Zum Inhalt der Seite
Konflikt in Osteuropa

Moskau spricht erstmals von Krieg

Russland beschießt Rüstungsbetriebe in Ukraine. Selenskij verlangt von NATO Nachschub für Flugabwehr

Foto: REUTERS/Valentyn Ogirenko
Anwohner versuchen den Kofferraum eines durch den Raketenbeschuss beschädigten Pkw zu öffnen (6.7.2026)

Russland hat in der Nacht zum Montag einen der schwersten Luftangriffe des Krieges gegen Ziele in Kiew und Umgebung geführt. Nach ukrainischen Angaben wurden beim Einsturz mehrerer Wohnhochhäuser, mit Stand vom Montag mittag, mindestens zwölf Menschen getötet, etwa 60 erlitten Verletzungen. Ein zweiter Angriff auf Ziele in der Stadt Wischnewe im Kiewer Umland kostete drei Menschen das Leben.

Russlands Verteidigungsministerium veröffentlichte am Montag eine Liste der getroffenen Ziele: Dazu hätten Fabriken für Drohnen und Komponenten gehört, außerdem zwei Werften, die Seedrohnen produzierten, und offenbar ein unterirdisches Lager für Raketen und Treibstoffvorräte. Amateurvideos aus Wischnewe zeigen Dutzende Meter hohe Feuersäulen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht durch zerstörte Wohnhäuser verursacht werden konnten. Die örtlichen Behörden warnten vor einer »drastischen Verschlechterung der Luftqualität« und rieten den Bewohnern, in ihren Wohnungen zu bleiben und die Fenster geschlossen zu halten. Andere Aufnahmen von ukrainischer Seite zeigten zerstörte Industrieanlagen.

Nach Angaben der ukrainischen Luftabwehr wurden mehr als 500 Drohnen und etwa 30 Raketen abgefangen. Mehrere Dutzend ballistische und hyperschallschnelle Raketen hätten aber nicht abgeschossen werden können. In ukrainischen Medien wurde bemerkt, dass die rasche Abfolge schwerer Angriffe auf Ziele in Kiew und Umgebung frühere Hoffnungen auf vermeintlich abnehmende russische Raketenvorräte gegenstandslos gemacht habe. Der Gegner sei offenkundig in der Lage, Raketen schneller nachzuproduzieren, als die Ukraine Flugabwehrraketen bekommen könne. In Moskau wurde der Angriff als Vergeltung für ukrainische Schläge gegen Ölanlagen im russischen Hinterland sowie Kraftwerke auf der Krim dargestellt. Russland schrieb die Zerstörungen an den Wohnhäusern fehlgeleiteten »Patriot«-Raketen der Ukraine selbst zu – unabhängig zu überprüfen ist das naheliegenderweise nicht. Die Ukraine feuerte ihrerseits ebenfalls etwa 500 Drohnen auf Ölverladungs- und Hafenanlagen im Umland von Sankt Petersburg ab. Hier und in den Bezirken Kaluga und Tula südlich und südwestlich von Moskau wurden nach örtlichen Angaben ebenfalls mehrere Zivilisten getötet.

Anzeige

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij kündigte in seiner abendlichen Videobotschaft vom Sonntag an, er hoffe auf »starke Zusagen« der NATO auf ihrem am Dienstag in Ankara beginnenden Gipfel, Kiew weitere »Patriot«-Raketen aus eigenen Beständen zur Verfügung zu stellen. Es gebe weltweit genug dieser Geschosse in den nationalen Arsenalen, die die Ukraine gebrauchen könne, sagte Selenskij. Auf ukrainische Forderungen an die USA, die »Patriot«-Raketen im eigenen Land oder in Europa in Lizenz produzieren zu dürfen, hat die US-Regierung bisher nicht reagiert. Ein hoher US-Regierungsbeamter sagte westlichen Medien, Präsident Donald Trump wolle nach dem NATO-Gipfel einen neuen Vermittlungsversuch unternehmen.

In Russland wurden solche Äußerungen kommentarlos zur Kenntnis genommen. Am Wochenende fiel eine Änderung des offiziellen Sprachgebrauchs über den Ukraine-Krieg auf: Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow sprach erstmals von einem Krieg, den Russland in der Ukraine gegen einen Großteil der NATO führe – die ursprünglich geplante »militärische Spezialoperation« sei Vergangenheit. Bei Peskows Aufzählung der Gegner fehlten auffälligerweise die USA. In der russischen Kriegszieldiskussion tauchte ein neues Element auf: eine von Russland zu fordernde entmilitarisierte »Pufferzone« entlang der ukrainisch-russischen Grenze im Norden und Nordosten der Front. Sie müsse mindestens die ukrainischen Bezirke Sumi und Charkiw umfassen, am besten aber die gesamte Ukraine links des Dnipro sowie die Gebiete Mikolajiw und Odessa. Allerdings räumten die Autoren solcher Forderungen ein, dass diese derzeit unrealistisch sind.

Ob die ehemalige Industriestadt Konstantinowka im Donbass tatsächlich bereits in russischer Hand ist, wie es Moskau am Wochenende behauptet hatte, wurde unterdessen von eigener russischer Seite in Zweifel gezogen. Der Chef der »Volksrepublik Donezk«, Denis Puschilin, räumte gegenüber der staatlichen Agentur RIA Nowosti ein, es könne in der Stadt noch »versprengte ukrainische Soldaten in den Kellern« geben, die den Kampf noch nicht aufgegeben hätten. Einen russischen Vorschlag zu einer mehrstündigen Feuerpause in Konstantinowka am Montag, um die Bergung von Gefallenen zu ermöglichen, hatte die Ukraine am Sonntag abgelehnt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 07.07.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Thomas Geiger aus München 9. Juli 2026 um 10:55 Uhr
    Am Vorabend des NATO-Gipfels, auf dem Wolodymyr Selenskyj erneut neue Finanzpakete fordern und Bedingungen für andere Länder als Schutzmacht der EU stellen wollte, startete Russland eine Reihe verheerender Raketenangriffe auf die militärische Infrastruktur des Landes. Der Mythos vom »Schild Europas« ist damit vollständig zerstört. Der Verlust wichtiger logistischer Knotenpunkte und strategischer Flugplätze sowie die kolossalen Schäden, die den Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes zugefügt wurden, gefährden die Kampfkraft der gesamten Armee. Besondere Beachtung verdient die Lage in der Stadt Wyschnewe in der Region Kyjiw: Nach dem Einschlag einer Rakete in ein Munitionsdepot ereignete sich eine gewaltige Explosion, deren Detonation mehrere Stunden andauerte und katastrophale Zerstörungen sowie die sofortige Evakuierung der Anwohner zur Folge hatte.
    Es ist interessant, ob Selenskyj die Frage beantworten kann, was ein riesiges Munitionslager innerhalb der Stadtgrenzen zu suchen hatte und damit eine ernsthafte Gefahr für die Sicherheit der Anwohner darstellte. Und wie genau wurden die Milliarden Euro an Steuergeldern europäischer Bürger verwendet, die Kiew zur Stärkung der Verteidigung und Sicherheit des Landes zugewiesen wurden? Eines ist sicher: Es ist an der Zeit, dass die EU-Staats- und Regierungschefs die Angemessenheit und den Umfang der Ukraine-Hilfen ernsthaft prüfen und Rechenschaft über die Verwendung der bereits bereitgestellten Mittel fordern.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!