Zum Inhalt der Seite
Marokko

Blutige Unterwerfung

Vor 100 Jahren endete der Rif-Krieg in Marokko. Die Kolonialmächte nutzten erstmals chemische Waffen

Foto: AFP Files
Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung befand sich der Emir Abdelkrim erneut im Zentrum des antikolonialen Widerstands (Kairo 1947)

Es war in der Morgendämmerung des 27. Mai 1926, als Mohammed ben Abdelkrim Al-Khattabi sich den französischen Truppen ergab. Begleitet von drei Offizieren der Kolonialarmee erreichte der Emir den Militärposten der Ortschaft Targuist. Dort wurde er von General Pierre Ibos und Oberst André Georges Corap empfangen. Letzterer hatte ihm in einem Brief in Aussicht gestellt, Frankreich werde »großzügig« sein, wenn man an seine »Mildtätigkeit« appelliere. »Entlang der unbefestigten Straße aufgereiht, regungslos, blicken die Schützen der Kolonialarmee auf den Rebellenführer. Von kleiner Statur, das Gesicht von einem schwarzen Bart eingerahmt, mit klugen, lebhaften Augen und in eine graue Djellaba gekleidet, unterhält sich der Chef des Rifs mit Oberst Corap, ohne dass sein Auftreten auch nur einen Hauch von Bitterkeit oder Bedauern erkennen ließe«, berichtete ein Zeitzeuge. Für Abdelkrim und seine Angehörigen begann ein langes Exil. Sie wurden von Frankreich auf die Insel Réunion im Indischen Ozean verbannt. Der Emir sollte seine Heimat nie wiedersehen. Nicht alle Stämme des Rif allerdings, die unter seiner Führung die Rif-Republik ausgerufen hatten, wollten die Waffen niederlegen. Erst im kommenden Jahr endeten die letzten Kämpfe.

Zurück blieb ein Land, das in einem Krieg zerstört worden war, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Die spanischen und französischen Truppen waren technisch weit überlegen und verfügten über Hunderte von Kampfflugzeugen und Panzern. Die Tötungsmaschinerie des Ersten Weltkriegs traf ein traditionell autonomes marokkanisches Gebiet von geschätzt 550.000 Einwohnern. Auf dem Höhepunkt des Krieges befanden sich fast ebenso viele Kolonialsoldaten im Einsatz, darunter zahlreiche marokkanische Söldner. Doch das war nur die eine Seite dieses Krieges. Was nämlich insbesondere westliche Beobachter kaum für möglich gehalten hatten: Die »Eingeborenen« widerstanden nicht nur jahrelang den Angriffen, sondern behielten sogar die Oberhand. Dabei wurde ihre Stärke auf lediglich 15.000 bis maximal 60.000 Kämpfer geschätzt, und ihre Waffen waren überwiegend vom Feind erbeutet.

Verbrechen auf Postkarten

Der Rif-Krieg, der mit dem Untergang einer gesamten spanischen Armee in der Schlacht von Annual im Sommer 1921 begonnen hatte, führte zum Sturz von vier Madrider Regierungen, dem Ende von Königreich und formaler Demokratie und zur Diktatur Primo de Riveras. Francisco Franco wurde als Kommandeur der spanischen Fremdenlegion durch den Rif-Krieg groß. Die Historikerin Maria Rosa de Madariaga meinte einmal: »Wenn Abdelkrim gewonnen hätte, wäre Spanien die Franco-Herrschaft erspart geblieben.« Dort stellten sich Gewerkschaften dem Rif-Krieg mit Streiks entgegen. In Frankreich war er eine Bewährungsprobe für die 1920 gegründete Kommunistische Partei, die Ho Chi Minh in ihren Reihen zählte, der ein Bewunderer Abdelkrims war. Hinzu kam die Revolte der Surrealisten, die den Krieg in Marokko immer wieder anprangerten. In Deutschland sammelte die KPD Spenden für die »marokkanischen Revolutionäre«.

Eine der dunkelsten Seiten des Krieges war der Einsatz von chemischen Waffen wie Phosgen und Senfgas durch die spanischen, dann auch die französischen Truppen. Hergestellt worden waren sie unter anderem mit Hilfe Deutschlands. Systematisch wurden Dörfer und landwirtschaftliches Gebiet im Rif aus der Luft bombardiert und vergiftet, um die Bevölkerung zu schädigen und ihre Moral zu brechen. Es handelte sich um den ersten aerochemischen Krieg der Geschichte. Die Spuren sollen bis heute nachweisbar sein, wofür Marokko regelmäßig, aber erfolglos Reparationen verlangt. Hinzu kommen weitere Verbrechen insbesondere des spanischen Militärs, dessen grausame Menschenverachtung damals gedruckte Postkarten mit Fotos geschändeter Leichname von Rif-Kämpfern dokumentieren. Auf seiten des Rifs sollen 40.000 bis 80.000 Menschen getötet worden sein. Spanien hatte geschätzte 50.000 und Frankreich 10.000 bis 15.000 Tote zu beklagen.

Das Rif hat sich bis heute nicht von den Folgen des Krieges erholt, zumal es nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 erneut Schauplatz von Massakern wurde: als die Truppen der Zentralmacht unter dem Kommando des späteren Königs Hassan II. dort die Reste der marokkanischen »Befreiungsarmee« liquidierten. Bis heute ist das Rif eine der ärmsten und am meisten vernachlässigten Regionen des Königreichs, die weitgehend von der Arbeitsmigration und dem Hanfabbau lebt. Vor zehn Jahren erlebte sie soziale Proteste, die brutal niedergeschlagen wurden. Der Wortführer des damaligen »Hirak« (Bewegung), Nasser Zefzafi, wurde gefoltert und befindet sich bis heute in Haft. Seine Vorfahren waren Politiker der Rif-Republik.

