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Propaganda und Realität

Längst bis an die Zähne gerüstet

Studie bestätigt Überlegenheit europäischer NATO-Staaten gegenüber russischen Streitkräften. Linke sieht Kritik an Rüstungsspirale bestätigt

Foto: IMAGO/IlluPics
Den zuletzt 7.104 Kampfpanzern von NATO-Europa und Kanada stehen gerade einmal 3.630 russische gegenüber

Das zu schwach gerüstete Europa ist, im Stich gelassen von den USA, der Bedrohung durch Russland fast hilflos ausgeliefert: So lautet der Kern der Geschichte, mit der das deutsche Aufrüstungsprogramm per Propagandakampagne als alternativlos verkauft wird. Eine am Dienstag in Berlin von Greenpeace vorgelegte Studie mit dem Titel »Europa allein zu Haus?« widerspricht dieser Erzählung. Demnach haben die europäischen NATO-Staaten zusammen mit Kanada im Jahr 2025 nicht nur dreimal soviel für Rüstung ausgegeben wie Russland – sie haben auch erheblich mehr Soldaten und Großwaffensysteme. »Europa verfügt über enorme Verteidigungsressourcen«, betonen die Autoren. Das gelte sogar »für den Fall, dass sich die USA aus der NATO zurückziehen«. Die »geradezu manisch betriebene Debatte um Aufrüstung in Europa« ergebe sich keineswegs aus dem tatsächlichen »Gesamtbild«.

Die untersuchten Staaten gaben im vergangenen Jahr zusammen rund 626 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus – Russland dagegen gerade einmal 190 Milliarden. Die militärische Überlegenheit der europäischen NATO-Staaten (plus Kanada) ist entsprechend groß. Diese hatten im vergangenen Jahr rund 1,96 Millionen Soldaten unter Waffen (ohne irgendeine Form der Mobilmachung von Reservisten). Die NATO insgesamt kommt sogar auf rund 3,3 Millionen Soldaten. Russlands Armee, von der ein erheblicher Teil in der Ukraine gebunden ist, hat dagegen eine Personalstärke von rund 1,26 Millionen Soldaten.

Noch gravierender ist die Überlegenheit bei den einsatzbereiten Großwaffensystemen. So werden für NATO-Europa und Kanada 7.104 Kampfpanzer und 30.030 gepanzerte Fahrzeuge aufgelistet, für Russland 3.630 Kampfpanzer und 9.910 gepanzerte Fahrzeuge. Bei den Artilleriesystemen ist das Verhältnis 15.896 zu 5.976. Deutlich ist die europäische Überlegenheit auch bei Kampfflugzeugen. Für NATO-Europa und Kanada werden 2.215 genannt, für Russland 1.064. Die Seestreitkräfte der europäischen NATO-Staaten und Kanadas verfügen über 143 größere Kriegsschiffe, die russische Marine gerade einmal über 34.

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Das Hauptziel der Studie, die der Friedens- und Konfliktforscher Herbert Wulf gemeinsam mit zwei Greenpeace-Experten erstellt hat, ist es offenbar gar nicht, die Aufrüstung generell in Frage zu stellen. Den Autoren geht es eher darum, dass diese »effizienter« wird. Im vergangenen Jahrzehnt hätten die europäischen Staaten (plus Kanada) rund 3.785 Milliarden US-Dollar für ihre Streitkräfte ausgegeben. Die Autoren beklagen, dass angesichts dieser gewaltigen Summe »keine diesen Aufwendungen adäquaten militärischen Fähigkeiten« existierten. Das liege in »nationalen Egoismen und rüstungspolitischer Kleinstaaterei« begründet. Nationale Alleingänge führten »nach wie vor zur Verschwendung von Ressourcen«, heißt es weiter. Und die neue Militärstrategie der Bundeswehr spare die Zusammenarbeit in Europa völlig aus. Trotz des ständig wiederholten Mantras, europäisch zu handeln, verfolgten die Mitgliedsländer ihre eigenen Interessen.

Immerhin kritisieren die Studienautoren, dass die neue Militärstrategie der Bundeswehr »viel zu allgemein« ausfalle, »um daraus den enorm hohen und ständig steigenden Verteidigungsetat abzuleiten«. Sie empfehlen Maßnahmen, um nicht »für Rüstung die Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben und knappe Finanzmittel zu verschwenden«, etwa eine Bündelung europäischer Rüstungsanstrengungen. Das Ziel müsse »eine sichere und glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit« sein, »die der Bedrohung durch Russland am besten gerecht« werde. Der EU wird außerdem empfohlen, »besonderen Wert auf Diplomatie, nicht-militärische Lösungen und die Einhaltung des Völkerrechts« zu legen.

Russland werde »so einfach auf dem Schlachtfeld nicht besiegt werden«, betonte auch der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich (SPD) am Dienstag im Deutschlandfunk. Er beklagte mit Blick auf die Ermöglichung einer diplomatischen Lösung »die Versäumnisse, die in den letzten Jahren eben auch in Europa zu verantworten sind«.

