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Kino

Die Macht der Worte

Sandra Hüller erfindet sich neu im Dreißigjährigen Krieg: Markus Schleinzers dritter Spielfilm »Rose«

Foto: Schubert/ROW Pictures/Walker+Worm Film
Was ist Eur zarter Mund? Ein Köcher voller Pfeile: Sandra Hüller als Rose

Lodernde Feuer, verstreute Brandherde, aschgraue Felder. In der Ferne grollt Kanonendonner. Skelette und ein Pferdekadaver füllen das Bild mit barocken Zeichen der Endlichkeit und Gewalt, während eine Erzählerin aus dem Off von dem großen Krieg erzählt, der dreißig Jahre lang das Land verheerte. Im Tonfall einer Chronik berichtet die Stimme von einem Soldaten mit zerschossenem, vernarbtem Gesicht, der nach zehn Jahren dem Soldatenleben den Rücken kehrt, um unter falscher Identität auf einem verfallenen Landgut das Erbe eines toten Kameraden anzutreten. Er wolle sein »Glück versuchen in dieser herrlichen Gemeinde«, sagt der vermeintliche Heimkehrer und geheimnisvolle Sonderling in trockenem Tonfall zu den misstrauisch drein­blickenden Dörflern. Tatsächlich ist der Mann, der in seinem Kampf gegen das noch brachliegende Land bald von zwei Knechten unterstützt wird, eine Frau namens Rose (Sandra Hüller), die in einem entbehrungsreichen Bauernleben nach einer freieren Existenz sucht.

Schon nach einem Jahr voller Disziplin und Verzicht und in der Folge mit ersten Ernteüberschüssen gesegnet, entsteht im Bewusstsein der Heldin der »Wunsch nach mehr«, wie es in Markus Schleinzers nüchtern und konzentriert erzähltem Schwarzweißfilm »Rose« heißt. Auch wenn ihre Identität eine vorgetäuschte ist, so erwächst aus ihren Taten doch eine Wirklichkeit, die nicht minder wirksam ist als jene Worte, die später eine gänzlich anders gelagerte, destruktive Dynamik in Gang setzen. So geht Rose, die einst perspektivlos in einem Waisenhaus aufgewachsen war, eine Zweckheirat mit der jungen Suzanna (Caro Braun) ein. Doch schon auf der nächtlichen Heimfahrt von der Hochzeit bleibt der Planwagen mit der Aussteuer unter strömendem Regen im Dreck stecken. Das unheilvolle Vorzeichen wird schließlich bestätigt, als Rose von Bienen gestochen das Bewusstsein verliert, ihr Geheimnis entdeckt und ihrem »Leben in Betrug und Lüge« der Prozess gemacht wird.

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Dass die Angeklagte, bei ihrer Festnahme mehrfach vergewaltigt, außerdem schwanger vor ihrem Richter (Sven-Eric Bechtolf) erscheint, ist bezeichnend für die Doppelmoral einer Gemeinschaft, die das von ihr abweichende Individuum unnachgiebig bestraft. Angeklagt wird hier – nicht zuletzt im Namen der Religion, deren Liedgut im Film eine wichtige Rolle spielt – ein »unmögliches Leben«, das sich, so der redegewandte Richter, gegen die Notwendigkeit der Wirklichkeit, gegen das Gesetz und deshalb gegen die Gemeinschaft richte. Sie habe »sich selbst erschaffen«, inkriminiert der Ankläger Roses angeblichen Frevel. Diese verteidigt ihren Schritt von der Imagination zu einem erfundenen Leben so: »Ich hab’ gedacht, es geht, dass ich so leben kann. In der Hose war mehr Freiheit.« Und am Ende dieses in der sprachlichen Diktion eigenwilligen, visuell präzise gestalteten Films wird die Verfemte den Gedanken der Selbstermächtigung noch zuspitzen: »Heute hab’ ich gedacht, wir sind gar nicht von Gott. Wir haben uns nur ausgedacht und uns erfunden.«

→ »Rose«, Regie: Markus Schleinzer, Österreich/BRD 2026, 93 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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