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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 12 / Thema
Rifkrieg

Antikoloniale Zeitenwende

Vor 100 Jahren: In der Schlacht von Annual wird im Norden Marokkos eine ganze spanische Armee ausgelöscht
Von Jörg Tiedjen
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Ho Chi Minh, Mao und Tito beriefen sich auf ihn: Abdelkrim (mit Soldaten in einer Gefechtsstellung, um 1925)

Es war ein grausiger Auftakt. Am 22. Juli 1921 und in den Tagen darauf vernichtete eine Koalition von Berberstämmen im Rifgebirge im Norden Marokkos eine ganze spanische Armee. Die »Schlacht von Annual« war eine der schwersten Niederlagen, die eine europäische Kolonialmacht jemals hinnehmen musste. Spanien war auf ganzer Linie geschlagen und sollte sich davon lange nicht erholen. Zunächst behielten die Rifberber unter ihrem Anführer Abdelkrim im eskalierenden Rifkrieg die Oberhand. Am Ende sah sich die von ihnen gegründete Rifrepublik einer Übermacht mehrerer europäischer Staaten gegenüber, dazu den USA. Es war ein erbittert geführter Kolonialkrieg und zugleich ein Wendepunkt: Die Dekolonisierung hatte ebenfalls begonnen. Was niemand für möglich gehalten hatte, war eingetreten, an einem Ort, von dem kaum jemand es erwartet hatte. Nicht nur die »marokkanische Frage« war wieder offen, auch ein Sieg über den Kolonialismus schien greifbar.

Marokko hatte lange Erfahrungen mit den Expansionsbestrebungen der Europäer. Immer wieder war es von Spanien und Frankreich angegriffen, zu Konzessionen gezwungen und so in eine ausweglose Spirale der Verschuldung getrieben worden, schon damals unter der Parole vom »freien Handel«, der sich auch Deutschland anschloss, das ebenfalls in Marokko intervenierte und dafür einen Weltkrieg riskierte. Bedrängt von der eigenen Bevölkerung, die ihm Versagen vorwarf, rief der marokkanische Sultan Abdelhafiz ausgerechnet die Invasoren selbst, die französischen Truppen, zu Hilfe, um seine Haut zu retten. 1912 unterzeichnete er den Protektoratsvertrag von Fès. Marokko wurde aufgeteilt, dem Sultan blieb vor allem protokollarische Gewalt. Frankreich erhielt den größten Teil, darunter die »nützlichen« Kernlande, das »Maroc utile«, wie es zynisch genannt wurde, während der Norden neben einem kleineren Gebiet im Süden unter spanische Herrschaft fallen sollte – im großen und ganzen deshalb, weil das britische Weltreich an der Meerenge von Gibraltar die französische Konkurrenz nicht duldete.

Eroberungsversuch

Allerdings trafen die Kolonialmächte bei der Eroberung Marokkos auf heftigen Widerstand, der weit über 1912 bis in die dreißiger Jahre andauerte, als sich an zentralen Orten wie in den Städten schon eine neue Opposition etwa mit Gründung von Parteien bemerkbar machte. Im Mittleren Atlas besiegte Frankreich die dortigen Berberstämme nach einer Unterbrechung der Kämpfe während des Ersten Weltkriegs im März 1921. Heroisch fiel ihr Anführer Moha Ou Hammou, mittlerweile ein hochbetagter Mann, im Kampf unter einer hohen Atlaszeder. Der Kontrast zu den Bildern aus dem Rifkrieg könnte nicht größer sein. In ihm berichten zahlreiche Korrespondenten von vor Ort, Abdelkrim selbst wird interviewt. Fotos dokumentieren erschreckende Brutalität, die Verrohung spanischer Soldaten ist beispiellos. Auch in dieser Hinsicht signalisiert der Rifkrieg eine Zeitenwende. Das wurde ausgedrückt in Schriften der Surrealisten, die sich mit dem Rif solidarisierten.