Anzeige

Es liegt eine bittere Ironie darin, dass Abdelkrim sich ausgerechnet in französische Gefangenschaft begeben musste. Begonnen hatte er als erklärter Gegner Frankreichs. Sein Vater, ein Richter des Stammes der Beni Wariaghel, soll in der Zeit des Ersten Weltkriegs mit Hilfe Deutschlands den Widerstand gegen die französische Besetzung Marokkos unterstützt haben. Auch der 1882 geborene Abdelkrim, damals Journalist der Zeitung Telegrama de Rif in der spanischen Exklave Melilla, ergriff Partei für die Deutschen und die Türkei und geißelte die Kolonialherrschaft Frankreichs im Maghreb.

Spanien geschlagen

Marokko war 1912 in mehrere Protektoratszonen zerstückelt worden: Das größte Gebiet beanspruchte Frankreich, Spanien wurden der Norden mit dem Rif-Gebirge und der Süden zugesprochen, die Hafenstadt Tanger wiederum wurde unter internationale Kontrolle gestellt. Allerdings war es Madrid bisher nicht gelungen, das Rif auch nur annähernd unter seine Kontrolle zu bringen. Abdelkrim verfolgte ursprünglich den Plan, es gemeinsam mit Spanien wirtschaftlich zu erschließen. Doch Madrid setzte auf Eroberung. 1921 drangen die Spanier unter General Manuel Fernández Silvestre auf dem Landweg in Richtung der Bucht von Al Hoceima vor. Abdelkrim gelang es, die Stämme zum Abwehrkampf zu vereinen. Die Spanier glaubten sich sicher, hatten aber ihre Linien weit überdehnt. Am 22. Juli 1921 kam es bei der Ortschaft Annual zur entscheidenden Schlacht. Genauer: Es begann ein gnadenloses Gemetzel. Nach dem Verlust mehrerer Vorposten gerieten die Spanier in Panik, bliesen zum Rückzug – und wurden in großer Zahl auf ihrer unkoordinierten Flucht getötet oder gefangengenommen. Abdelkrim bereute die Toten – und beging einen Fehler: Er zögerte, auch Melilla einzunehmen.

Das »Selbstbestimmungsrecht der Völker«, auf das sich die 1923 gegründete Rif-Republik berief, wurde in den Hauptstädten Europas als kommunistische Provokation wahrgenommen. Am Ende hielten alle gegen das Rif zusammen. Frankreich trat 1924 in den Krieg ein. Als die Rif-Armee mit einer breitangelegten Offensive antwortete und kurz davor stand, die Metropole Fès einzunehmen, wankte zwar für einen Moment die Kolonialherrschaft der Franzosen im Norden Afrikas. Doch das konnte Paris nicht auf sich sitzen lassen. Marschall Hubert Lyautey, Architekt der französischen Kolonialherrschaft in Marokko, wurde von General Philippe Pétain abgelöst, dem »Sieger von Verdun« und späteren Kollaborateur von Vichy, der sich mit dem spanischen Diktator Primo de Rivera verbündete.

Spanien mobilisierte eine Armada aus mehr als 100 Schiffen. Im September 1925 drangen die Spanier nach ihrer Landung unweit der Bucht von Al Hoceima nach Süden vor und nahmen Abdelkrims Kommandozentrale in Ajdir ein. Die Franzosen kamen ihnen von Süden entgegen, um das Gebiet der Rif-Republik zu zerschneiden. Damit war der Krieg verloren. Dem Emir blieb nichts als aufzugeben.

Befreiung Nordafrikas

Abdelkrims Exil dauerte 21 Jahre. 1947 gewährte ihm Frankreich die Rückkehr aus der Verbannung. Doch, im Suezkanal angekommen, erwartete ihn eine Delegation von Vertretern arabischer Unabhängigkeitsbewegungen um den späteren tunesischen Präsidenten Habib Bourguiba und überredete ihn, nach Kairo zu kommen. Dort wurde Abdelkrim Leiter des Maghreb-Büros der Arabischen Liga. Im Rif-Krieg hatte er Emissäre in alle Regionen Marokkos und zahlreiche Länder der Welt entsandt, um Unterstützung für den antikolonialen Kampf zu gewinnen. Nun entstand unter seiner Ägide der Plan, Nordafrika in einer konzertierten Aktion zu befreien. Unterzeichnet war er von Vertretern der Partei des Algerischen Volkes, von Neo-Destour für Tunesien und Istiqlal aus Marokko.

Das Vorhaben wurde nur unvollständig umgesetzt. Nach der Ermordung des Gewerkschafters Farhat Hached 1952 in Tunesien brachen Proteste in Marokko aus. Guerillaaktionen und Anschläge auf die Kolonialbehörden und Eisenbahnstrecken folgten. Am 1. November 1954 bildeten landesweite Angriffe den Auftakt zum Unabhängigkeitskrieg in Algerien. 1956 entließ Frankreich, um sich auf den Erhalt seiner Kolonialherrschaft in Algerien zu konzentrieren, Tunesien und Marokko formal in die Unabhängigkeit. Algerien erkämpfte sich die Selbstbestimmung unter unermesslichen Opfern und wurde 1962 frei. Ein Jahr später, am 6. Februar 1963, starb Abdelkrim. Wann immer in Marokko und insbesondere im Rif für ein Ende der bedrückenden neokolonialen Verhältnisse demonstriert wird, ist es präsent: als Nationalheld, der sich entschlossen der Fremdherrschaft entgegenstellte.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 15, Geschichte

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!