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27.05.2026
- → Feuilleton
Das selbstbezogene Subjekt
Kapitalismus, Social Media, Helikopter: Den Generationen Z und Alpha wird das Erwachsenwerden nicht leichtgemacht
Niemand mag der alte Mann sein. Niemand, nicht mal Dieter Nuhr. Und dann wird man doch hin und wieder zum Zeigefinger auf Beinen. So betulich die Klage über einen Nachwuchs, dem bei Swift nicht Jonathan, sondern Taylor einfällt, der vor dem Humor in »Life of Brian« kapituliert und überhaupt nach jenem Satz des »Faust 2« lebt: »Dies ist der Jugend edelster Beruf: Die Welt, sie war nicht, eh ich sie erschuf«, so ausgesungen also das Lied von der Jüngeren Unzulänglichkeit ist, da in ihm der kaum weniger partikulare Blick der Älteren ohne Reflexion gesetzt wird und ausgeblendet bleibt, dass ein wie immer gearteter Zustand der Jüngeren nur das Setting späterer Entwicklung ausmacht und nicht bereits deren Ende, so wenig nun kann man – denn wir befinden uns immer noch im selben Satz, sagt ja keiner, das Thema sei nicht verwickelt – vom Konkreten absehen, davon nämlich, dass in den zurückliegenden 20 bis 25 Jahren in augenfälliger Kongruenz zum Erscheinen der Social-Media-Sphäre als raumgreifenden Surrogats sozialer Wirklichkeit die Art, wie Menschen Welt wahrnehmen und verarbeiten, elementar verändert wurde und sich das naturgemäß in den Altersgruppen am stärksten zeigt, die mit jener Spiegelwelt aufgewachsen sind, den Digital Natives der Generationen Z und Alpha.
Nicht bei allen von ihnen, nicht allein bei ihnen, sicher, und frei von Ignoranz ist keiner. Man blamiert sich nach Kräften vor seinem Schöpfer, wie der Schöpfer sich vor einem blamiert. Eine Freundin berichtete, ihr Vater habe eines fröhlichen Tages zu ihr gesagt, mit ihr sei ihm wenigstens eine Sache gelungen. Sie antwortete ihm, er sei zwar ein Arsch, aber man soll ja zwischen Künstler und Werk trennen. Ab da wurde es heiter. Spaß ist Dünger fürs Hirn, behauptet der Neurobiologe Hüther. Es tut not, dass wir einander über die Schluchten hinweg gelegentlich was an den Kopf werfen. Gern auch spöttisch, gern auch prononciert, Hauptsache, es kommt an.
Signifikante Änderungen zudem wollen beschrieben sein, Verständnis ohne Verstehen hat keinen Wert. In ihrem Buch »Das unersättliche Selbst« skizzieren der Philosoph Arnold und der Psychiater Fuchs den Narzissmus als dominierenden Persönlichkeitsstil der Jetztzeit. Narzisstisches Verhalten habe es immer gegeben, und es sei wohl heute nicht weiter verbreitet als je. Indessen habe sich eines grundlegend verändert: Jene Haltung, sich allein auf die Spiegelung durch Andere zu richten, dort eine auch dort nicht zu füllende Leere zu füllen, ist durch die virtuelle Welt von Social Media und eine kapitalistisch strukturierte Gesellschaft hindurch zum Rangmuster geworden. Diesen beiden Einflüssen voraus liegt zudem die Erfahrungswelt des Kindes, die sich bemerklich verändert hat. Man kann den Komplex im Schlagwort der Selbstbezogenheit zusammenbringen. Das Subjekt unserer Ära tritt auf als um sich selbst kreisendes Selbst, das auf die Spiegelung durch seine Umwelt ebenso angewiesen ist, wie es sich für diese Umwelt eigentlich kaum interessiert.
Die Social-Media-Sphäre erscheint als öffentlicher Raum wie andere – der Arbeitsplatz, das Konzert, das Kino, die S-Bahn –, doch sie lockt mit sozialem Kontakt sonder Mühe, man muss das Haus nicht verlassen und sich dem Urteil Anderer weder unmittelbar noch in Echtzeit aussetzen. Diese Öffentlichkeit ist der Öffentlichkeit entzogen, der Avatar gewährt Schutz, man ist an- und abwesend zugleich. Zudem verspricht sie Applaus oder Mitleid in hoher Frequenz und vermeintlich ohne Limit. Man steht permanent auf der Bühne, Kleinigkeiten, die man mit sich oder seinen Nächsten ausmachen müsste, sind einer gefilterten Öffentlichkeit ausgesetzt, das Subjekt lebt für Reaktion, für Spiegelung. Darüber hinaus begünstigt der digitalisierte Spätkapitalismus, indem er Kapitalismus ist, also objektiv-narzisstische Strukturen besitzt, selbstbezogenes Verhalten, und dadurch, dass er digitalisiert ist, steigert sich das Erfordernis des ihm unterworfenen und von ihm geprägten Subjekts zur Präsentation.