1920 hatte Spanien nach wiederholten Rückschlägen zu einem erneuten Versuch angesetzt, endlich die Kontrolle über das Rifgebirge zu erlangen, dessen Einwohner schon im marokkanischen Sultanat weitgehende Autonomie genossen hatten und auf ihre Unabhängigkeit bestanden. Vom ersten Imperium, »in dem die Sonne niemals untergeht«, wie der spanisch-deutsche Kaiser Karl V. sich auszudrücken beliebte, war nach dem Verlust seiner überseeischen Besitztümer auf den Philippinen und dem amerikanischen Doppelkontinent wenig mehr als ein Armenhaus Europas geblieben, dessen Herrscher sich mit neuer Glorie schmücken wollten. Zu dem Eroberungsversuch war Spanien gewissermaßen verpflichtet. Es musste seine unter anderem auf Kolonialkonferenzen erworbenen Rechtsansprüche durchsetzen – sonst hätte Frankreich seinen alten Plan, sich Marokko komplett einzuverleiben, womöglich doch noch verwirklichen können.

Geschätzte 20.000 Soldaten unter dem Kommando des Generals Manuel Fernández Silvestre standen also 1921 im Rifgebirge und hatten im Tal von Annual eine Garnison errichtet, um von dort aus weiter in Richtung Ajdir nahe der heutigen Hafenstadt Al Hoceima an der Mittelmeerküste vorzustoßen und eine umfangreiche Landungsoperation der Marine vorzubereiten, als der Vormarsch unerwarteterweise ins Stocken geriet. Nicht nur stießen die Spanier auf Widerstand. Im Mai und Juni gingen auch zwei vorgeschobene Posten mitsamt Material wie Kanonen verloren. Als dann im Juli einem weiteren Stützpunkt das gleiche Schicksal drohte und am frühen Morgen des 22. Juli 1921 bei der Lagebesprechung gemeldet wurde, dass Tausende Rifkämpfer dabei seien, Annual einzukesseln, ergriff Silvestre die Panik: Er gab den Befehl zum Rückzug.

Widerstand

Im Rifkrieg polarisierte sich die Wahrnehmung. Nicht die Spanier schrieben damals Geschichte, sondern ihre Gegner, die sogenannten Rifkabylen unter Mohammed ben Abd Al-Karim Al-Khattabi, der wie sein Vater einfach Abdelkrim genannt wurde. Er stand erst seit kurzem an der Spitze des Widerstands. Sein Vater, der eigentliche Abdelkrim, war Richter der Beni Ouariaghel und hatte seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit Marokkos und die Entwicklung des Rif gestritten. Er knüpfte Beziehungen bis hinein in die Kolonialverwaltung. 1882 geboren, wurde Abdelkrim nach Fès zum Studium des traditionellen Rechts geschickt, sein Bruder M‘hamed, mit dem er eng verbunden war, nach Spanien, um Bergbauingenieur zu werden. Beide Brüder waren in die politischen Pläne des Vaters eingebunden. Abdelkrim wurde Kaid bzw. Richter von Melilla und Chefredakteur des Telegrama del Rif, war somit nebenbei einer der ersten Journalisten Marokkos.

Nicht allein die Familie Abdelkrim sah in Frankreich den Hauptgegner. Gleichzeitig galt es, eine spanische Kolonisation zu verhindern. Warum nicht gegen Frankreich zusammenarbeiten? Noch während des Rifkrieges suchte Abdelkrim den Spaniern begreiflich zu machen, dass Kooperation lohnender ist als koloniale Eroberung. Gemeinsam könne man Spanien und Marokko weiterbringen: Spanien habe Kapital und Technik, im Rif lägen Ressourcen. Industrielle wie die deutschen Brüder Mannesmann hatten das Rif bereist und vermuteten in ihm reiche Erzvorkommen. Abdelkrims Vater hoffte, solche Kontakte nutzen zu können. Im Ersten Weltkrieg nahm er teil an einer deutschen Konspiration, die zum Ziel hatte, Aufruhr in den Kolonien der Alliierten zu schüren. Als Abdelkrim selbst 1915 im Telegrama de Rif Partei für die Türkei ergriff, bezichtigten ihn die nach außen hin auf »Neutralität« bedachten Spanier des Verrats und ließen ihn ein Jahr lang einkerkern, wobei er sich bei einem Fluchtversuch verletzte, was ihn ein Leben lang zeichnete.

