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Aus: Ausgabe vom 13.04.2026, Seite 6 / Ausland
Konflikt in Osteuropa

Brüchige Waffenruhe

Ukraine-Krieg: Feuerpause und Gefangenenaustausch zum orthodoxen Osterfest. Kiew bestätigt russischen Verzicht auf schwere Waffen
Von Reinhard Lauterbach
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Kirchgänger tragen am Sonnabend Osterkörbe an zerstörten russischen Militärfahrzeugen auf dem Michailiwska-Platz in Kiew vorbei

Die von Russland ausgerufene Feuerpause aus Anlass des orthodoxen Osterfests am Sonntag ist zur Halbzeit offenbar vielfach gebrochen worden. Zuvor hatten Russland und die Ukraine am Freitag noch jeweils 175 Kriegsgefangene ausgetauscht. Beide Seiten warfen einander am Sonntag jeweils etwa 2.000 Verstöße bis zu diesem Zeitpunkt vor, vor allem Drohnenangriffe auf zivile Ziele im jeweiligen Hinterland. So sprach der Gouverneur des russischen Gebiets Belgorod von einem ukrainischen Drohnenschlag gegen ein ziviles Auto, bei dem die drei Passagiere – darunter ein einjähriges Kind – verletzt worden seien. Die ukrainische Luftwaffe meldete, dass seit dem Inkrafttreten der Waffenruhe am Sonnabend um 14 Uhr europäischer Zeit die Angriffe mit schweren und weitreichenden Waffen auf Kiew aufgehört hätten. Gleichwohl rechnete der Chef der ukrainischen Präsidialverwaltung, Kirill Budanow, nicht damit, dass die Osterwaffenruhe in Richtung eines längerfristigen Waffenstillstands fortentwickelt werden könnte. Auch russische Medien berichteten über zahlreiche »unverzügliche Vergeltungsschläge« gegen ukrainische Angriffe. Unabhängig zu überprüfen sind alle diese Meldungen aus der Ferne nicht.

Das Kampfgeschehen selbst hat sich in den letzten Wochen auf die Bekämpfung von Drohnenpiloten und ihren Stellungen verlagert. Dies gilt offenbar für beide Seiten. Vorstöße am Boden sind wegen der Gefahr, in der »Todeszone« von zehn bis 15 Kilometern beiderseits der Frontlinie unter Drohnenbeschuss zu geraten, deutlich zurückgegangen. Eine Ausnahme ist, wie es scheint, ein ukrainischer Angriff nördlich von Guljajpole im Bezirk Saporischschja. Dort sollen ukrainische Truppen bis zu zehn Kilometer »in die russischen Verteidigungsstellungen« eingedrungen sein.

Diese Auskunft von seiten ukrainischer Militärblogger gibt einen indirekten Einblick in die Struktur der Front. Sie besteht offenbar nicht aus einer geschlossenen Linie von Stellungen oder Gräben, sondern aus einzelnen, gegen Drohneneinsicht gedeckten Gefechtsständen, zwischen denen es größere freie Räume gibt, durch die solche Vorstöße möglich sind. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass sich die operative Bedeutung solcher Vorstöße relativiert. Vor allem fällt auf, dass die russische Seite – wieder nach ukrainischen Berichten – eine größere Zahl an schweren Waffen und frischen Truppen in den Westteil des Bezirks Saporischschja verlegt haben soll, um dort eine erwartete größere Offensive zu starten: kurzfristig wohl mit dem Ziel, die Verbindungsstraße von Saporischschja in den Ort Orechow und damit die Versorgung der in unmittelbarer Frontnähe stehenden ukrainischen Truppen zu unterbrechen. Ein direkter Angriff auf die Bezirkshauptstadt mit circa 800.000 Einwohnern gilt unter Militärbeobachtern als unwahrscheinlich, obwohl die vordersten russischen Stellungen nur noch etwa 15 Kilometer südlich der Stadtgrenze liegen. Dort – um Ortschaften wie Stepnogorsk – haben sie sich allerdings in den letzten Wochen kaum bewegt.

Russische Angriffe meldet die ukrai­nische Seite auch östlich des Ballungsraums Slowjansk/Kramatorsk im Westen des Bezirks Donezk. Dort sind ukrainische Bautrupps offenbar unter ständiger Bedrohung durch russische Drohnen dabei, über den wichtigsten Straßen Drohnenschutznetze anzubringen – die allerdings mit jeder Drohne, die mit ihrer Hilfe abgefangen wird, auch wieder beschädigt werden und deshalb unter ähnlichen Gefahren für Leib und Leben erneuert werden müssen. Die Versorgung der ukrainischen Truppen um die südöstlich des Ballungsraums liegenden Städte Druschkiwka und Kostantinowka ist offenbar über asphaltierte Straßen nicht mehr möglich und stößt über die verbliebenen Feldwege auf entsprechende technische Schwierigkeiten. Dies gilt insbesondere auch für die Bergung von Verwundeten.

Im ukrainischen Hinterland scheint die politische Führung den Versuch zumindest vorerst aufgegeben zu haben, auch Frauen in die Wehrerfassung einzubeziehen. Ein Sprecher der Militärverwaltung sagte, entsprechende Vorfälle seien die Folge von Softwarefehlern gewesen und würden behoben. Die erhobenen Daten über die betroffenen Frauen würden bis Ende April gelöscht, kündigte ein Sprecher in Kiew an.

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