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Aus: Ausgabe vom 13.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Kunst im Klassenkampf

Linolschnitte des Künstlerpaares Hans und Lea Grundig in der jW-Maigalerie
Von Cristina Fischer
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Hans Grundig: »Grubenunglück in Mansfeld« (1930)

In der späten DDR wurde der zunächst als »Formalist« verrufene Hans Grundig als Malergenie bewundert, dabei geriet die Eigenart seiner Frau Lea zunehmend aus dem Blick. Heute ist es umgekehrt – sie erfährt als jüdische Künstlerin seit Jahren wachsende öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung, während ihr Mann als nichtjüdischer deutscher Kommunist zu Unrecht kaum noch beachtet, geschweige denn gewürdigt wird.

In seinen Erinnerungen bekannte er: »Unser Leben, Freunde, formte die Partei, und wir gaben der Partei unsere Arbeitskraft auf vielen Gebieten (…) Wir dienten dem Klassenkampf, gleichviel, wo wir auftraten.«

Das mit dem »Auftreten« ist nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch wörtlich zu verstehen – Hans und Lea Grundig beteiligten sich in Dresden an einem Spieltrupp der KPD, der Linkskurve hieß wie die Zeitschrift des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller. Hans Grundig steuerte dazu u. a. ein Werbeplakat mit grotesken Figuren bei – ein kleiner Affenmensch mit Hakenkreuz verkörpert die NSDAP und lässt an Goebbels denken, die SPD ist als (dumme) Gans dargestellt, die katholische Zentrumspartei als eine Art Nashorn mit Christuskreuz.

Er selbst betätigte sich bei den Auftritten der Truppe als Schauspieler, aber auch als Schnellzeichner, der zum Beispiel vor seinem Publikum stark abstrahierte Karikaturen von Politikern entwarf, die dann erraten werden mussten, was jedesmal für großen Spaß sorgte. Wenn er etwa einen Rinderkopf mit Hörnern und SA-Mütze malte, dann »erkannten« alle sofort den bulligen NSDAP-Gauleiter von Sachsen, und der ganze Saal schrie: »Muh, muh, Mutschmann!«

Politische Grafiken

»Hier kamen auch Leas und meine Holzschnitte zur vollen Wirkung«, erzählte Hans, »Wir hatten (…) zu jeder politischen Situation Schnitte gemacht, oft in Form von Bilderbogen, aber auch als einzelne Blätter. Wir verkauften sie für 30 Pfennige; davon gehörten 15 Pfennige der Truppe für Requisiten und 15 Pfennige uns als Verdienst.« Einige Beispiele hängen in der jW-Maigalerie; unter Hans Grundigs »Spinnerin« von 1930 notierte seine Frau mit Bleistift: »für 30 Pf in Arbeiterversammlungen verkauft«. Seine Kritik an den politischen Zuständen in der späten Weimarer Republik äußert sich in Grafiken wie »Die Reichswehr marschiert in Dresden ein« (1929), »Grubenunglück in Mansfeld« (1930), »Streik/Kämpft mit der RGO« und dem satirischen Blatt »Reformismus ist Trumpf (Das Kabinett Brüning)« (1931). Hans Grundig erweist sich mit diesen Linolschnitten als Meister der politischen Grafik.

Beide Grundigs gehörten damals wie Curt Querner, Otto Griebel, Wilhelm Lachnit, das Ehepaar Schulze-Knabe und andere namhafte Künstler der im März 1929 gegründeten Dresdener Gruppe der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler, kurz Asso, an. Sie kämpften mit ihren Werken gegen Notverordnungen und gegen den Abtreibungsparagraphen 218, klagten das Elend der Arbeitslosen infolge der Weltwirtschaftskrise an und beschworen die Solidarität der Arbeitenden. »Selbstmord ist kein Ausweg« (1930) mahnt einer der Linolschnitte Hans Grundigs, ein anderer dokumentiert den »Kampfmai 1930« – berittene Polizei bedrängt die Demonstrierenden am 1. Mai.

»Je näher die Hindenburg-Papen-Periode uns dem totalen Faschismus brachte, desto härter wurde unser persönliches Leben, um so schwieriger auch die materielle Seite des Daseins«, berichtete Hans Grundig. Zu einem seiner »Bilderbogen« merkte er an: »Es war ein Mord geschehen. Ein junger SA-Mann war von seinen eigenen Kameraden erschlagen und in einen Sack genäht worden, der, mit Steinen beschwert, in die Maltertalsperre geworfen wurde. Angeblich war er im geheimen Kommunist gewesen.« Ein ähnliches Motiv von ihm (»Arbeitermord«, 1930) hängt ebenfalls in der jW-Maigalerie.