Die Spanier dachten gar nicht daran, aus ihrer Sicht unzivilisierte »Bauern«, wie der General Silvestre sie noch zuvorkommend nannte, als gleichberechtigt zu akzeptieren. Sie hatten auch nichts von Entwicklung im Sinn. Das marokkanische Gebiet unter ihrer Kontrolle war, abgesehen von einigen Minen, in eine Mischung aus »Schlachtfeld, Bordell und Taverne« verwandelt worden, wie der Schriftsteller Arturo Barea es nannte. Als daher 1909 erst General Luis Aizpuru, dann, angestiftet vom spanischen König Alfons XIII., General Silvestre zur Eroberung des Rif ansetzte, begann Abdelkrims Vater mit der Organisation des Widerstands, um Spanien endlich zum Einlenken zu bewegen. Es ging ausdrücklich um die Bekämpfung des Kolonialismus. Doch er starb, wobei sein Sohn annahm, er sei von den Spaniern vergiftet worden. Also trat er an seine Stelle.

Das Rifgebirge ist bis heute eine von Armut geprägte Region. Verstärkt wurde die wirtschaftliche Not damals durch eine lange Dürre, die gerade zur Zeit von Silvestres Offensive endete. Der Schlamm schränkte zwar die Beweglichkeit der Spanier ein, jedoch dachten die Einwohner nun an die Bestellung der Felder, nicht an Krieg. Auch waren die Stämme keineswegs einig. Abdelkrim wurde wie schon seinem Vater misstraut. Die Spanier selbst hatten sie als Kollaborateure denunziert. Waffen und Munition reichten nicht aus für eine schlagkräftige Truppe, die es mit den Spaniern aufnehmen konnte. Aber was, wenn man die Bewaffnung beim Feind holte, einschließlich der schweren Artillerie? Der Begriff der »Guerilla«, der in Zusammenhang mit Abdelkrim immer wieder genannt wird, bezeichnete ursprünglich das Kämpfen in kleinen Einheiten, wie Spanien es gegenüber Napoleon praktiziert hatte. Was Abdelkrim in unmittelbarer Nähe Europas organisierte, war ein antikolonialer Befreiungskampf, wie er sich später in zahlreichen Ländern wiederholte. In Paris verfolgte ein Revolutionär namens Ho Chi Minh die Geschehnisse im Rif genau und maß ihnen beispielhaften Charakter bei. Auch Mao und Tito beriefen sich auf Abdelkrim, Che Guevara besuchte ihn in der Zeit seines Kairoer Exils.

Desaster

Die Garnison von Annual war zu stark, um von einer Handvoll Kämpfer eingenommen zu werden. Also gab es nur eine Möglichkeit: Die Spanier, die über keine gesicherten Informationen über die Stärke des Gegners verfügten, mussten dazu gebracht werden, das Lager zu verlassen. Es gibt widersprechende Berichte vom 22. Juli 1921. Nach einer verbreiteten Version begannen die spanischen Truppen um 11 Uhr, Annual zu räumen. Die psychologische Kriegführung hatte anscheinend gewirkt. Die Schützen der Rifkämpfer hatten leichtes Ziel. Die einheimischen Hilfstruppen, die zum Teil zwangsverpflichtet worden waren, sollten als lebendige »Schutzschilde« die Flanken sichern, wechselten aber die Fronten. Plötzlich eröffneten sie ebenfalls das Feuer auf die Spanier, die kopflos die Flucht ergriffen. Die 150 Kilometer Wegstrecke bis nach Melilla, das nur durch das Zögern Abdelkrims, der ein weiteres Massaker verhindern wollte, der Einnahme entging, wurden zur tödlichen Falle, da nun auch die Stämme, die seit langem unter spanischer Kontrolle standen, die Seiten wechselten.

