Helden unserer Zeit
Von Wolfgang Nierlin
In den Jahren 2018/19 führen die Mittdreißiger Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Jerome Daimler (Jannis Niewöhner) eine Fernbeziehung. Während die erfolgreiche Autorin des angesagten Virtual-Reality-Romans »PanoptikumNeu« in Berlin lebt, wohnt der smarte Webdesigner im elterlichen Bungalow in Maintal mit Blick auf die Skyline von Frankfurt am Main. Die Abfolge der Zyklen zwischen Nähe und Distanz mildern und kompensieren sie mit einem regen Austausch von E-Mails. Als Voiceover vergegenwärtigen, strukturieren und dokumentieren diese Texte den Beziehungsverlauf des Paars zwischen Sehnsucht, Unsicherheit und Enttäuschung. In ihnen sind auch jene unangenehmen oder negativen Gefühle angesprochen, die es durch Flucht in die »akute Gegenwart« zu vermeiden gilt. Wenn die beiden eingangs von Anna Rollers Verfilmung von Leif Randts Roman »Allegro Pastell«, für die der Autor selbst das Drehbuch geschrieben hat, nach eigentlich erfüllendem Sex in ihre noch junge Vergangenheit zurückblicken, breitet sich sanft jene Wehmut über verlorene Freuden aus, die sowohl den Roman als auch den Film grundiert.
Als Lebensgefühl der Millennials wurde diese Form der Krise einer fast unmerklich älter gewordenen Generation mitunter umschrieben. Deren Protagonisten, die einem affirmativen, unkritischen Lebensstil zwischen hedonistischer Konsumlust und maximalem Distinktionsgewinn frönen, wissen mit Mitte dreißig noch immer nicht, ob sie sich von ihrer Jugend verabschieden, sich festlegen und eine Familie gründen wollen. Leif Randt hat diesen Zustand der Unentschlossenheit zwischen tendenziell spießiger Behaglichkeit und existentieller Irritation als »distanziert lebensbejahende Zugewandtheit« beschrieben. Vor allem Tanja erlebt diese Angst vor der Festlegung und dem Älterwerden als »apokalyptischen Hangover«. Bezeichnenderweise spitzt sich diese auch emotionale Verunsicherung auf der Feier ihres 34. Geburtstages zu. Während sie in der Folge den Kontrollverlust sucht und sich von Jerome entfernt, programmiert dieser für seine Homepage einen »spirituellen Schutzraum« für »Ruhe und Einkehr«. Beide lassen sich zunächst auf andere Affären ein, bleiben aber miteinander verbunden.
Eine melancholisch-trostlose Verlorenheit kennzeichnet den Film, der auf wenige, präzise Schauplätze und (sexuelle) Begegnungen verdichtet ist. Kühl, distanziert und elliptisch erzählt Roller von einem Liebespaar, das unsicher und unentschlossen zwischen dem Bedürfnis nach persönlicher Unabhängigkeit und der immer dringlicher werdenden Sehnsucht nach dem anderen als Hort von Stabilität laviert. Der Film ist dabei weniger ironisch als der Roman, statt dessen integriert er das popkulturelle Referenzsystem der literarischen Vorlage in die widersprüchlichen, seine Helden mitunter überfordernden Stimmungen. So macht der Film, gleichermaßen zurückhaltend und intensiv, Risse im Selbstbild seiner Figuren erfahrbar und führt sie in seinen besten Momenten in eine moderne Ausweglosigkeit.
»Allegro Pastell«, Regie: Anna Roller, BRD 2026, 100 Min., bereits angelaufen
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