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27.05.2026
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Spürst du was?
Schule des Menschseins: Eine Werkschau der serbischen Performancekünstlerin Marina Abramović im Berliner Gropius-Bau
An Marina Abramović scheiden sich die Geister. Die einen verehren sie als radikale Performancekünstlerin und Schamanin, die anderen halten sie für eine Scharlatanin und werfen ihr vor, sich zur kommerziellen Marke gemacht zu haben. Derzeit bietet der Berliner Gropius-Bau Gelegenheit, sich anhand der Werkschau »Marina Abramović: Balkan Erotic Epic« ein eigenes Bild zu machen. Die aus Serbien stammende Künstlerin, die in diesem Jahr 80 wird, war zur Ausstellungseröffnung aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend, sandte aber aus ihrem Haus in Upstate New York erstaunlich prägnante Botschaften. Die Schlange am Eingang soll mehr als 400 Meter lang gewesen sein; wegen des großen Interesses wurden die Öffnungszeiten bis 20 Uhr verlängert.
Im Lichthof des Gropius-Baus empfängt uns eine riesige Videowand: Schwarz gekleidete Frauen mit Kopftüchern, ornamental gruppiert und auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden, schlagen sie sich rhythmisch stöhnend und klagend auf die Brust. Die Arbeit »Tito’s Funeral« (2025) lässt die erotische Dimension von Personenkult und Massenchoreographien erahnen. Die Künstlerin selbst ist unter den Klagefrauen zu entdecken – als einzige in grau-schwarzem Leopardenmuster gekleidet. Für die Tochter hochdekorierter Partisanen aus Titos Jugoslawien ist die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft ein zentrales Thema, nun mit »der Weisheit des Alters und der nötigen Distanz«, wie sie sagt. Eine weitere Konstante ihres Werks ist die Verwendung christlicher Ikonographie und kunsthistorischer Motive von Opfer, Ritual und Vergänglichkeit.
Das Entree der Ausstellung bildet eine kleine Figurine aus Nordmazedonien aus dem 6. Jahrtausend v. u. Z.: ein weiblicher Torso mit ausgeprägter Vulva – eine jener Statuetten, die über einen Zeitraum von mehr 30.000 Jahren weltweit die »Kategorie Mensch« repräsentierten. Das passt zu Marina Abramović, in deren Werk der Körper das zentrale Medium ist. Die Ausstellung zeigt neben »Balkan Erotic Epic« frühere Arbeiten, die vor allem physische Grenzerfahrungen und das Aushalten von Schmerz thematisieren. Sie sei monatelang auf der Chinesischen Mauer gelaufen, habe geschrien, bis sie nicht mehr schreien konnte, getanzt bis zur völligen Erschöpfung, sich selbst gepeitscht, einen Stern in ihre Haut geritzt und auf Eis gelegen, berichtet Abramović. Später ging es ihr vor allem um zwischenmenschliche Interaktionen – etwa in den Arbeiten mit ihrem damaligen Partner Ulay oder in der dreimonatigen Aktion »The Artist is Present« im New Yorker Museum of Modern Art (2010). Zunehmend bestimmen die Ideen von Transformation und spiritueller Reinigung ihre Arbeit.
In »Rhythm 5« (1974) legte sie sich in die Mitte eines mit Benzin übergossenen, brennenden fünfzackigen sozialistischen Sterns aus Holz, verlor wegen Sauerstoffmangels das Bewusstsein und musste vom Publikum gerettet werden. Die Performance wurde nur ein einziges Mal aufgeführt. In »Dragon Heads I« (1990) saß sie regungslos auf einem Sessel, während fünf ausgehungerte Würgeschlangen über ihren Körper krochen. In »Balkan Ba-roque« (1997) verbrachte sie vier Tage inmitten stinkender Rinderknochen, schrubbte Fleischreste ab und sang dazu, an der Wand hingen große Porträtfotos ihrer Eltern – ihre Auseinandersetzung mit den blutigen Kriegen im zerfallenden Jugoslawien. Für diese Arbeit erhielt sie den Goldenen Löwen auf der 47. Biennale von Venedig.