In seinem Roman »Imán« hat der spanische Schriftsteller Ramón Sender das Gemetzel, das sich in jenen Julitagen abspielte, beschrieben: »So flüchten sie, rennen aneinander, stolpern, laufen zurück, eilen wie wahnsinnig vorwärts. (…) Die Toten häufen sich. Ein Pesthauch steigt von ihnen auf, in der Ferne ertönen voll und langgezogen marokkanische Fanfaren (…) Vier Infanteristen ohne Munition scharen sich zusammen und erwarten einen Trupp Lanzenreiter mit dem Bajonett. Als die Verfolger sehen, dass es Widerstand gibt, halten sie an und greifen nach dem Karabiner. Die Soldaten spritzen auseinander, fallen. Über sie hinweg braust die Jagd.« Die spanische Armee war nahezu komplett aufgerieben und vernichtet. Auch General Silvestre starb in Annual, sein Leichnam wurde nie gefunden.

Spanien wurde durch das »Desaster von Annual«, wie es fortan genannt wurde, vollends in eine tiefe Krise gestürzt. Eine Protest- und Streikbewegung gegen den Krieg im Rif entstand. 1922 wurde der sogenannte Picasso-Bericht vorgestellt, der nicht nur dem spanischen Militär ein vernichtendes Zeugnis ausstellte. 1923 kam Primo de Rivera an die Macht, der das Land fortan diktatorisch ­regierte. In der 1931 ausgerufenen Republik wurde König Alfons XIII., einer der Hauptverantwortlichen für den Krieg, zur Rechenschaft gezogen. Schließlich putschten die reaktionärsten Kräfte des Landes unter einem gewissen Francisco Franco, dessen Laufbahn als rücksichtsloser Anführer der Fremdenlegion »Tercio« im Rifkrieg begonnen hatte. Die Revolution verlor im Bürgerkrieg. Bis heute sind die Spuren des Franquismus nicht verschwunden. Dazu sagte die Historikerin Rosa de ­Madariaga: »Wenn Abdelkrim gewonnen hätte, wäre uns Franco erspart geblieben.«

Giftgas

Zunächst blieb Spanien nichts als zu verhandeln, schon allein, um die Gefangenen freizubekommen. Später ließ Primo de Rivera eine Grenzbefestigung errichten. Abdelkrim beharrte auf einer Unabhängigkeit des Rif, und er blieb bei der bloßen Forderung nicht stehen: 1922 wurde die Rifrepublik gegründet, die über alles verfügte, was zu einem Staatswesen gehört, von der Verfassung über Regierungsorgane bis hin zu Straßen, Telefonleitungen, die auch für die Kriegführung notwendig waren. Delegationen wurden von Ajdir aus nach Frankreich, Großbritannien und in die Schweiz entsandt, um Unterstützung und Anerkennung zu gewinnen, nicht zuletzt durch den Völkerbund, der aber von den Kolonialmächten dominiert war. Mit dem britischen Offizier Charles Gardiner wurden weitreichende Pläne erarbeitet: Er erhielt Vollmachten für die Vermittlung von Industrieprojekten, auch sollte er Flugzeuge und U-Boote für die Rifrepublik anschaffen. Doch blieb das Rif bis zum Ende weitestgehend auf sich selbst angewiesen, Hilfe von außen blieb aus.

Nicht nur die Briten spielten ein doppeltes Spiel. Über die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und anschließende Verträge hinweg taten sich die Europäer zusammen, um die Rif­republik niederzuschlagen. Das deutsche Kaiserreich hatte versucht, sich als Unterstützer gerade auch des antikolonialen Widerstands in Marokko zu präsentieren. In Weimar war damit Schluss. Nach der Schlacht von Annual nahmen die Spanier Kontakt mit dem Chemienobelpreisträger Hugo Stoltzenberg auf, dem Leiter der »Kampfstoffverwertung« der Reichswehr. Sie wollten die Marokkaner mit Giftgas bekämpfen. Und sie erreichten, was sie wollten: Bei Madrid wurde mit Hilfe der Deutschen eine Fabrik für »Gelbkreuz« aufgebaut. Ab 1922 kam es zum Einsatz. Dabei waren Chemiewaffen im gleichen Jahr durch eine internationale Konvention untersagt worden. Als nach Spanien auch Frankreich im Kampf gegen die Rifberber in Bedrängnis geriet, forderte Marschall Hubert Lyautey ebenfalls Giftgasbewaffnung an. »Gelbkreuz« und Phosgen kamen übrigens nicht allein gegen Soldaten des Rif, sondern gerade auch gegen Zivilisten zum Einsatz. Bomben wurden aus Flugzeugen auf Felder und Wasserläufe abgeworfen, um die Bevölkerung zu schädigen und zu demoralisieren. Der Rifkrieg war der erste »aerochemische Krieg« der Geschichte.