Was die familiäre Prägung betrifft, hängt einiges vom Milieu ab. Evident dennoch, dass sich in verständlicher Opposition gegen die autoritäre Erziehung anders blöde Tendenzen durchgesetzt haben. Muster sind längst erkennbar. Kinder werden oft als kleine Erwachsene behandelt, was Mündigkeit fördern soll, doch eine invertierte Parentifizierung kreiert. Invertiert, weil sie nicht in Pflichten besteht, sondern im Zwang zur Freiheit. Man unterstellt, dass Kinder Entscheidungen wie Erwachsene treffen können, und setzt sie damit einem deliberativen Stress aus, und paradoxerweise turnen dieselben Eltern in der Regel vor ihren Kindern her wie Staubsauger und lösen deren Probleme, ehe die eine Chance erhalten, es selbst zu lernen. Kinder werden also einerseits bereits wie Erwachsene behandelt, während man ihnen andererseits das Erwachsenwerden erschwert. Bei Konflikten mit Mitschülern oder Lehrern treten Eltern oft als Bizeps ihrer Kinder auf. Eine gemeinsame Ebene der Erwachsenen, anhand der Kinder lernen könnten, stellt sich nicht her, infantile Kollisionen werden auf der Ebene der Erwachsenen reproduziert.
Es ließe sich streiten, ob übermäßige Fürsorge als Ausdruck veritabler Liebe genommen werden kann. Gewiss sind Zuneigung und die Idee, dass das Kind es besser haben soll, als man selbst es hatte, keine Zeichen von Abneigung. Dennoch liegt darin eine narzisstische Struktur aus. Das Kind gerät zum erweiterten Ich der Eltern. Diese projektive Beziehung gibt es auch in einer harten Variante, bei der das Kind die mit dem Kinderhaben verbundenen Verzichte der Eltern ausgleichen muss und den Erfolg haben soll, den sie wegen der zeit- und kraftfressenden Erziehung nicht haben konnten. In beiden Fällen ist das Verhältnis ebenso symbiotisch wie verdinglichend, was einen Gegensatz markiert, denn man geht in dem Kind auf und verzweckt es zugleich.
Insofern Eltern die ersten Repräsentanten des Realitätsprinzips sind, kann das Erleben helikopternder Eltern zu einer Idealisierung der Welt führen. Es wird eine Erwartung gesät, die an der Wirklichkeit stets bloß enttäuscht werden kann, und das eben im Fall Heranwachsender, die nicht gelernt haben, Enttäuschungen zu verarbeiten. Vielleicht erklärt das schon zum größeren Teil den auffälligen Mangel an Resilienz in den jüngeren Generationen. Empfindung, Identifikation, Trigger wären hier Schlüsselworte.
Resilienz hat für uns Kinder der Generation X einen hässlichen Klang, wir haben sie in unangenehmer Form kennengelernt. Vom Leben abgekochte Eltern, unnachgiebig, abgegrenzt, sparsam mit Empathie: Man muss auch mal was können. Es war schon nicht mehr die Generation, die selbstverständlich ihre Kinder schlägt, doch sie war hart und verkapselt. Fehler: Habe ich schon, aber ich mache keine. Mitgefühl: Hilft dir nicht weiter. Reflexion: Gibt es nicht eine Zahnpasta, die so heißt? – Die Resilienz unserer Eltern mag ihnen geholfen haben, an ihren Beschädigungen nicht kaputtzugehen, uns hat sie beschädigt, wir wollten es besser machen als sie, was unsere Kinder auf andere Weise beschädigt hat.
Auch wenn es paradox klingt: Empfindlichkeit kann ein Panzer sein, Konflikte nicht verarbeiten, das heißt, nicht auch an sich selbst arbeiten zu müssen. Der Empfindlichkeit entspricht dann eine Welthaltung, die soziale und objektive Strukturen vollends in Empfindung auflöst. Just because you’re offended, doesn’t mean you’re right. Ricky Gervais sollte öfter mal den Mund halten, aber in diesem Punkt hat der Mann einen.
