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Zeitenwende und Geschichtspolitik

Revanche für den 8. Mai

Berlin: Ein Antrag der Grünen zielt auf die Zerstörung der sowjetischen Prägung der drei Ehrenmale, die an den Sieg über Nazideutschland erinnern

Foto: IMAGO/Olaf Schuelke
Wollen bei der Gestaltung der Ehrenmale mitreden: Provokateure am Ehrenmal im Tiergarten (Berlin, 9.5.2025)

Die Grünen arbeiten in Berlin weiter an der kriegstüchtigen Formierung des Hinterlandes. Ein paar Tage nach einer Veranstaltung, bei der sich die Partei als treibende Kraft in der Kampagne für eine Schließung des Russischen Hauses in Szene setzte, werden die Hauptstadt-Grünen an der geschichtspolitischen Front aktiv. Am Donnerstag wurde ein Antrag ihrer Fraktion mit dem Titel »Sowjetische Ehrenmale in Berlin geschichtlich einordnen und vor politischer Instrumentalisierung schützen« in das Landesparlament eingebracht und an den Ausschuss für Kultur, Engagement und Demokratieförderung zur Beratung überwiesen.

Mit dem Antrag wird die von unterschiedlichen Akteuren – ukrainischen Nationalisten, den Maßgaben der außenpolitischen Frontenbildung verpflichteten Historikern, antisowjetischen bzw. antikommunistischen Instituten und Vereinen – zunehmend koordiniert vorangetriebene Umgestaltung und »Neuinterpretation« der drei sowjetischen Ehrenmale in Berlin auf die nächste Ebene gehoben.

Das formelle Ziel des Antrages ist es, den Senat durch Beschluss des Abgeordnetenhauses aufzufordern, hinsichtlich der Ehrenmale »ein umfassendes Konzept zur historisch-kritischen Einordnung, zur Weiterentwicklung einer lebendigen Erinnerungskultur sowie zum Schutz vor politischer Instrumentalisierung vorzulegen und umzusetzen«. Inhaltlich läuft der Antrag darauf hinaus, die sowjetische Prägung der Ehrenmale zu zerstören. In der Begründung heißt es, die Ehrenmale spiegelten ein »Geschichtsbild« wider, »das einseitig durch die stalinistische Sowjetunion geprägt ist«. »Ausgeblendet« blieben nämlich »der Hitler-Stalin-Pakt, die Gewaltverbrechen des Stalinismus sowie die Erfahrungen derjenigen Völker und Minderheiten, die unter sowjetischer Herrschaft verfolgt und unterdrückt wurden«.

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Hier wird kaum verklausuliert eingefordert, Ehrenmale, die an den Sieg über den deutschen Faschismus erinnern, mit den Großerzählungen der antikommunistischen Geschichtsschreibung zur Sowjetunion zu überschreiben. Das wird als »historisch-kritische Kontextualisierung« verkauft, die nicht im Widerspruch stehe zu den »bestehenden rechtlichen Verpflichtungen Deutschlands zum Schutz von Kriegsgräberstätten«. Richten soll sich das Vorhaben angeblich auch gegen »historische wie aktuelle Formen politischer Instrumentalisierung« – ein auch in diesem Antrag unbelegter Vorwurf, der noch dazu aus einem politischen Spektrum kommt, das seit 2022 alles unternommen hat, um die Ehrenmale in Berlin zu Schauplätzen der Auseinandersetzung um die Deutung des Ukraine-Krieges zu machen. Letztlich ist auch dieser Antrag ein Versuch, die Ehrenmale für tagespolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Mit der Formel von der »zeitgemäßen Erinnerungskultur« wird das auch unfreiwillig eingeräumt.

Zu den in dem Antrag aufgeführten Arbeitsaufträgen gehört neben der »Kontextualisierung« (über Informationstafeln und »digitale Vermittlungsformate«) die »Sichtbarmachung der Vielfalt der Roten Armee« (die gerade die sowjetische Erinnerungskultur nie »unsichtbar« gemacht hat), ein »Maßnahmenkonzept zur wirksamen Unterbindung des Missbrauchs der Ehrenmale« (was offenbar auf die dauerhafte Institutionalisierung der jährlich zum 8. und 9. Mai verfügten Verbote zielt), die Einschaltung von »Wissenschaft und Zivilgesellschaft« (also der Partner der Grünen in der Kampagne) und zuletzt die »Entwicklung und Umsetzung spezifischer Bildungsangebote« unter »Einbeziehung der späteren Teilung und Diktaturen in Deutschland und Europa« – ein unmissverständlicher Fingerzeig, dass an diesen Orten perspektivisch die Erzählung vermittelt werden soll, dass in Osteuropa 1945 »eine Diktatur durch die andere« ersetzt worden sei, also gar keine Befreiung stattgefunden habe.

Als Mitglied des Kulturausschusses wird sich der ehemalige Innensenator Andreas Geisel (SPD) mit dem Antrag befassen, der öffentlich als Befürworter von Eingriffen in die Gestaltung der Ehrenmale hervorgetreten ist. Im Kulturausschuss sitzt auch die CDU-Abgeordnete Stefanie Bung, die bereits 2022 gefordert hatte, die beiden Panzer vor dem sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten zu entfernen. Man darf also davon ausgehen, dass der Antrag der »oppositionellen« Grünen mit ausgesprochenem Wohlwollen behandelt werden wird.