Aus Sicht der Linke-Politikerin Özlem Demirel macht die Greenpeace-Studie deutlich, dass das Ziel der NATO, fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Rüstung auszugeben, »weder finanzpolitisch noch militärisch irgendeinen Sinn ergibt«, wie die außen- und friedenspolitische Sprecherin von Die Linke im EU-Parlament erklärte. All das habe »rein gar nichts mit einer wie auch immer gearteten Analyse der Bedrohung durch Russland zu tun«. Das Prozentziel sei »ein reines Propagandainstrument«, mit dem Druck auf die Staatshaushalte »und vor allem auf die Sozialausgaben erzeugt werden soll«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.05.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Marc Pilz aus Cottbus 27. Mai 2026 um 10:40 Uhr
    Die Frage, die sich daraus (wieder einmal) ergibt, aber, m. E., unterbelichtet bleibt, ist, welches strategische Ziel – falls es eins gibt – diese NATO-Staaten mit ihrer selbstzerstörerischen und gefährlichen Außen- und Rüstungspolitik tatsächlich verfolgen. Wenn es nicht die vielbeschworene Bedrohung eines offensichtlich dafür militärisch viel zu schwachen Russlands ist, welche Motivationen in der EU, v. a., sind es dann? Die Umlenkung öffentlicher Gelder in die (Rüstungs-)Industrie, wie sie die Linke-Politikerin beobachtet, kann ein solches Motiv sein, aber sicher nicht das einzige. Auch dass man auf diese Weise versucht, die gravierenden negativen Folgen der eigenen misslungenen Außen-, Wirtschafts- und Energiepolitik zu kompensieren, indem man der schwächelnden Industrie nun Staatsaufträge zur Aufrüstung zuschanzt, erscheint mir ein plausibler Grund zu sein. Aber vielleicht greift man, im Angesicht des fortschreitenden Verlusts an eigener wirtschaftlicher und außenpolitischer Stärke, in westlichen politischen Führungen und unter den sie beratenden Experten inzwischen auch auf ein genauso unrealistisches wie gefährliches altes Konzept zurück, das bereits seit den Zeiten des Imperialismus des 19. Jahrhunderts in den Köpfen westlicher Strategen herumgeistert, nämlich das Ziel der strategischen Schach-Matt-Setzung Russlands und seiner Zerschlagung. Ausgerechnet die Außenbeauftragte der EU, Kaja Kallas, formulierte eben dieses bereits mehrfach in öffentlichen Reden als ihren persönlichen Wunsch, so in einer Rede vor dem estnischen Parlament und bei Auftritten auf der Lennart-Meri-Konferenz in Tallinn. Putin hat seinerseits wiederholt darauf hingewiesen, dass er alle Maßnahmen des Westens, die auf eine solche strategische Eindämmung Russlands abzielen, als eine genauso große Gefahr für Russland betrachtet wie einen direkten militärischen Angriff auf sein Land und er in derselben Weise darauf reagieren würde, mit allen dafür notwendigen Mitteln.
  • AG 27. Mai 2026 um 01:45 Uhr
    Diese Studie ist nicht seriös. Fast alle zitierten Quellen gehen auf NATO-nahe Thinktanks und russophobe Forschungseinrichtungen zurück. Es gibt dort keine einzige russische Quelle (wer neugierig wäre, würde in russischen Fachpublikationen fündig werden) oder indische, brasilianische, chinesische. Die Studie reproduziert NATO-Ideologie und beschwört deren alte Überlegenheitsphantasie: »Russland kann uns das Wasser nicht reichen.« Das ist reinstes Wunschdenken. Die zahllosen Fußnoten zum Kriegsgeschehen in der Ukraine sind v.a. ukrainischer Provenienz. Wer glaubt, dass diese Quellen seriöse Informationen bieten, sollte sich wirklich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Das allerschlimmste jedoch: Ausgerechnet die Friedensbewegung bedient sich dieser Studie, um die NATO zu kritisieren, und greift zurück auf Expertise, die aus NATO-Strukturen hervorgegangen ist. Steve Jermy, Ex-Admiral der Royal Navy, hat betont, dass die engl. Armee 10.000 Soldaten zuammenbrächte, die was taugen. In anderen Ländern ist es nicht viel besser. Die Royal Navy ist ein Scherbenhaufen. Die US Air Force hat zahllose Flugzeugtypen, die zu über 50% nicht einsatzfähig sind (siehe Milliardengrab F-35.) Ähnliches bei Fahrzeugen. Die Zahlen in dieser Studie sind Phantome. Ausbilder der US-Army kritisieren, dass ihre Konzepte und Doktrin hoffnungslos veraltet sind. Ein Zahlenbeispiel: In 2 Wochen Krieg gegen Russland würden die USA 50.000 Leute verlieren. (»A Call to Action: Lessons from Ukraine for the Future Force«, S. 25, in ´The US Army War College Quarterly: Parameters`, Herbst 2023 , Katie Crombe, John A. Nagl) Die ukr. Armee war die stärkste, die die NATO in Europa zur Verfügung hatte. Sie ist untergegangen. Und nun sollen Bundeswehrsoldaten besser sein als ukr. Veteranen mit Erfahrung seit 2014? Jacques Baud sagte es mal so: »Die NATO verlor den Ukr.-Krieg in dem Moment in dem sie ihn begann.« Die einzige Schlussfolgerung ist das Ende der Militarisierung und Kooperation mit RU.
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