignisse häufen sich
Fünf Leben hat der Erdrutsch im südindischen Unionsstaat Kerala bislang gefordert. Von insgesamt zehn Verletzten lägen noch drei auf der Intensivstation, der Rest sei entlassen worden, hieß es am Donnerstag morgen. Die Suche nach Vermissten geht indes weiter. Das Unglück am werdenden Anakkampoyil-Kalladi-Meppadi-Tunnel hatten heftige Monsunregenfälle am Dienstag verursacht. Der 8,7 Kilometer lange Doppeltunnel, der nach Fertigstellung zwei Distrikte verbinden soll, ist eines der größten Infrastrukturprojekte Keralas.
Vadesseri Damodara Satheesan, seit dem Wahlsieg der Kongresspartei (INC) und ihrer Verbündeten über die zuvor regierende Linksfront seit Mai neuer Chefminister Keralas, war am Mittwoch zugegen. Er traf Überlebende und versprach staatliche Unterstützung. Seine Regierung hatte die Baufirma wegen unsachgemäßer Lagerung von Erdreich in der Nähe des Tunneleingangs verantwortlich gemacht, bevor sich der Unfall als Naturkatastrophe herausstellte.
Umweltschützer haben wiederholt vor den Folgen des Bauprojekts in dem ökologisch sensiblen Berggebiet gewarnt. Die Natur habe dem Menschen nun abermals warnend eine rote Flagge gezeigt, titelte die Times of India. Und nicht nur der Deccan Chronicle erinnerte daran, dass in der Nähe, ebenfalls im Distrikt Wayanad, Ende Juli 2024 ein Erdrutsch mindestens 420 Menschen getötet hatte. Aufgrund ihrer geologischen Gegebenheiten gilt die ganze Region bei stärkeren Regenfällen als Risikozone.
Der diesjährige Monsun hatte am 4. Juni in Kerala begonnen. Nordwärts zogen die Wolken: Zuletzt kam es auch in den Metropolen Mumbai und Delhi zu Regenfällen weit über den üblichen Mengen. Ganz Indien plagen Fluten. Vielerorts wurden die Schulen vorübergehend geschlossen – wie schon im Mai wegen Extremhitze mit Temperaturen bis 48 Grad Celsius, als Millionen Kinder und Jugendliche vorzeitig in verlängerte Ferien geschickt wurden.
Erdrutsche wurden ebenfalls aus dem Unionsstaat Arunachal Pradesh am Südhang des Himalaja gemeldet. In Maharashtra war Missing Link, ein ähnliches Tunnelprojekt wie in Wayanad, betroffen – allerdings ohne Tote und Verletzte. 18 Stunden lang war die neue Straßenverbindung, Teil eines 70 Milliarden Rupien (640 Millionen Euro) schweren Projekts, unterbrochen. Der westindische Teilstaat verzeichnet seit Beginn des Monsuns 62 Tote.
Die Auswirkungen der Starkregenfälle betreffen unter anderem den Betrieb der indischen Eisenbahn und mit ihr das zweitgrößte Streckennetz der Welt. Indian Railways teilte mit, dass allein im Regionalbereich Central Railway – nur eine von 18 Zonen – insgesamt 1.100 Arbeiter im Einsatz seien, um einen gestörten Abschnitt wieder flottzumachen. Dennoch müsse mindestens bis Freitag mit Ausfällen auf großen Verbindungen zwischen den Metropolen Mumbai, Bengaluru und Kolkata und darüber hinaus gerechnet werden.
Eine gemeinsame Studie der Denkfabrik Centre for Science and Environment (CSE) aus Delhi und des Umweltportals Down to Earth hatte 2025 einen Anstieg der Todesfälle in Indien durch klimawandelbedingte Extremwetterereignisse um 48 Prozent binnen vier Jahren errechnet. Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres seien das 4.064 gewesen, davon 3.007 durch den Monsun.
Laut einer anderen Studie der Hilfsorganisation Christian Aid bildeten Monsunüberschwemmungen in Indien und Pakistan 2025 mit Schäden von 5,6 Milliarden US-Dollar die finanziell schwerste Naturkatastrophe. Die Gesamtsumme an Extremwetterschäden weltweit wurde dabei auf 120 Milliarden US-Dollar geschätzt.
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