Abdelkrim hatte darauf geachtet, den Franzosen im benachbarten Protektorat keinen Vorwand zum Eingreifen zu liefern. Doch allein die Tatsache, dass die Rifrepublik Spanien so lange nicht nur standhielt, sondern es immer noch in die Defensive zwang, rief weit über Marokko hinaus den Gedanken an eine Befreiung vom Kolonialismus wach. 1924 fiel Lyautey der Rifrepublik in den Rücken und ließ die fruchtbare Ebene nördlich des Grenzflusses Ouergha besetzen. Das Rif war auf dieses Gebiet zur Nahrungsmittelversorgung angewiesen. Abdelkrim blieb keine andere Möglichkeit, als militärisch zu reagieren. Auch diesmal gelang, was niemand für möglich gehalten hatte: Die französische Armee wurde nicht nur zurückgedrängt: Wenig später standen die Rifkämpfer vor den großen Städten Fès und Taza und drohten das französische Protektorat von Algerien zu isolieren. Nach der spanischen war einen Moment lang auch die französische Kolonialherrschaft ins Wanken geraten.

Mit dieser Entwicklung hatte der Rifkrieg eine neue Dimension erreicht. In der arabischen Welt wurde Abdelkrim bereits als Held gefeiert. Jetzt stand der Krieg überall in den Schlagzeilen. Für die Medien wurde die Entsendung eines US-amerikanischen Fliegergeschwaders, das Frankreich zu Hilfe kommen sollte, in Szene gesetzt. Es gab erbitterte Debatten im französischen Parlament. Die Rechten warfen den Kommunisten vor, das absehbare Ende Abdelkrims hinauszuzögern. Anders als Jahrzehnte später, als sie gegen die Prinzipien der Souveränität und des Internationalismus im Algerischen Befreiungskrieg Stellung gegen den antikolonialen Front de Libération Nationale (FLN) bezog, trat die erst Jahre vorher gegründete, unter anderem von Ho Chi Minh angeleitete Kommunistische Partei Frankreichs für die Rifrepublik ein. Das wiederum brachte Abdelkrim den Vorwurf ein, »von Moskau unterstützt« zu werden.

Am Ende scheiterte der Freiheitskampf im Rif schlicht an der Stärke des Gegners. ­Marschall ­Lyautey wurde vom »Helden von Verdun«, ­Philippe Pétain, der später mit den Nazis kollaborierte, abgelöst. Dieser erreichte eine Einigung mit dem Konkurrenten Spanien und drängte Primo de Rivera, die Landeoperation in der Bucht von Al Hoceima durchzuführen, während die französischen Truppen von Süden her vordrangen. Franzosen und Spanier brachten jetzt 800.000 Soldaten auf. 1926 ergab sich Abdelkrim Frankreich und wurde mitsamt seiner Familie ins Exil auf die Insel Réunion im Indischen Ozean verbracht. Während im Rif die Kämpfe noch fortdauerten, endete der Krieg offiziell mit einem Defilée auf den Pariser Champs Élysées, bei dem sich neben Pétain und Primo de Rivera der »radikal-sozialistische« französische Präsident Gaston Doumergue und der »sozialistische« Außenminister Aristide Briand als glorreiche Sieger präsentierten. Anwesend war auch der marokkanische Sultan Youssef, der von Frankreich eingesetzt worden war.

