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Ukraine-Krieg

Großangriff auf Kiew

Russland greift ukrainische Hauptstadt mit allem an, was fliegt. Signal an den Westen und Vergeltung für ukrainischen Angriff auf Schulwohnheim mit 21 Toten

Foto: Middle East Images/IMAGO
Zerstörtes Einkaufszentrum in Kiew nach einem Wochenende heftiger russischer Luftangriffe (24.5.2026)

Russland hat in der Nacht zum Sonntag einen heftigen Raketenangriff auf Ziele in der Ukraine ausgeführt. Neben etwa 700 Drohnen kamen auch Hyperschallwaffen wie die »Oreschnik«-Rakete und der ebenfalls hyperschallschnelle Marschflugkörper »Zirkon« zum Einsatz, außerdem mehrere Dutzend ballistische Raketen vom Typ »Iskander«. Bei dem Angriff auf Kiew kamen nach ukrainischen Angaben zwei Menschen ums Leben, 88 seien verletzt worden. An der Effizienz der Luftabwehr lag diese relativ geringe Opferzahl nach Angaben ukrainischer Medien nicht: Alle »Oreschnik«- und »Zirkon«-Raketen hätten ihre Ziele getroffen, von den »Iskanders« seien zwei Drittel nicht abgefangen worden.

Getroffen wurden nach russischen Angaben, die teilweise indirekt auch von ukrainischer Seite bestätigt wurden, militärische und industrielle Ziele: drei große Rüstungsbetriebe für Militärelektronik in Kiew, ein Flugplatz und Montagewerkstätten für die besonders effizienten ukrainischen »Flamingo«-Drohnen sowie die auf russischer Seite gefürchteten unbemannten Seedrohnen in der 90 Kilometer südlich von Kiew gelegenen Stadt Belaja Zerkow. Mit den Seedrohnen wurde erst vor wenigen Tagen ein neuerlicher Angriff auf die Krimbrücke versucht. Den Angriff hatte die Bootsbesatzung eines Boots des russischen Grenzschutzes nur durch ein direktes Kollisionsmanöver abwenden können, in dessen Folge die gesamte Besatzung des Schiffs starb.

Offizieller Anlass für den russischen Großangriff war der Einschlag von insgesamt vier ukrainischen Drohnen im Wohnheim einer Berufsschule in Starobelsk im Bezirk Lugansk am Freitag. Bei dem Angriff wurden den veröffentlichten Todesanzeigen zufolge 21 Schülerinnen und Schüler getötet, alle im Alter von 19 bis 20 Jahren. Russland stufte die Attacke als »Terroranschlag« ein und wies die Kiewer Darstellung zurück, dass eine Ausbildungsstätte für russische Drohnenpiloten getroffen worden sei. Später ruderte die Ukraine in ihrer Version zurück und sprach von einem »Zwischenfall«; dass die Treffer zufällig gewesen seien, bestritt Russland unter Verweis darauf, dass insgesamt vier ukrainische Drohnen dasselbe Gebäude getroffen und zerstört hätten.

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Schon der frühere ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte in der Frühphase des Konflikts um den Donbass gedroht, dass »ukrainische Kinder lernen und russische im Keller sitzen werden«. Wenn russische Raketen Ausbildungseinrichtungen in der Ukrai­ne treffen und zerstören – was auch nicht selten geschieht –, kommentiert die russische Seite dies entweder gar nicht oder erklärt, dort seien keine Schüler, sondern ukrainische Truppen einquartiert gewesen. Nachzuprüfen ist das kaum. Westliche Leitmedien hatten nach dem Angriff auf das Wohnheim Reportagen von dort vermieden.

Unterdessen heizt der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij die Stimmung durch Warnungen vor einem angeblich aus Belarus drohenden neuen russischen Angriff auf Kiew an. Selenskij gab keine Belege für seine Erkenntnisse an, und auch ukrainische Militärs und der Grenzschutz teilten mit, dass aktuell keine Truppenbewegungen oder sonstige Angriffsvorbereitungen im belarussisch-ukrainischen Grenzgebiet festzustellen seien.

Was allerdings derzeit in Belarus stattfindet, sind großangelegte russisch-belarussische Militärübungen auch für die Raketentruppen. Dabei wurden nach Angaben Moskaus auch tatsächliche Atomsprengköpfe nach Belarus transportiert und dort auf die bereits im Lande stationierten Trägerraketen des Typs »Iskander« aufmontiert. Das ist insofern ungewöhnlich, als für Manöverzwecke üblicherweise Attrappen benutzt werden.

Eine derartige Eskalation des Manöverszenarios ist – ebenso wie der heftige Raketenschlag auf Kiew – auch ein politisches Signal Russlands an den kollektiven Westen. Russische Politiker und Politikberater drohten in den vergangenen Wochen und Monaten immer öfter, dass Moskau taktische Atomwaffen auch präventiv gegen Ziele im NATO-Gebiet einsetzen könnte, wenn dem Land von dort »existenzielle Bedrohungen« entstünden. Russland sieht sich sowohl in der Ostsee als auch im Nordmeer westlichen Einkreisungsmanövern ausgesetzt. Parallel zu dem Atommanöver in Belarus waren deshalb auch große Teile der russischen Nordmeerflotte bei den Manövern der vergangenen Woche mobilisiert. Der Zweck war ausdrücklich der Abschuss strategischer Atomwaffen. Beteiligt waren allein im Norden 64.000 Soldaten aller Waffengattungen und 73 Schiffe, darunter mindestens acht strategische U-Boote, die Atomraketen verschießen können.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.05.2026, Seite 7, Ausland

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