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Aus: Ausgabe vom 18.02.2021, Seite 12 / Thema
Antikolonialismus

Wechselnde Gegner, gleiche Front

Der Krieg um die Westsahara ist erneut aufgeflammt. Die dortige antikoloniale Bewegung kämpfte gegen Franzosen und Spanier und wehrt sich seit Jahrzehnten gegen Marokko. Hintergründe eines vergessenen Konflikts
Von Jörg Tiedjen
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Siegesgewiss gegen die Tyrannei des marokkanischen Regimes: Kämpferinnen der Polisario bei einer Parade zum 35. Jahrestag der Gründung der Befreiungsfront (Tifariti, 20.5.2008)

Ende des vergangenen Jahres flammte der seit fast drei Jahrzehnten ruhende Konflikt um die Westsahara wieder auf, als am 13. November die marokkanische Armee in die sogenannte Pufferzone von Guerguerate im Süden der Westsahara vordrang, um eine Demonstration sahrauischer Aktivisten aufzulösen. Damit verstieß sie gegen ein 1991 mit der Befreiungsfront Polisario geschlossenes Waffenstillstandsabkommen. Letztere erklärte umgehend die Übereinkunft für nichtig und nahm die Kampfhandlungen nach fast drei Jahrzehnten wieder auf. Unterstützung erhielt Marokko vom scheidenden US-Präsidenten Donald Trump, der die Besatzung der früheren spanischen Kolonie durch das Königreich im Dezember anerkannte. Was wird als nächstes geschehen? Wird der Krieg weiter eskalieren, oder wird doch noch eine friedliche Lösung gefunden, die das Recht der Sahrauis auf Selbstbestimmung wahrt?

Wenn es um die Westsahara und den Kampf der Befreiungsfront Polisario um ihre Unabhängigkeit geht, so werden die Hintergründe des Konflikts zumeist nur verkürzt wiedergegeben. Vergessen wird, ihn in die Geschichte der antikolonialen Kämpfe der Region einzuordnen. Nordafrika hatte dabei stets eine wichtige Rolle gespielt. In einem Land ist dies mehr als in anderen schmerzhaft bewusst: Als am 8. Mai 1945 Algerier in Sétif den Sieg gegen Nazideutschland feierten und dabei ihre Landesfahne zeigten, im Bewusstsein, dass auch die Kolonialherrschaft enden würde, wurden sie von französischen Siedlern und ihrer Polizei zusammengeschossen und zu Zehntausenden in Massengräbern verscharrt.

Wie die Algerier hatten sich auch die Einwohner Marokkos in ihrer Mehrheit aller Fremdherrschaft von Anfang an erbittert widersetzt – seit Jahrhunderten. Es war am Ende der Sultan selbst, der 1912 Frankreich zu Hilfe rief, um seinen gewaltsamen Sturz durch Aufständische zu verhindern, die den Ausverkauf des Landes verhindern wollten. Er unterzeichnete den Protektoratsvertrag von Fès, mit dem Frankreich weitgehende Vollmachten gegeben wurden. Eine weitere Besonderheit war, dass Marokko seit dem Vertrag von Algeciras von 1904 in mehrere Zonen aufgeteilt war. Die Rif-Provinz sollte Spanien zufallen, ebenso ein Landesstreifen im Süden. Die Städte Ceuta und Melilla besaß es schon, ebenso die Westsahara – sie war Spanien auf der Berliner Afrikakonferenz 1884/85 zugesprochen worden. Tanger wurde internationale Zone.

