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Kino

Die natürliche Tochter

Taxifahren in Tokio: »A Missing Part« von Guillaume Senez

Von Wolfgang Nierlin
Foto: haut et court
Stille Tage in Tokio

Die nächtliche Millionenmetropole erscheint im Rückspiegel eines Taxis als eine vermittelte Welt der Distanz. Taxifahrer Jérôme (Romain Duris), von allen »Jay« genannt, gleitet ruhig und konzentriert durch das Lichtermeer Tokios. Eine schwebende Atmosphäre aus Einsamkeit und schwindender Sehnsucht umgibt seine Nachtfahrten. Jay, der seit vielen Jahren in Japan lebt und die Sprache spricht, scheint gut integriert zu sein. Doch die Fremde hat den französischen Koch nie ganz losgelassen. Mit seinem Äffchen Jean-Pierre lebt er in einem Haus, das er verkaufen möchte, denn die Zeichen stehen auf Aufbruch und ein Gefühl von Verlust und Resignation breitet sich in ihm aus. Jahrelang hat Jay vergeblich nach seiner mittlerweile 12jährigen Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki) gesucht, die ihm von seiner japanischen Frau Keiko (Yumi Narita) entzogen wurde. Doch über die Hintergründe und Umstände seiner Vaterschaft erfährt man in Guillaume Senez’ Film »A Missing Part« (»Une part manquante«) zunächst nichts.

Statt dessen etabliert der belgische Regisseur eine spiegelbildliche Geschichte, in der die Französin Jessica (Judith Chemla) mit Hilfe einer japanischen Anwältin um das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn kämpft. Denn in Japan ist bisher weder dieses noch ein Besuchsrecht für beide Elternteile vorgesehen, was man aber eher nebenbei erfährt. Der dramatische Konflikt und die mit ihm verbundene emotionale Belastung bleiben zunächst Behauptung und wirken deshalb aufgesetzt, da die vom Film eingenommene Perspektive einseitig ist und kaum vertieft wird. Das ändert sich, als Jay eines Tages auf einer Vertretungsfahrt gegen alle Wahrscheinlichkeit tatsächlich seine Tochter trifft, sich ihr aber nicht gleich zu erkennen gibt. Von seinen Gefühlen überwältigt, beginnt er, sie zu verfolgen und zu beobachten. Guillaume Senez inszeniert diese Unsicherheit als behutsame Annäherung, die sukzessive auf einen Konflikt zusteuert.

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Die gemeinsamen Taxifahrten von Vater und Tochter durch die Stadt fungieren dabei als Vehikel für ihre emotionale Reise, die nicht ohne Überraschungen verläuft. Um trotz aller Differenzen das Vertraute im Fremden zu betonen, etabliert Senez mit bekannten filmischen Versatzstücken und einer suggestiven Musikauswahl eine Atmosphäre des Ausgleichs. Die angeschnittene Identitätsthematik des »Halb-Halb-Seins« kommt dabei nur am Rand vor. Angesichts der realen Umstände geht es dem Regisseur mit seinem Film weniger um die Lösung eines rechtlichen Konflikts als um die menschliche Dimension einer verhinderten, aber nicht ohne Trost bleibenden Vater-Tochter-Geschichte.

»A Missing Part«, Regie: Guillaume Senez, Frankreich/Belgien/Japan/USA 2024, 98 Min., bereits angelaufen

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 6. Apr. 2026 um 22:10 Uhr
    Manchmal dümpelt der Film vor sich hin. Dennoch ein sehenswerter Film. Das Ende ist tragisch. Kein Wunder, dass Carlos Ghosn (Renault-Nissan) mit einer ausgetüftelten Finte aus Japan geflohen ist. Denn das dortige Justizsystem ist brutal, willkürlich und völlig undemokratisch. Hört sich dramatisch an, ist aber so. Es gibt unzählige Fälle, wo Polizei und Justiz nach »extremem« Druck, Geständnisse erreicht haben.
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