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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Schwarzer Afghane

Jakob Heins Roman »Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste« erzählt eine deutsch-deutsche Geschichte als Satire
Von Sabine Lueken
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Das sprichwörtliche Gras über die Sache wachsen lassen

Warum hat Franz Josef Strauß im Jahr 1983 für die ihm verhasste DDR einen Milliardenkredit eingefädelt? Oder – aus der anderen Himmelsrichtung gefragt: Wie brachten die Ostler einst den bayrischen Ministerpräsidenten dazu, mit einem Milliardenkredit ihr bankrottes Land zu retten? (Klappentext) Ausgehend von dieser Frage spinnt Jakob Hein, Kinderpsychiater und vormaliger Lesebühnenautor, ein abenteuerliches Szenario mit furiosem Showdown und überraschend versöhnlichem Schluss.

Tannberg, Vorname Grischa – nach Arnold Zweig – strebsamer Sohn »gute(r) und einflussreiche(r) Genossen« aus Gera, die Mutter Kaderleiterin, der Vater 2. Sekretär der Bezirksleitung, bekommt nach dem Studium der Ökonomie in Berlin eine Stelle in der Staatlichen Plankommission. In seinem »Arbeitsgebiet Afghanistan« – angesiedelt weit oben im Gebäude, mit den anderen »kleineren Bruderländern«, »so was wie« Angola, Mosambik, Chile, – gibt es nicht viel zu tun. Das geschundene Land hat außer Cannabis nichts zu bieten. Tannbergs Vorgesetzter Ralf Burg (»Ralfe«), macht ihn mit dem »kunstvollen Warten« vertraut. Warten und dabei in »innerer Spannung« bleiben, ohne den Kollegen zu verraten, dass man kunstvoll wartet. So erklärt Burg ihm gleich, wozu Grischa da ist: »Was macht der Burg eigentlich in der Afghanistan-Abteilung, da gibt es doch nichts zu tun?« – »Alter Trick von meinem Chef aus der LPG Tierproduktion ›Thomas Müntzer‹ damals in Ruhla. Ich habe gesagt: Ich brauche noch eine Planstelle.« Dann führt er Grischa zur Kantine, »denn die ist Weltniveau und einer der besten Orte für kunstvolles Warten«. Fehlt nur noch der Frauenruheraum.

Der bienenfleißige Jungaktivist befolgt den Rat von »Vati«: »Keine Fragen stellen. Das bringt einem schnell den Vorwurf des Sektierertums ein … lieber Erkundigungen auf die tschekistische Art einholen, durch stille Nachforschung und kluge Beobachtung.« Früher als Kollege Burg befürchtet, legt Grischa ihm zwei Schnellhefter mit seinem Plan vor: Der Demokratischen Republik Afghanistan ihr Produkt, »das, was sie seit Generationen am besten können«, abzukaufen und damit »die Zusammenarbeit zwischen den Brudervölkern stärken und uns einen neuen Absatzmarkt erschließen.«

Tannbergs Vorschlag wird angenommen, nachdem Ralfe den größten Trumpf ausspielt: »Wir kaufen den Afghanen das Zeug für unsere Lkws und Töpfe ab und verkaufen es den Westhippies für harte D-Mark«. Westgeld – der »Heilige Gral der Plankommission«. Für die in den frühen 1980er Jahren dringend benötigten Devisen war man in der DDR bereit, »fast alle Prinzipien über Bord zu werfen, mit jedem noch so schlimmen Verbrecher Geschäfte zu machen.« Zusätzlich zum Mindestumtausch, den Intershops, der Duldung von Prostitution und dem »Verkauf« von Häftlingen bot der Verkauf von Medizinalhanf ganz neue Perspektiven. Nicht nur finanziell, sondern auch politisch und ideologisch.

Für die wissenschaftliche Begleitforschung wird Tannberg die attraktive, abweisende Biologin Dr. Frühling zugesellt. Ihre fachliche Expertise ergibt, dass Cannabis nicht gefährlicher ist als Alkohol. Die Arbeitsgruppe reist in Begleitung einer Mitarbeiterin des MfS nach Kabul, um die Sache klarzumachen. Nahe der Güst (Hein hat ein Glossar beigegeben) Invalidenstraße/Sandkrugbrücke im Niemandsland der Westberliner Grenze wird alsbald mit höchstem Segen ein Verkaufskiosk eingerichtet, in dem die Besucher aus dem Westen neben Mützen, Schals und Krügen nun den begehrten Schwarzen Afghanen einkaufen können.

Die ganze Sache wird ein »Riesenerfolg«. Das war das einzige, womit Grischa nicht gerechnet hatte. »Er selbst trank gern Bier, aber niemals würde er viele Hundert Kilometer reisen, um im Grenzgebiet einen Kasten Bier zu kaufen, wie es die westdeutsche Jugend tat. Die waren wirklich so krank, wie es immer in der jungen Welt stand.«

Mehr soll nicht verraten werden – nur, dass auch der »Westen« sein Fett wegbekommt. Hier ist es eine junge Rechtsreferendarin namens Wiebke Hangelar, die an ihrem Arbeitsplatz im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, Abteilung III, Angelegenheiten der Grenzgebiete – nichts zu tun hat. Sie wird beauftragt, Lösungen zu erarbeiten, wie man dieser Angelegenheit, die in der Bundesrepublik »ein Erdbeben bis nach Bonn und München« verursacht hat, Herr werden kann.

Es kommt zu dem – historisch belegten – Treffen zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, Alexander Schalck-Golodkowski und hochrangigen Politikern auf dem Anwesen von Strauß’ Freund Josef März im Chiemgau. Real ist auch der lukrative Mastfleischhandel mit der DDR, den der Fleischbaron März betrieb und den Hein nicht unerwähnt lässt. Am Ende entfacht sich eine – sich unauffällig vorher ankündigende – Liebesgeschichte. Und auch für den Filmfan Grischa, der sich zunächst wie Fredo Corleone in »Der Pate« fühlte, wie ein Verräter an den eigenen Leuten – weil sie sich »dieses Geschäft mit einem Bruderstaat für eine unvorstellbare Summe Westgeld hatten abkaufen lassen« – gibt es ein Happy-End. Jakob Hein entwirft mit mildem Sarkasmus ein Panorama deutsch-deutscher Widersprüche – unterhaltsam, ohne Ostalgie und ohne moralischen Zeigefinger.

Jakob Hein: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste. Galiani-Verlag, Berlin 2025, 256 Seiten, 23 Euro

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  • Leserbrief von Karl Toffel aus Berlin (24. Februar 2026 um 07:57 Uhr)
    Auch wenn es im Klappentext so steht, war die DDR nicht bankrott, als der Milliardenkredit eingefädelt wurde. Er erweiterte die Spielräume in Richtung Westen spürbar, das ja. Allen späteren Sensationsmeldungen zum Trotz war die DDR bis zum Schluss immer in der Lage, Zins und Tilgung für ihre Kredite zu bezahlen. Die wirkliche Pleite der DDR-Volkswirtschaft brachte erst die Treuhand zu Stande, als das Land längst von der BRD annektiert war.

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