Die Maske war endgültig gefallen. Hatten die Massaker der Kolonialmächte zuvor von der Weltöffentlichkeit unbemerkt stattgefunden, war ihre Darstellung geschönt, hatten sie diesmal nicht verbergen können, wie weit sie zu gehen bereit waren, als sie die Höllenkräfte des Ersten Weltkriegs auch in Marokko entfesselten. Dies war nicht das Ende oder der Gipfelpunkt der kolonialen Massaker. Im Zweiten Italienisch-Libyschen Krieg setzte auch das faschistische Italien Giftgas ein, es konnte sich auf Vorbilder berufen. In der deutschen Botschaft in Rom verfolgte ein Attaché namens Wolfram von Richthofen die Ereignisse. Er warf den Italienern vor, nicht hart genug vorzugehen – so wie General Lothar von Trotha gegen Herero und Nama, der die Auslöschung des Gegners tatsächlich umgesetzt habe. Im Spanischen Bürgerkrieg befahl Richthofen die Zerstörung von Gernika, bevor er auch an den Vernichtungskriegen gegen Polen und die Sowjetunion teilnahm.

Nachspiel

Die Wunden, die der Kolonialismus geschlagen hat, wirken nach, und er dauert noch fort, gerade heute in Marokko, das von einer Kaste von »Königstreuen« wie ein Privatbesitz behandelt wird. Zugleich leistet sich das Königreich den Luxus der letzten Kolonie in Afrika, der Westsahara. Dort brach Marokko im vergangenen Jahr einen fast drei Jahrzehnte anhaltenden Waffenstillstand mit der Befreiungsfront Polisario. Der Krieg ist ein ferner Nachhall der damaligen Geschehnisse.

Für Abdelkrim war der Kampf damals nicht vorbei: 1947 erreichte er, aus dem Exil entlassen zu werden, um in Frankreich aufs Land zu ziehen. Als aber das Schiff im Suezkanal ankam, wurde die Familie von Führern der nordafrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen empfangen und von Bord geholt, darunter dem späteren tunesischen Staatschef Habib Bourguiba. Der ägyptische ­König Faruk gewährte Abdelkrim Asyl, und als Leiter des Maghreb-Büros in Kairo arbeitete er einen Plan für den bewaffneten Befreiungskampf in ganz Nordafrika aus. Dieser wurde umgesetzt – in Algerien, während Marokko und Tunesien ausscherten und sich mit nationalen Lösungen zufriedengaben. Abdelkrim hatte dem Führer der marokkanischen Unabhängigkeitspartei, Allal Al-Fassi, stets misstraut. Dieser war einer der Propagandisten der rückwärtsgewandten Idee von einem »Großmarokko«, das einem befreiten Maghreb geradezu gegenübersteht.

Die Bitte des frischgekrönten marokkanischen Königs Mohammed V., in die Heimat zurückzukehren, nachdem dessen Sohn Hassan gemeinsam mit dem früheren Offizier der französischen Kolonialarmee Mohammed Oufkir 1958 im Rifgebirge die Reste der Nationalen Befreiungsarmee Marokkos mit französischer Hilfe liquidiert hatte, schlug Abdelkrim aus. Er sah sie nie wieder. Bis heute werden die Rifbewohner von der marokkanischen Monarchie für ihren in der Geschichte gezeigten Freiheitswillen bestraft. Der Sprecher der 2016 entstandenen Protestbewegung Hirak Rif, Nasser Zefzafi, dessen Großvater Innenminister der Rifrepublik war, wurde aufgrund eines durch Folter erzwungenen Geständnisses 2019 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er hatte nichts weiter getan, als auf friedlichem Wege soziale Verbesserungen zu fordern.

Der Historiker Germain Ayache schrieb 1974 in seinen »Studien der marokkanischen Geschichte«, also ein Jahr vor der Westsahara-Besetzung durch Marokko: »Der Rifkrieg bedeutete sehr wohl den Auftakt in jenem Kampf, der sich heute nur durch die Auflösung der letzten Kolonien vollenden kann. Man ist überrascht, wie wenig Raum ihm gegeben wird, wenn er nicht völlig übergangen wird. Das ist keine geringe Lücke, die es eines Tages zu füllen gilt.« Der Kolonialismus ist auch ein halbes Jahrhundert später nicht besiegt, nicht einmal in Marokko. Abdelkrim starb 1962. Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser bereitete ihm ein Staatsbegräbnis.

Jörg Tiedjen schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 18. Februar dieses Jahres über den Krieg um die Westsahara.

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