Nicht in dem Ausschuss vertreten ist der einzige profilierte Kritiker der Umgestaltungsinitiativen im Abgeordnetenhaus, der BSW-Abgeordnete Alexander King. Er sagte am Freitag gegenüber jW, der Antrag der Grünen sei »purer Revanchismus«: »Nicht die Deutschen und auch nicht die deutschen Grünen haben Berlin befreit, sondern die Rote Armee.« Die Vornahme von Veränderungen an den Ehrenmalen und die Vermischung des Gedenkens »mit der eigenen Sicht auf die Geschichte der Befreier und aktuelle Entwicklungen« sei »wirklich unsäglich«. Für Geschichtsrevisionismus brauche es »längst keine Rechten mehr. Das können die Grünen mindestens genauso gut.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Raimon Brete aus Chemnitz 1. Juni 2026 um 11:26 Uhr
    Blinder Hass und Niedertracht reißen ganz brutal die Grenzen für Wahrheit, Anstand und Achtung von Menschlichkeit nieder. Was den deutschen Faschisten physisch nicht gelang, wollen die Grünen mit Wort und Tat nunmehr psychisch in die Bahnen eines gefühlten Endsieges über die stolzen und standhaften Opfervölker der Sowjetunion schamlos lenken. Nichts ist ihnen heilig und keine Lüge zu klein, wenn es um die Verleumdung und Entehrung der 27 Millionen sowjetischen Toten im Kampf um die Zerschlagung der faschistischen Hydra und die bedingungslose Kapitulation Deutschlands geht.
    Nahtlos übernehmen die Grünen das Amt derer, die als Funktionsträger und tatsächliche bzw. ideologische Mörder des braunen Reiches nach dem Tag der Befreiung in der Bundesrepublik in vollem Wissen über ihre Vergangenheit an leitenden Stellen des Staates unterkamen. Erinnert sei nur an NSDAP-Mitglieder in der Adenauerregierung (Preusker …), den Rassenrechtstheoretiker Globke oder den Schlächter von Warschau Reinefarth, der Landtagsabgeordneter und Bürgermeister auf Sylt wurde. Sie und viele NS‑Funktionäre (Gehlen …), Wehrmachtsgeneräle (Heusinger …) und faschistische Wirtschaftsführer (Scheyer …) trugen ihren abgrundtiefen Hass auf Andersdenkende aus dem Osten und Russenphobie leider erfolgreich in die bundesrepublikanische Gesellschaft.
    Jetzt scheint endgültig die Zeit für grüne Kriegstreiber, Unterstützer von Staatsterror und Antikommunisten gekommen, um sich mit Bandera-Faschisten aus der Ukraine zum Sturm auf die Heldendenkmäler der Roten Armee zu verbünden. Ohne die tapferen und opferbereiten Soldaten der Roten Armee hätte es den 8. Mai als Tag der Befreiung nicht gegeben. Gedenken wir ihnen, wie den Alliierten, Partisanen und Widerstandskämpfern gegen den Faschismus, mit Anstand und Würde.
  • Uwe Joachim aus Pasewalk 27. Mai 2026 um 11:04 Uhr
    Zeitzeugen, die die Schrecken des Krieges miterlebt und nach der Befreiung vom deutschen Faschismus das Land wieder aufgebaut haben und sich nach dem Ende der DDR gegen die bundesdeutsche Geschichtsklitterung einbringen können, gibt es immer weniger. Die westdeutsch geprägte Erzählung von der ersten sozialistischen Republik auf deutschem Boden wird angesichts der gegenwärtigen Krise von immer mehr Bürgern hinterfragt. Es geht nicht mehr nur darum, den Ostdeutschen das »Arbeiten beibringen« zu müssen, sondern ihre Sicht auf die Sowjetunion und den Beitrag der Roten Armee bei der Befreiung auch Berlins zu unterminieren.
    Kurzzeitig führte die Zusammenarbeit der Alliierten gegen den deutschen Faschismus zu
    einer differenzierten Sicht auf Stalin und die UdSSR. So berichtete der US-Botschafter Joseph E. Davies seiner Tochter nach der ersten Begegnung mit Stalin: »Wenn du dir eine Persönlichkeit vorstellen kannst, die in jeder Beziehung das Gegenteil von dem ist, was Antistalinisten überall verbreiten, dann kannst du dir eine ungefähre Vorstellung von diesem Mann machen.« Seit dem Kalten Krieg ist eine solche Sicht nicht mehr gefragt. Zitiert werden von der Bourgeoisie oft Antimarxisten mit KP-Parteibuch, um Stalin zu diffamieren. Die Antragsbegründung der Grünen blendet die Vorgeschichte, die zum Abschluss des »Nichtangriffsvertrags zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken« führte, aus. Unerwähnt bleiben die erfolglosen Bemühungen der Sowjetunion, unter anderem mit Frankreich und Großbritannien ein Bündnis gegen den deutschen Faschismus auf diplomatischem Weg zu erreichen, auch mit Polen wurde verhandelt. Der Umgang mit den Sowjetischen Ehrenmalen zeugt von selektiver Geschichtskenntnis. Laut dem britischen Premierminister war Stalin ein außergewöhnlich belesener Mann. Ungewiss, welche Lektüre die Mitglieder des Berliner Kulturausschusses zur Verfügung haben. Die Entscheidung sollte auf Fakten beruhen, und nicht zum antisemitischen Feindbild Russland beitragen.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

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