Berufsverbot

Die Grundigs klebten den vervielfältigten Linolschnitt damals illegal mit Genossen im Stadtzentrum von Dresden und erregten damit Aufsehen. Im Frühjahr 1933 malten Hans und Lea in der Nähe vom Dresdener »Weißen Hirsch« nachts auf eine fünfzig Meter lange Mauer großformatig die Parole: »Schlagt die Faschisten, wählt die KPD, Liste 3.« Auch wenn sie der polizeilichen Verfolgung bei dieser Aktion noch knapp entgehen konnten, war ihre politische Einstellung allgemein bekannt.

Und so traf Hans Grundig 1936 schließlich das Berufsverbot, dem der Entzug der Fürsorgeunterstützung folgte, wodurch das Ehepaar an den Rand der Verelendung geriet. Finanziell halfen Leas Vater, aber auch Freunde, denen es besser ging. »Wir haben immer viel gearbeitet, aber in der Zeit des Faschismus noch viel, viel mehr«, meinte Hans Grundig. »Jeder Pfennig, den wir nicht unbedingt zum Leben brauchten, ging drauf für Papier, Pinsel und Farbe.« Damals bevorzugten die beiden die Technik der Radierung, da sie auf ihrer eigenen Presse unauffällig zu Hause drucken konnten.

Im direkten Vergleich ist Hans Grundig als der stärkere Künstler zu erkennen – in der Ausstellung sind etwa sein »Mädchen mit Puppe« von 1929 und Leas »Mädchen mit Schal« aus dem gleichen Jahr übereinander gehängt. Seine Linolschnitte »Kinder der Großstadt« (1929), »Zwei Mädchen auf der Bank« (1929), »Lernender Knabe (Lesender Arbeiterjunge)« (1930), »IAH Kinderheim 1930«, »Wunschzettel II« (1931) sind Meisterwerke, die bis heute nicht an Wirkung verloren haben. Sie zeigen seinen souveränen Umgang mit dem Schnittmesser und dem Material, gerade in den komplexeren Kompositionen sind Vordergrund und Hintergrund kunstvoll aufeinander bezogen.

Lea Grundigs Schnitte wirken dagegen oft zu unruhig, zwar dynamisch, aber in der Dynamik zu sehr auf äußerliche Effekte setzend, wobei der Schwerpunkt des Bildes verrutscht. Auch ihre expressive Mondlandschaft (1929) fasziniert zunächst, enttäuscht aber bei längerem Betrachten durch fehlende Tiefe, während ihre Auseinandersetzung mit der statischen Struktur der »Dächer« der Großstadt (1930) überzeugt. Sie hat als Zeichnerin beeindruckende Porträts geschaffen; im groben Linolschnitt sind sie ihr durch den notwendigen Verzicht auf Details weniger gelungen: »Jugendliche Arbeitslose« (1929), »Betende« (1930). Überzogen, beinahe karikaturistisch wirkt ihre wildbewegte »Diskussion« (1931) zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, wobei der Kommunist eigenartigerweise mit dem ausgestreckten linken Arm und dem Zeigefinger seiner übergroßen Hand nach oben gen Himmel weist. Kompositorische Schwächen offenbaren auch ihre Schnitte »Streikende vor Fabrik«, »Arbeitermord« (beide 1930) und »Im Wartezimmer beim Arzt« (1931).

Vergleiche ziehen

Wenn Iris Berndt in einem Artikel verkündet: »Die Kunst von Hans und Lea Grundig braucht Vergleiche mit der etwa von Käthe Kollwitz nicht zu scheuen, ja sie übertrifft sie mitunter an Schärfe und Prägnanz«, geht diese Behauptung fehl, da sie auf zwei verschiedenen Ebenen operiert – der Vergleich zielt zunächst auf die künstlerische Ebene, die Äußerung über die größere »Schärfe« jedoch auf die inhaltliche oder politische. Nicht zuletzt werden hier auch zwei verschiedene Generationen verglichen: Käthe Kollwitz war in der Zeit, um die es hier geht, bereits in ihren 60ern. Auch sie durfte als bekennende Sozialistin in der Nazizeit nicht mehr ausstellen.

»Hans und Lea Grundig«, jW-Maigalerie der, Torstraße 6, Berlin-Mitte, bis 17.4.

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