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Aus: Ausgabe vom 29.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

»Ein Scheißleben haben wir«

Nurkan Erpulat inszeniert Katerina Poladjans Roman »Zukunftsmusik« am Berliner Gorki-Theater
Von Sabine Lueken
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Vorsicht, Schulterpolster: Alexandrowitsch (Doğa Gürer) und Janka (Via Jekeli)

Wir schreiben das Jahr 2026. »Mehr Faust für Wedl-Wilson«, fordert ein Transparent der streikenden Bühnenarbeiter, die vor dem Maxim-Gorki-Theater für höhere Löhne und sichere Arbeitsplätze demonstrieren. Der Protest richtet sich auch gegen die Planung des Berliner Senats, die Gewerke am Gorki mit denen anderer Bühnen zusammenzulegen. Die Abendvorstellung findet dennoch statt – eine lange Schlange vor der Theaterkasse zeigt, dass an diesem Abend etwas anders ist als sonst.

Stecken wir selbst schon in einem Umbruch wie die Bewohner einer Kommunalka im fernen Sibirien, kurz vor dem Ende der Sowjetunion? »Zukunftsmusik«, nach dem gleichnamigen Roman von Katerina Poladjan in der Regie von Nurkan Erpulat, erzählt davon – mit deutlichen Reminiszenzen an Tschechows »Kirschgarten«, der um 1900 ebenfalls von einem epochalen Übergang handelt. Auch für das Gorki-Theater steht eine »Zeitenwende« unmittelbar bevor: Mit dieser Spielzeit endet die Intendanz von Shermin Langhoff. Zahlreiche Ensemblemitglieder wurden nicht weiterverpflichtet und verlassen das Haus, ebenso Hausregisseur Erpulat. Der Abend ist die letzte Premiere dieses Ensembles. Von unserer gegenwärtigen »Zeitenwende« ist ebenfalls noch unklar, wie das Neue aussehen wird. Vieles deutet darauf hin, dass es fürchterlich werden könnte. Wir haben es nur noch nicht bemerkt – so wie die Protagonisten in Poladjans Stück.

Aus dem Transistorradio, das der Vorarbeiter in der Glühlampenfabrik hochhält, erklingt Chopins Trauermarsch: Der dritte greise Generalsekretär der KPdSU, Konstantin Tschernenko, ist gestorben. Was soll’s. In dem »tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau« gelegenen Ort reißt das niemanden vom Hocker. Auch ohne den Roman zu kennen, erkennt man an den riesigen Schulterpolstern der Kostüme von Miriam Marto sofort, dass die Handlung in den 80ern spielt – genauer gesagt am 11. März 1985, dem Tag, an dem Michail Gorbatschow das Amt übernahm.

Janka (Via Jekeli), die Hauptfigur der Inszenierung, arbeitet nachts in der Fabrik und lebt mit ihrer Mutter Maria (Çiğdem Teke), der Großmutter Warwara (Ursula Werner) und ihrer Tochter Kroschka in einer Kommunalka. Maria arbeitet als Aufsicht in einem Naturkundemuseum und wird vom linientreuen Matwej Alexandrowitsch (Doğa Gürer) umschwärmt, der in einem geheimen Institut arbeitet und in seinem Notizbuch akribisch Marias Befindlichkeiten, Flecken auf der Kleidung und andere intime Details verzeichnet.

Janka will als Musikerin groß rauskommen und plant ein Küchenkonzert, einen Kwartirnik. Doch ihr Freund Pawel (Aysima Ergün) tritt auf ihre Gitarre. Er verspricht Ersatz und kündigt den Besuch eines ominösen B. G. an, offenbar ein Musikmanager. Warten auf B. G.!

Die patente Warwara hat stets einen sarkastischen Spruch parat. Ihre Tochter nennt sie zu alt für die Liebe, doch sie selbst unterhält eine Affäre mit dem verheirateten Schlafwagenschaffner Ippolit Kosolapij (Marc Benner). Überhaupt taugen die Männer wenig: Versager und Nieten. Marc Benner spielt neben Ippolit auch den Museumsdirektor Konstantin Kowaljow und Jankas Freund Andrej – von dem unklar ist, ob er oder Pawel der Vater von Jankas Kind ist.

Die Inszenierung folgt dem Roman ziemlich genau. Was nicht in den Dialogen verhandelt wird, wird als Text eingesprochen: »Sechs Mietparteien lebten unter dem bröckelnden Stuck der Gründerzeit, und man ging sich aus dem Weg – soweit es die Umstände erlaubten.« Das wäre hier gar nicht nötig, kann man doch mit Hilfe der Drehbühne (Magda Willi) nacheinander in die einzelnen Zimmer blicken. Sie rotiert hinter einem schwarz gefassten Ausschnitt des Bühnenrahmens und präsentiert die Schauplätze der Handlung als Schachtelräume – Beengtheit und mangelnde Privatheit werden nachvollziehbar: ein Büro, die Küche, Schlafzimmer mit Stockbetten oder Pop-Art-Tapete, das Bad mit bunter Wanne (sehr unrealistisch), der aus Schubladen und Karteikästen bestehende Raum des zwanghaften Matwej und das Naturkundemuseum, gekennzeichnet durch das imposante Vorderbein eines Elchs.

»Ein Scheißleben haben wir«, sagt Maria ganz am Anfang zu Matwej – und später: »Ist das Leben nicht schön? Das sage ich manchmal so vor mich hin und glaube mir das dann auch. Wirklich, Matwej, ich lebe gern auf dieser Welt.« Der Alltag der skurrilen Figuren ist von Melancholie, Zögerlichkeit und Sehnsucht geprägt, von der Wiederkehr des ewig Gleichen, von Erpulat sehr verhalten und zahm inszeniert. Am Schluss – das Küchenkonzert findet nicht statt, obwohl Pawel eine Gitarre aufgetrieben hat – sitzen alle auf einem imaginären Bahnsteig und warten. Die große Metapher: Ihr Haus wird abgerissen oder umgebaut – »so genau weiß das niemand«.

Die Wendung in die Gegenwart Russlands gehört nicht mehr zum Stück. Zum Abschluss spielten die Straßenmusiker Naoko (Diana Loginowa) und Alexander Orlow von Stoptime Songs gegen den Krieg. Im Oktober 2025 wurden sie in St. Petersburg verhaftet, saßen mehrere Arreststrafen ab und leben nun in Deutschland.

Nächste Vorstellungen: 3. und 4. ­Februar

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