Als Spanien 1921 versuchte, das Rif zu besetzen, wurde in Anoual die gesamte Kolonialarmee aufgerieben. Unter der Führung Mohammed ben Abdelkrim Al-Khattabis widerstand die Rif-Armee nicht nur fünf Jahre lang den Franzosen, die dem iberischen Nachbarn zu Hilfe geeilt waren, sondern gründete in dem Landesteil auch die erste Republik. Sie konnte nur mit Einsatz von Millionen Soldaten, internationaler Fliegergeschwader und Gasbombardements im großen Stil zerschlagen werden. Das Ergebnis dieses erbarmungslosen Krieges beschrieb die Historikerin María Rosa de Madariaga mit dem Satz: »Hätte Abdelkrim gesiegt, wäre Spanien Franco erspart geblieben.« Der spätere Putschgeneral war Befehlshaber der spanischen Fremdenlegion. Abdelkrim, der in Marokko als Held verehrt wird, wurde von Frankreich nach La Réunion verbannt. 1946 allerdings entkam er seinen Bewachern und eröffnete darauf das Maghrebbüro der Arabischen Liga in Kairo. Auf ihn ging der Plan zurück, der Kolonialherrschaft in ganz Nordafrika in einer vereinten Anstrengung ein Ende zu bereiten. In Rabat sollte kein Frieden herrschen, solange Libyen noch nicht befreit war.

Neokoloniales Regime

Frankreich schloss mit Tunesien und Marokko einen Separatfrieden, um Algerien behalten zu können. Tatsächlich war wie in Algerien auch in Marokko eine Nationale Befreiungsarmee (ALN) in Erscheinung getreten. Besser gesagt, es gab derer zwei: eine im Norden, die von der spanischen Zone aus operierte, und eine im Süden mit Stützpunkten in der Westsahara. Marokkaner und Sahrauis führten gemeinsam und gebietsübergreifend einen Guerillakrieg gegen die französischen und spanischen Besatzungsmächte. Gleichzeitig existierten in den Städten Organisationen, die zum Beispiel Anschläge auf Franzosen verübten. Doch alle Hoffnungen in Marokko ruhten auf dem Sultan ben Youssef, der sich an die Spitze der städtischen Nationalbewegung stellte. Nachdem er sich mit ihren Zielen einverstanden erklärt hatte, wurde er von Frankreich nach Madagaskar verbannt. Von dem Moment an war seine Wiederkehr die Hauptforderung der Bewegung für die Unabhängigkeit (Istiqlal), organisiert vor allem in der gleichnamigen Partei.

Als dann 1955 der Sultan wieder zurückkehrte, saß im gleichen Wagen Mohammed Oufkir, ein in Indochina ausgezeichneter Offizier der französischen Kolonialtruppen, der später unter ben Youssefs Sohn Hassan Innenminister wurde. In den Verträgen mit Frankreich und Spanien war die Entlassung Marokkos aus dem Protektoratsstatus unter Wahrung französischer Interessen geregelt. Was die Nationalbewegung auszuhandeln vergessen hatte, war eine Machtbeteiligung. Es gab ein Parlament, dessen Vorsitzender Mehdi Ben Barka wurde, ein Vertreter der antikolonialen Linken. Aber die Abgeordnetenkammer war weitgehend machtlos. Umsonst versuchte Ben Barka, die Kontrolle über die ALN zu gewinnen. Hassan und Oufkir bauten statt dessen die königlichen Streitkräfte auf, die zusammen mit Geheimdiensten, Polizei und anderen Einheiten die wichtigsten, wenn auch nicht immer sicheren Stützen der Monarchie darstellen. Angesichts der wachsenden Machtkonzentration in den Händen des Sultans, der erst nach der Unabhängigkeit zum »König« avancierte – zahlreiche Hofrituale sind nicht so mittelalterlich, wie sie anmuten –, setzte Ben Barka auf die »Revolutionäre Option« – der Titel einer seiner Schriften. 1965 wurde er in Paris entführt und dann von Oufkir gefoltert und ermordet. Er war damals gerade dabei, die Trikontinentale in Havanna zu organisieren.