Ein anderer Mangel im Komplex der Selbstbezogenheit ist der an sozialer Verantwortung. Oder der Unfähigkeit, für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Vor ein paar Jahren haben Fraser und Honneth in ihrer Debatte um Redistribution und Recognition den ideologischen Konflikt unseres Zeitabschnitts adressiert. In der Umverteilung bleibt der soziale Bezug enthalten, es geht um Gestaltung oder Veränderung der Welt, in der Anerkennung wird dieser Bezug ausgeschlossen. So wichtig scheint, das Subjekt in seinen Empfindungen zu respektieren, das Erfordernis, sich auch zur Welt hin zu bewegen, ihre Gesetze wenigstens zu rezipieren, wird liquidiert, wo Anerkennung für das, was man ist, allein herrschen soll. Daher kreist das selbstbezogene Subjekt selbst dort noch, wo es sich sozial oder politisch betätigt, vor allem um sich, treibt Identitätspolitik anstelle von Politik.
Die politische Form der Selbstbezogenheit wird flankiert von einer kulturindustriellen Prägung. Die Theorie einer modernen Heldenreise ist bei den großen Entertainmentkonzernen handgreifliche Praxis geworden, Disney, Paramount, Amazon oder Netflix haben einen neuen Typus etabliert. Bei Campbell lag der Zweck der Reise darin, dass der Held soziale Verantwortung lernt. Die adoleszenten Helden in »She Hulk«, »The Acolyte«, »Starfleet Academy«, »Arielle« oder »Turning Red« lernen vor allem eins: dass immer die anderen Schuld sind und mit ihnen alles stimmt. Das Ringen gegen die Unterdrückung wird zum Ringen gegen die Realität.
Auch die Art, wie Wissen akkumuliert wird, hat sich elementar verändert. Aufnahme von Informationen, deren Zweck zum Zeitpunkt der Aufnahme noch gar nicht klar ist, die irgendwann einmal abgerufen und nützlich werden können (oder eben auch nicht), scheint gegenüber der Suchfunktion von Google, auch vor den KI-Tools schon, zurückgetreten. Google fungiert als modernes, stets verfügbares Orakel. Ich habe eine Frage, tippe, bekomme eine Antwort, und so praktisch diese Funktion sein kann – dort, wo man sich ganz darauf einlässt und beschränkt, schwindet die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken oder größere Zusammenhänge herzustellen. Alles bleibt ad hoc, selbst das Erlernen der Weltmuster. Wissensaufnahme über das hinaus, was ich hier und jetzt brauche, scheint antiquiert, selbst die epistemische Aneignung funktioniert impulsiv und zweckrationalistisch und damit selbstbezogen.
Über dem Orakel von Delphi standen zwei Sätze: μηδὲν ἄγαν (nichts zu sehr) und γνῶθι σεαυτόν (erkenne dich selbst). Selbsterkenntnis indessen wird durch Selbstbezogenheit nicht leichter, soziale Wesen, die wir sind, erkennen wir uns, indem wir die Welt erkennen und hernach auf uns beziehen. »Der Mensch«, notiert Goethe in seinen »Anmerkungen zum Divan«, »kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.« Der Abrüstung beim Weltzugriff dagegen entspricht eine Aufrüstung bei der Introspektion. Auch das selbstbezogene Subjekt hat den Drang, die Welt in Griff, also in den Begriff zu bekommen, doch es schlüsselt nicht die Welt auf, was es an ihr hat, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Neurodiversität, Anxiety, Quiet Quitting, Burnout, Loneliness, overwhelmed, hypersensibel, misophon, toxisch, Lovebombing, Borderline, Asperger, Dysphorie – alles muss einen Namen haben. Wenn nicht gar gleich einen ICD-Code. Man kann nicht mehr einfach sagen: Es geht mir nicht gut. Eine Weile lang hatten alle ADHS. Dann alle Autismus. Neuerdings hat man AUDHS, Autismus plus ADHS. You name it, we bake it.
Auf der anderen Seite stehen die Highperformer, die Selbstoptimierer. Es fällt nicht schwer zu sehen, dass hier ein Gegensatz vorliegt, der auf beiden Seiten einer Selbstbezogenheit entspringt. Selbstregiment gegen Work-Life-Balance. Ersteres unterwirft sich der objektiv-narzisstischen Logik des Kapitals, weil es auf Erhöhung des Ichs aus ist. Letztere setzt das Individuum rigoros, fragt nur nach Rechten, nie nach Pflichten, und entsorgt damit das Soziale in einem gefühlten Antikapitalismus, der tatsächlich wesentlich liberal modelliert ist und somit gerade der Logik folgt, gegen die er sich zu widersetzen meint.
Felix Bartels hat nie als Programmdirektor bei KIKA gearbeitet. Sehr zum Vorteil für beide Seiten.
Diese Beilage hat die Berliner Grafikerin Jördis Hirsch exklusiv für junge Welt illustriert (joerdishirsch.com).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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