Im Berlin gezeigten Werkkomplex »Balkan Erotic Epic« sind nicht Sex oder gar Pornographie der Gegenstand, sondern Erotik als Erweiterung des Selbst. »Alle Energie, die wir in unserem Körper haben, ist sexuelle Energie«, sagt Abramović. Erotik erscheint hier als kreative Kraft und als mögliche Verschmelzung mit dem Universum – eine Vorstellung, die sich auch in der kabbalistischen Mystik oder bei George Bataille findet. Der Tod ist dabei stets anwesend. In »Nude with Skeleton« (2002/2026) sehen wir im Video ein menschliches Skelett auf der schwer atmenden, nackten Künstlerin liegen, im Gropius-Bau wird die Performance täglich live nachgestellt. Vorbild ist die Praxis tibetisch-buddhistischer Mönche, im Kontakt mit Toten die eigene Vergänglichkeit zu erkennen und die Angst vor dem Tod zu überwinden.
Weitere Arbeiten sind humorvoller und zugleich entlarvend-parodistisch angelegt, teils an der Grenze zum Kitsch. Wir gehen durch einen kargen »Wald« (»Magic Potions«, 2025) aus überdimensionalen Pilzen und Baumstümpfen: martialisch-grotesk erigierte Penisse – eine Fortsetzung des Penistals der Videoinstallation. Parallel erläutert eine Frau Doktor im weißen Kittel bäuerliche Rituale magischen Denkens für alle Lebenslagen: Wie steigert man die Ernte, wie sichert man sich die ewige Liebe des Ehemanns, wie heilt man einen schwachen Bullen? Abramović verarbeitet Balkanfolklore und karikiert zugleich westliche Stereotype über eine vermeintlich rückständige Region. Das Video »Slavic Soul« (2005) zeigt die jugoslawische Sängerin und Filmdiva Olivera Katarina überlebensgroß im Zentrum, sie singt ein patriotisches Lied, flankiert von zehn Männern, deren in Zeitlupe erigierende und wieder erschlaffende Penisse aus ihrer traditionellen serbischen Tracht herausragen. Patriarchale Männlichkeitsvorstellungen und nationaler Mythos werden hier miteinander verbunden und zugleich entlarvt – ähnlich im Video »Fucking the Ground« (2025).
Das Anasyrma, das »Heben der Röcke«, das rituelle, selbstbestimmte Entblößen des weiblichen Geschlechts (oder des Hinterns) zur Abwehr böser Kräfte, hat in vielen Kulturen eine lange Tradition. Heute wird es von Frauen als Geste der Revolte verwendet. In »Scaring the Gods« (2025) heben wild tanzende Frauen in serbischer Tracht ihre Röcke, um durch das Ritual eine Überschwemmung abzuwenden.
Angesichts technologischer Entfremdung versteht Marina Abramović ihre Kunst als Gegenmodell zur schwindenden Unmittelbarkeit menschlicher Erfahrung. Sie will vom Menschsein erzählen. »Technologie hat so viele Gefühle auf drastische Weise ersetzt«, sagt sie. Die Qualität menschlicher Kontakte habe abgenommen, die Menschen hätten sich voneinander entfernt – sie begreife ihre Ausstellung auch als »eine Art Unterricht«.
»Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition«, Gropius-Bau, Berlin, bis 23. August 2026 zu sehen.
→Im Oktober 2026 wird es eine mehrstündige Bühnenproduktion »Balkan Erotic Epic. The Stage Version« im Haus der Berliner Festspiele geben.
→Julia Große/Jenny Schlenzka (Hg.): Marina Abramović: Über Erotik. Bierke-Verlag, Berlin 2026, 128 Seiten, 10 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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