Die Reste der ALN, die sich nicht der Monarchie ergeben wollten, wurden zuerst in der Westsahara mit Hilfe spanischer und französischer Streitkräfte in der sogenannten Opération Ecouvillon aufgerieben. Mohammed V., wie ben Youssef seit der Umwandlung des Sultanats in ein Königreich hieß, rief – wie schon der Sultan 1912 – lieber die Kolonialmächte zu Hilfe, als seine Macht zu gefährden. Sein Sohn Hassan war im Rif persönlich an Erschießungen von »Aufständischen« beteiligt. Er folgte seinem Vater 1961 auf den Thron, nachdem dieser bei einer harmlosen medizinischen Operation plötzlich verstorben war. Hassans Regime geriet zusehends tyrannischer, vor allem die Linke wurde gnadenlos verfolgt. Mehrfach erfolgte der Versuch, Hassan zu stürzen. Beim Putsch von 1971 entkam er nur knapp, indem er sich vor den eine Feier stürmenden Soldaten auf einer Toilette versteckte, beim zweiten Mal 1972 hatten Jagdflieger, die seine Maschine abschießen wollten, die falsche Munition geladen und zerschossen zwar seine Boeing, brachten sie aber nicht zum Absturz. Viel später enthüllte Mohammed »Fqih« Basri, ein enger Vertrauter Ben Barkas, dass bei dem letzten Putsch die von ihnen mitgegründete sozialistische Union Nationale des Forces Populaires (UNFP) mit Innenminister Oufkir zusammengearbeitet hatte. Sie hätten ihn die Schmutzarbeit machen lassen und dann selbst die Macht übernehmen wollen.

Die Putschisten, aber auch zahlreiche Unbeteiligte wie einfache Soldaten oder die Familie des Generals Oufkir ließ Hassan II. entweder töten oder in Verliese in der Wüste sperren, wo sie mehr als zwanzig Jahre unter unvorstellbaren Bedingungen überlebten, von der Weltöffentlichkeit unbeachtet, die erst 1990 von dem französischen Journalisten und Schriftsteller Gilles Perrault aus dessen Buch »Notre ami le Roi« (Unser Freund, der König) von den Schrecken der »bleiernen Jahre« und des »geheimen Gartens« seiner Majestät erfuhr.

Letztes Aufbäumen

Im Frühjahr 1973 erfolgte einer der letzten Versuche, die Monarchie zu stürzen. Der Plan endete in einer Katastrophe. Fqih Basri hatte für die UNFP eine bewaffnete Organisation (»Tanzim«) aufgebaut. Deren Mitglieder waren aus Palästina mit dem Guerillakampf vertraut. Auch war im Mittleren und im Hohen Atlas ein Netzwerk alter Kämpfer der ALN ins Leben gerufen worden. Über die algerische Grenze sollten Tanzim-Kämpfer einsickern und zusammen mit den Ortsvertrauten die Polizeistation von Moulay Bouazza überfallen. Mit den dort erbeuteten Waffen sollte der Guerillakrieg ausgeweitet werden. In der Stadt hatten Zellen der UNFP Attentate vorbereitet. Man wollte also mit Hilfe der Aktion auf dem Land einen Aufstand entfachen, der sich immer weiter ausbreiten sollte. Nicht zuletzt knüpfte man auf diese Weise an den zu Beginn der »Unabhängigkeit« infolge der Errichtung der Monarchie abgebrochenen Versuch einer gewaltsamen Befreiung von den Resten des Kolonialismus an.

Doch es lief alles schief, was schieflaufen konnte, wie Mehdi Bennouna in seinem Buch »Héros sans gloire« schildert: Es gelang nicht, die Wache in Moulay Bouazza zu überwältigen, das Kommando musste ohne Waffen wieder abziehen. Die Revolutionäre blieben isoliert, niemand schloss sich ihnen an. Verrat war im Spiel. Die meisten wurden aufgerieben, erschossen, gefangen, ermordet oder verschwanden wie die Putschisten zuvor in Verliesen in der Wüste. Auch in den Städten wurden die Netzwerke im Untergrund binnen kurzem aufgedeckt. Ein Davongekommener allerdings war Moustapha El Ouali, der noch im selben Jahr mit anderen Linken in der Westsahara die Befreiungsfront Frente Polisario gründete. Der langjährige Präsident der Polisario und der von dieser 1976 ausgerufenen Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) war also ein Mitglied des Tanzim. Man könnte sagen: Als keine »revolutionäre Option« in Marokko mehr bestand, versuchte er, den Befreiungskampf in der nach wie vor von Spanien besetzten Westsahara fortzuführen.

