Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Die wandelnden Geister

Dämmerungszustände: »Sunset« und »Wo ist Kyra?« im Kino
Von Peer Schmitt
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Der Weltkrieg kommt, der Hut sitzt: Irisz Leiter (Juli Jakab)

Ein dunkler Damenhut nimmt die Hälfte der Bildfläche ein. Zu dem Hut gehört ein halbdurchsichtiger Schleier, dahinter das Gesicht von Irisz Leiter (Juli Jakab). Sie ist wenige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Budapest, den Ort ihrer Kindheit, zurückgekehrt, um in einem weltberühmten Hutgeschäft zu arbeiten, das vor einiger Zeit noch ihrer Familie gehörte. Das Hutgeschäft steht im Zentrum merkwürdiger Ereignisse. Die Gesellschaft scheint dem unvermeidlichen Ende der Welt entgegenzudämmern. »Die Schlafwandler« hat der Historiker Christopher Clark seine 2012 erschienene Geschichte des Ersten Weltkriegs genannt (damit schlicht den Titel der Romantrilogie von Hermann Broch übernehmend). Eine Geschichte, die im Juni 1903 in Belgrad begann, mit Verschwörung und Mord am serbischen Königspaar … »Serbische Schreckgespenster« heißt Clarks erstes Kapitel. Eine Geistergeschichte. Und darum geht es wohl letztlich ziemlich plakativ in »Sunset« von Laszlo Nemes. Den Dämmerungszustand evozieren wiederholte Kamerafahrten in Rückansicht von Juli Jakab, halbnah, wie sie durch die Straßen dieses historischen Budapest der Artefakte wandert, offenbar auf der Suche. In den Straßen wie in den Labyrinthen des Hutgeschäfts, ländlichen Schlössern und geheimen Nachtclubs, wo dunkle Orgien, Exzesse, Mädchenhandel, Perversion, schwarze Messen, Attentate, Brandstiftung, Aufruhr jeweils ihren Ort finden.

Mit einer letzten langsamen Kamerafahrt durch einen Schützengraben des Weltkriegs schließt sich der Kreis. Ein prätentiös raunender Film, der sich in deutlicher Absicht aus der Literatur erklärt. Im Zelt einer Wahrsagerin wird aus T. S. Eliots »The Waste Land« (Das wüste Land, 1922) zitiert, die Aufzählung der imaginären Tarotkarten, mit der im Gedicht auf Shakespeare, die Legende vom Gral u. v. a. m. angespielt wird. Eliot übernahm die Szene direkt aus Aldous Huxleys Debütroman »Crome Yellow« (Eine Gesellschaft auf dem Lande, 1921), wo eine Wahrsagerin – da heißt sie Sesostris – in einem Jahrmarktszelt (wie nun in Nemes’ Film) dem staunenden Publikum das baldige Heraufkommen eines neuen Krieges prophezeit. Die Idee mit den Tarotkarten und dem Gral ist natürlich auch nicht von Eliot, er hat lediglich einige eindrucksvolle Karten dazuerfunden.

Die Dämmerung ist weiterhin Sache der Literatur. Groteske, Zitat und Allegorie sind die Mittel, den Dingen (der Geschichte) ein wenig näher zu kommen, in einer Bewegung der Entfernung.

Dämmerung an einem Bahnhof in Brooklyn ist die erste Einstellung von Andrew Dosunmus Depressionsthriller »Wo ist Kyra?« Eine gebrechliche alte Frau schleicht mit einer Krücke an einem Zaun entlang. Es ist ein wirklich düsterer Film, absichtsvoll schlecht ausgeleuchtet. Kameramann Bradford Young ist mittlerweile in die höchste Liga aufgestiegen (»Solo – A Star Wars Story«). Seine Arbeit in »Kyra« erinnert eher an J. C. Chandors »A Most Violent Year« (2014), in dem Young ebenfalls die Kamera führte. »Kyra« besteht im wesentlichen aus langen Einstellungen wirklich düsterer Räume: Bars, Trödelläden, Bankeingänge, ein Apartment in der Flatbush Avenue in Brooklyn.

Der Rest des Films sind Nahaufnahmen des Gesichts von Kyta (Michelle Pfeiffer). Wie sie sich schminkt, wie sie trauert, wie sie am Ende ist.

Kyra ist eine arbeitslose Buchhalterin, geschieden, mittellos. Sie lebt von der Rente ihrer Mutter, die sie in der gemeinsamen Wohnung pflegt. Die Mutter stirbt zu Anfang des Films, die Tochter hat das schwer lösbare Problem, die Rentenschecks weiterhin einlösen zu müssen. Ein eigener Job ist nicht in Aussicht, diverse Bewerbungsgespräche bleiben fruchtlos. Fast der gesamte Hausrat ist schon auf dem Flohmarkt gelandet. Kyra wird sich für die Rente in den wandelnden Geist der Mutter verwandeln müssen. Die Scheckbetrügerpolizei glaubt allerdings nicht an Geister.

Ein Film über das Sterben (den Bankrott) der Mittelklasse. In einem merkwürdig zeitlosen Szenario des Flohmarktes. Keine Mobiltelefone, statt dessen altmodische Anrufbeantworter. Und man mag noch so viel über Kryptowährungen sprechen, die Rente kommt in den USA noch immer per Barscheck ins Portemonnaie.

Es ist ein durchaus aufs Große und Allgemeine zielendes Bild der Dauerdepression, dem Michelle Pfeiffer hier ihr Gesicht schenkt, verzweifelter Barbekanntschaftssex mit Kiefer Sutherland als hart schuftendem Taxifahrer eingeschlossen. Die Nähe zum Genre der Gespenstergroteske ist offenkundig.

»Sunset«, Regie: Laszlo Nemes, Ungarn/Frankreich 2018, 142 min; »Wo ist Kyra?«, Regie: Andrew Dosunmu, USA 2019, 99 min, beide bereits angelaufen

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