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Kino

Der Knacks

Dynamik einer Lebenskrise: Nancy Biniadakis Spielfilm »Maysoon«

Von Wolfgang Nierlin
Foto: Grandfilm
Eine schrecklich nette Familie mehr

Zusammen mit seinen minderjährigen ziemlich umtriebigen Kindern Dalia und Malik bildet das unverheiratete Paar Maysoon (Sabrina Amali) und Tobias (Florian Stetter) eine anscheinend ganz glückliche Familie. An einem heißen Sommertag vergnügen sie sich gemeinsam an einem Berliner Badesee. Anderntags bestätigt der übliche Stress am Frühstückstisch, auf dem Weg zu Kita, Schule und Arbeit dieses Bild einer in mehr oder weniger geordneten Alltagsrhythmen verankerten normalen Mittelschichtfamilie. Die Aufgaben und Rollen sind aufeinander abgestimmt. Nancy Biniadaki zeigt das in ihrem genau beobachtenden Film mit geduldiger Ausführlichkeit. Um so schwerer wirkt der Schock, als Tobias, der in einem Architekturbüro arbeitet, an einem Abend nach langem Herumdrucksen seiner Frau gesteht, dass er ein Verhältnis mit seiner Chefin hat. Für die attraktive Mittdreißigerin Maysoon, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, bricht eine Welt zusammen.

Die Dynamik dieses Absturzes ins Haltlose wird von zum Teil überdeutlichen Zeichen markiert, während sich das Ehedrama entwickelt. Von Streit und impulsiven Aggressionen begleitet, gerät auch das Zusammensein mit den Kindern aus dem Gleichgewicht. Maysoon vernachlässigt ihre Kinder, sie funktioniert nicht mehr und fühlt sich verraten, leidet und lässt sich treiben. In ihrem Gefühlschaos verliert die studierte Ägyptologin schließlich ihren Teilzeitjob als Museumsführerin. Dass sie kurz zuvor mit ihrem Fahrrad stürzt, ist ein weiteres offensichtliches Signal ihrer Krise. Die verstärkt sich noch dadurch, dass der Aufenthaltsstatus der in Alexandria geborenen, seit dem »arabischen Frühling« in Deutschland lebenden Exilantin bedroht ist. Maysoon leidet unter Schuldgefühlen gegenüber ihrem im Zuge der damaligen Proteste verstorbenen Bruder und ihrer Familie, die mit ihr gebrochen hat. »Ich hatte ein Leben, und jetzt bin ich ein Fall«, sagt Maysoon zu einer Freundin. Von anderen Bekannten und Unterstützern sagt sie sich, tief verletzt und eigensinnig, los.

Neben der detaillierten Beschreibung eines gewöhnlichen Alltags, dem Verlust persönlicher Koordinaten und den emotionalen Erschütterungen, die schließlich in einem forcierten Ehedrama kulminieren, zeigt die aus Griechenland stammende Regisseurin mit ihrer Titelheldin in oft gedehnten Szenen zugleich ein Netz von Abhängigkeiten. Dieses ist aufgespannt zwischen Maysoons konfliktbeladener Herkunft und ihrer politischen Vergangenheit, einem prekären Aufenthaltsstatus in einem weiterhin fremden Land und der finanziellen Abhängigkeit von ihrem scheidenden Partner. Das emotionale Band zu ihren Kindern sowie der Rückhalt durch die Erfahrungen anderer Exilierter werden schließlich zu entscheidenden Faktoren ihrer erwachenden Unabhängigkeit. »Du musst endlich Frieden finden«, sagt ihre ältere Freundin mit Blick auf Maysoons Vergangenheit; und in die Zukunft gerichtet, ergänzt sie: »Stärke deine Seele!«

»Maysoon«, Regie: Nancy ­Biniadaki, BRD/Griechenland 2025, 121 Min., ­Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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