Ganz ähnlich wie Algerien für Frankreich nicht als Kolonie, sondern als eigenes Département gegolten hatte, das man auf keinen Fall preisgeben wollte, bestand Spanien damals noch immer darauf, dass es sich bei der Westsahara um überseeisches Staatsgebiet handelte, und weigerte sich, es zu dekolonisieren. Nachdem das Gebiet auf der Berliner Afrikakonferenz Spanien zugesprochen worden war, hatte es auch hier Jahrzehnte gedauert, bis die Kolonialmacht es unter ihre Kontrolle brachte. In dem riesigen Landstrich lebten traditionell Nomaden arabisch-berberischen Ursprungs. Die Sprache der Sahrauis ist überwiegend ein arabischer Dialekt, die Hassania.

Marokkanische Nationalisten wiederum begründen den Anspruch auf das Land unter Verweis auf die Geschichte. Mehrfach hatte die Westsahara zum Sultanat gehört – nicht zuletzt, wenn Dynastien aus dem Süden das Gebiet übernommen hatten. Dabei hat die Westsahara eine lange Tradition im antikolonialen Befreiungskampf: Der islamische Gelehrte und Partisanenführer Ma Al-Ainain (1830–1910) etwa organisierte dort den Widerstand gegen die französische Kolonialmacht und gründete die Stadt Smara, die zum religiösen Zentrum der Sahrauis wurde. Als jedenfalls der Sultan den Vertrag von Fès unterzeichnete, endete Marokko in etwa in seinen heute international anerkannten Grenzen – im Süden am Oued Noun, also der Westsahara. Kraft seiner Mitgliedschaft in der UNO und der Afrikanischen Union hat Marokko die kolonialen Grenzziehungen ebenso anerkannt wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Dennoch erheben Nationalisten bis heute Gebietsansprüche nicht nur auf die »Südprovinzen«, sondern auch gegenüber Algerien (Provinz Béchar), Spanien (Exklaven und Inseln bis hin zu den Kanaren), Mali (Provinz Timbuktu) und, nicht zu vergessen, ganz Mauretanien.

Flucht nach vorn

Die Geschehnisse von Moulay Bouazza waren ein verspätetes Nachbeben des antikolonialen Kampfes. Aus dem so offensichtlichen, fast grotesken Scheitern war zunächst die Lehre zu ziehen, dass der Aufstand in Marokko keine Chance mehr hatte. Anders stand es in der Westsahara. Die Spanier hatten eine erste Befreiungsbewegung niedergeschlagen. Aber die 1973 gegründete Polisario wurde stärker. Auch der internationale Druck auf Spanien, die Kolonie freizugeben, wuchs. Marokko und Mauretanien waren maßgeblich daran beteiligt, die Westsahara Anfang der 1960er Jahre in die neugeschaffene Liste der nichtautonomen Gebiete aufzunehmen, die zu entkolonialisieren seien. Die Einwohner müssten über ein Referendum selbst über ihre Geschicke bestimmen können. Doch zugleich hatte das Königreich auch ein Gutachten des Haager Gerichtshofs über seine Ansprüche auf die Westsahara in Auftrag gegeben.

Der Haager Schiedsspruch erging im Herbst 1975 und fiel für Marokko ungünstig aus, was dort gerne verschwiegen wird. Doch wenig später ergab sich für den marokkanischen König eine einzigartige Gelegenheit, über das Debakel hinwegzugehen und die Monarchie zugleich von dem Makel zu befreien, um ihrer selbst willen die Westsahara zu Beginn der Unabhängigkeit verraten zu haben. Der spanische Diktator Franco lag auf dem Sterbebett. Wie zuvor schon sein Vater inszenierte sich Hassan II. als Nationalheld und startete eine riesige Propagandaaktion. Hunderttausende Marokkaner wurden an die Grenze zur Westsahara gebracht. Gewappnet mit marokkanischen Fahnen und dem Koran sollten sie in einem »grünen Marsch« in die Westsahara vordringen, um die verlorenen »südlichen Provinzen« symbolisch mit dem Königreich »wiederzuvereinigen«.

