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08.06.2026
- → Feuilleton
Der Mut der Eltern
Skizzenhaftes und Persönliches von Hans Coppi jr. in seinem Buch »Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi«
Die Erforschung der als »Rote Kapelle« bekannten Widerstandsgruppen macht langsame, aber stetige Fortschritte. Es liegen bereits Biographien von führenden Mitgliedern wie Harro und Libertas Schulze-Boysen, Mildred Harnack, Kurt und Elisabeth Schumacher vor, von aktiv Beteiligten wie Oda Schottmüller, Cato Bontjes van Beek, Liane Berkowitz, Bodo und Rose Schlösinger, daneben Erinnerungen von Greta Kuckhoff, Elfriede Paul und Heinrich Scheel. So wurde die Frage nach einem Buch über Hans und Hilde Coppi immer drängender. Zumal es bereits einen Spielfilm über die beiden gibt – »In Liebe, Eure Hilde« (Andreas Dresen, 2024) – und ihr Sohn, Hans Coppi jr., selbst zur »Roten Kapelle« geforscht und biographische Studien, zum Beispiel zu Harro Schulze-Boysen und Ilse Stöbe, beigesteuert hat. Nun steht fest, dass es eine Biographie von ihm über seine Eltern niemals geben wird.
Als sich der Verleger Walter Frey 2023 mit einem entsprechenden Anliegen an ihn wandte, war Coppi bereits zu krank, um ein solches Buch zu schreiben. Vermutlich hatte er es auch nie vorgehabt. Statt dessen liegt jetzt ein Ersatz vor: Coppis langjährige Mitarbeiterin Geertje Andresen, Biographin der Tänzerin Oda Schottmüller, hat es unternommen, drei »grundlegende« Vorträge Coppis zusammenzuführen, die dieser in den vergangenen zwanzig Jahren an Schulen und anderen Einrichtungen über seine Eltern gehalten hat. Es handelt sich dabei um mehr oder weniger skizzenhafte und sehr persönliche Darstellungen, die keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen mussten und ohne Quellenangaben auskommen. Alles Problematische konnte ausgeklammert werden.
In einem längeren Wortbeitrag für einen Dokumentarfilm hat Coppi jr. außerdem über seine Situation in der DDR berichtet (»Mein Leben im Tod meiner Eltern«, 1995). Daraus geht hervor, dass es nicht immer leicht für ihn war, vornehmlich als Sohn zweier gefeierter antifaschistischer Helden wahrgenommen zu werden, zumal an ihn deshalb auch politische und moralische Anforderungen gestellt wurden. Johannes Tuchel, bis Ende 2025 Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, sieht das in seinem Vorwort für das Buch so: »Ob er es wollte oder nicht, Hans Coppi war in der DDR gerade als Sohn seiner Eltern eine öffentliche Persönlichkeit, die sowohl von der SED als auch von der FDJ vereinnahmt wurde.« Er habe vergeblich versucht, sich dieser »Vereinnahmung« zu entziehen.
Obwohl er keine Erinnerungen an sie haben konnte und bei seinen Großeltern väterlicherseits offenbar behütet aufgewachsen war, vermisste Hans Coppi jr. vor allem seine Mutter. Sein Vater, 1916 im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen geboren, war Arbeiter und Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands. Er beteiligte sich nach 1933 am antifaschistischen Widerstand, etwa durch die Verbreitung von Flugblättern. Zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wurde er im Februar 1935 aus der Jugendstrafanstalt Plötzensee entlassen. Im Juni 1941 heiratete er die 1909 geborene Berliner Angestellte Hilde Rake. Beide gehörten ab 1940 zum Widerstandsnetzwerk um Harro Schulze-Boysen; Hans Coppi wurde als Funker der Gruppe ausgebildet. Im September 1942 wurden er und seine Frau von der Gestapo verhaftet. Zwei Monate später, am 27. November 1942, brachte Hilde Coppi im Frauengefängnis Barnimstraße ihren Sohn Hans Carl zur Welt, mit dem sie noch acht Monate hinter Gittern verbringen konnte.
Wegen »Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung und Spionage« verurteilte das Reichskriegsgericht das Ehepaar zum Tode. Hans Coppi wurde am 22. Dezember 1942 in der Hinrichtungsstätte Plötzensee enthauptet, Hilde Coppi am 5. August 1943.
Etwa ein Viertel des Buchs machen die bislang noch nicht vollständig veröffentlichten Briefe aus, die Hans und Hilde Coppi während ihrer Haft geschrieben haben, »abgesehen von kleinen, allzu persönlichen Textfragmenten«, wie Geertje Andresen anmerkt. Beeindruckend sind vor allem die Briefe von Hans Coppi an seine Frau, die Ruhe und Ausgeglichenheit, sogar Humor vermitteln, obwohl er sich bereits im Oktober 1942 über sein bevorstehendes Ende im klaren war.
Hilde Coppi war ihm eine starke Partnerin, die trotz oder gerade wegen ihrer Schwangerschaft während ihrer Haft ebenfalls »ruhig und gefasst« bis zum Tod blieb. Sie war eine ungewöhnliche Persönlichkeit, die mit ihrer Festigkeit, Sanftmut und Hilfsbereitschaft auch das Gefängnispersonal beeindruckte.
Leider wird nichts zur Überlieferungsgeschichte mitgeteilt; es sind nur die Briefe von Hans an Hilde und an seine Mutter Frieda abgedruckt sowie Briefe von ihr an ihre Mutter, Hedwig Raasch, und an Frieda Coppi. Es muss davon ausgegangen werden, dass Hildes Mutter nach der Hinrichtung ihrer Tochter die Herausgabe von deren Hinterlassenschaft verlangt hat. An »wertlosen« Papieren hatte die Gestapo im allgemeinen kein Interesse. Hildes Briefe an ihren Mann sind vermutlich mit dessen Haftunterlagen verlorengegangen oder vernichtet worden.
Erstaunlich ist, dass es aus den letzten zwanzig Tagen seines Lebens keinen Brief mehr gibt, auch keinen Abschiedsbrief, weder an seine Frau, noch an seine Eltern und seinen Bruder. Abschiedsbriefe der zusammen mit ihm hingerichteten Schulze- Boysens, von Arvid Harnack, Horst Heilmann und Elisabeth Schumacher sind dagegen überliefert – für die Forschung bleibt im Fall der Coppis noch einiges zu tun.
Hans Coppi jr.: Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi. Hrsg. von Geertje Andresen, Vorwort von Johannes Tuchel. Wedding-Bücher, Berlin 2026, 172 Seiten, 17 Euro
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