Noch bevor Franco starb, erzielte Hassan II. mit dessen designiertem Nachfolger Juan Carlos eine Übereinkunft. Im November 1975 wurde zwischen Mauretanien, Marokko und Spanien der illegale »Vertrag von Madrid« geschlossen. Demnach sollte die Westsahara zwischen den beiden erstgenannten Ländern geteilt werden. Das spanische Militär zog ab, die Interessen der früheren Kolonialmacht aber sollten gewahrt bleiben – was sie bis heute sind. Auf den »grünen Marsch« folgte demgemäß das marokkanische Militär mit Napalm und Phosphorbomben. Zahlreiche Sahrauis flohen ins algerische Tindouf, wo bis heute 170.000 in Flüchtlingslagern leben. Sie befinden sich unter der Verwaltung der Polisario, der es seit 1973 gelungen war, einen Großteil der Sahrauis hinter sich zu vereinen. Die revolutionäre Bewegung genoss weithin Sympathien, ihre Programmpunkte wurden umgesetzt. Zahlreiche Soldaten der Kolonialarmee schlossen sich ihr an. Die Polisario begann, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer zu führen. Nach wenigen Jahren war die mauretanische Armee vertrieben. Sie hatte empfindliche Verluste hinnehmen müssen, in Nuakchott kam es zu einem Putsch, der neue Staatsführer schloss einen Friedensvertrag mit der DARS.

Potemkinsche Dörfer

Marokko versuchte daraufhin, auch den zuvor von Mauretanien beanspruchten Teil der Westsahara zu besetzen. Schließlich begann das Königreich mit Hilfe aus Ländern wie den USA, Israel und auch der BRD einen großen Wall zu bauen, um die marokkanisch besetzten Gebiete der Westsahara, darunter vor allem die Küstengegenden und die Phosphatminen von Bou Crâa, von den von der Polisario befreiten Gebieten abzutrennen. Dieser »Balm« zieht sich heute 2.700 Kilometer durch die Wüste, vom marokkanischen Süden bis an den Atlantik bei der sogenannten Pufferzone von Guerguerate, wo jüngst im November marokkanisches Militär den 1991 unter UN-Vermittlung geschlossenen Waffenstillstandsvertrag brach.

Anfang der 1990er Jahre war Hassan II. unter Druck geraten. »Notre ami le Roi«, das Buch von Gilles Perrault, hatte sein Ansehen erschüttert. Sozial war Marokko abgestürzt. Aufruhr wurde brutal beantwortet, in Tetuan die Luftwaffe eingesetzt, als wegen gestiegener Brotpreise demonstriert wurde. Die Opposition war weitgehend ausgeschaltet. 1975, im selben Jahr also, als die Besatzung der Westsahara begann, war mit dem UNFP-Mitbegründer, Gewerkschafter und Publizisten Omar Benjelloun einer der letzten großen Widerstandskämpfer ermordet worden – von einem Kommando der »Islamischen Jugend«, der auch der frühere Ministerpräsident Abdelillah Benkirane angehörte. Eine unheilvolle Wendung Jahre vor Afghanistan: Islamisten wurden vom »tiefen Staat« manipuliert, um der Linken den Garaus zu machen. Danach wandten sie sich gegen den Staat selbst. Am 20. Februar 2011, dem Anfang des »arabischen Frühlings« in Marokko, gingen Linke und Islamisten gemeinsam auf die Straße.

Am Ende entschloss sich Hassan II. zu einem überraschenden Schritt. Er übergab dem USFP-Politiker (Sozialistische Union der Volkskräfte, Nachfolgeorganisation der UNFP) Abderrahmane Youssoufi die Regierung der sogenannten Alternance, der Änderung. Als dann Hassan II. 1999 starb und Mohammed VI. seine Nachfolge antrat, schien ein demokratisches Marokko zum Greifen nah. Doch was statt dessen geschah, war der Aufbau Potemkinscher Dörfer. Heute gibt es große Shoppingmalls, von Tanger bis Casablanca führen Autobahnen, zudem fährt ein TGV. Gleichzeitig sind auf dem Land etliche Dörfer im Winter abgeschnitten und bleiben sich selbst überlassen. Neben Oasen des Luxus herrscht ein paar Schritte weiter das nackte Elend.

Freie und demokratische Wahlen gibt es nicht, eine unabhängige Gerichtsbarkeit ebensowenig. Von diesem Staat haben seine Bürger alles zu befürchten. Die Fixpunkte, derer sich jeder zu vergewissern hat, sind zur allgegenwärtigen Erinnerung auf Bergzüge gemalt: Allah, Al-Malik, Al-Watan – Gott, König, Vaterland. Zu dem gehört wie selbstverständlich auch die Westsahara, über die man am besten gar nicht spricht, wie überhaupt über die genannte Dreifaltigkeit geschwiegen werden sollte. In diesem klaustrophobischen System wagen es nicht einmal die Islamisten, gegenwärtig zumindest nominell an der Regierung, für sie unliebsame staatliche Entscheidungen wie zum Beispiel die diplomatische Anerkennung Israels in Frage zu stellen. Denn es sind nicht sie, die im Land das Sagen haben, sondern das königliche Kabinett. Die Verfassungsreform aus Zeiten des »arabischen Frühlings« änderte daran nichts.

Diese Zusammenhänge finden sich in zahlreichen Artikeln und Büchern mutiger Journalisten wie zum Beispiel von Omar Brouksy dargestellt: Der König ist der Eigentümer des OCP, des Office Chérifien des Phosphates. Er verdient am Phosphatabbau in der Westsahara. Überhaupt gehört ein Großteil der marokkanischen Firmen auf die eine oder andere Weise ihm. Mitunter erhalten diese Unternehmen vom Staat Subventionen, so wie er verfassungsgemäß den Unterhalt des Souveräns begleicht. Der Machtapparat des Königs bestimmt, wer letztlich ein Geschäft eröffnen darf und wie eine Wahl ausgeht. Über das Militär gebietet der König persönlich. Dem Geheimdienst steht heute ein ganzes Arsenal von Programmen zur Internetspionage zur Verfügung, um Gegner erkennen und ausschalten zu können. Die Parteien erweisen sich als Marionetten der Monarchie, Journalisten und Intellektuelle stehen im Visier des Staatsapparats. Einer von ihnen ist der Hochschullehrer Maâti Monjib, der jüngst unter fadenscheinigen Begründungen inhaftiert wurde. Er hatte es gewagt, sich mit der marokkanischen Geschichte unbefangen zu befassen und Brücken zu den zersplitterten Resten der Opposition zu schlagen.

Während sich Marokko nach außen als fortschrittliches Land präsentiert, in Städten wie Rabat ein freundliches Gesicht zeigt und dabei, wie unter anderem die »Coleman-Leaks« aus Unterlagen von marokkanischen Diplomaten belegen, einen erheblichen Aufwand betreibt, das eigene Bild zu schönen und die Presse entsprechend zu beeinflussen, führt es sich in den besetzten Gebieten unverblümt als die Kolonialmacht auf, die es ist. Die Sahrauis, die seit 1991 auf ihr Referendum warten, begannen eine Intifada, 2010 folgten die Proteste von Gdeim Izik. Stets war die Antwort Repression, wobei seit Jahren auch marokkanische Siedler als Schlägertrupps eingesetzt werden. In Schauprozessen werden Aktivisten mit durch Folter erzwungenen Geständnissen zu jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilt und dann in Isolationshaft verbracht.

Im Dezember 2020 sah das Königreich sich veranlasst, kurz vor Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump einem Deal zuzustimmen: »Anerkennung der israelischen Besatzung« gegen »Anerkennung der marokkanischen in der Westsahara«. Oder sollte man etwa sagen: Es fühlte sich stark genug, einen solchen Schritt zu gehen? Der Militäreinsatz in Guerguerate gegen sahrauische Demonstranten am 13. November war eine bewusste Verletzung des Waffenstillstandsvertrags von 1991. Die Folgen waren absehbar. Die Polisario greift seitdem Stellungen der marokkanischen Armee bis hinter den Schutzwall an. Offiziell wird der Krieg in Marokko nach wie vor totgeschwiegen. Zugleich erscheinen kriegstreiberische Artikel. Algerien hat seine Kriegsbereitschaft in Manövern zur Schau gestellt. Schon einmal, kurz nach der algerischen Unabhängigkeit, hatte Marokko im »Sandkrieg« geglaubt, Algerien besiegen zu können, und war gescheitert.

Jörg Tiedjen schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 20. September 2018 über die Hinrichtung führender Mitglieder der Kommune von Baku vor damals hundert Jahren.

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