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22.04.2026
- → Feuilleton
Blut ist dicker als Wasser
Die Faust in der Tasche der Rosenzüchter: Karim Aïnouz’ Spielfilm »Rosebush Pruning«
Wir waren alle faule, mittelmäßige, oberflächliche Egoisten«, sagt der Erzähler Edward Taylor (Callum Turner) aus dem Off über sich und seine sehr reiche Familie, in der niemand arbeitet und sich alle nur für Mode und Musik interessieren. Sechs Jahre zuvor waren die gelangweilten Luxusbürger aus einer Laune heraus von New York nach Spanien gezogen, um unter der katalanischen Sonne und mit Blick auf die tiefblaue Horizontlinie des Meeres dem Nichtstun zu frönen. Ihre gleichgültige Persönlichkeit habe das nicht verändert, meint Ed, der die Stimme und das gesprochene Wort allem Geschriebenen vorzieht und außerdem Rosen liebt. Zusammen mit seinen beiden Brüdern, seiner Schwester und einem tyrannischen Vater lebt er in einer selbstgewählten Isolation, in der Missgunst und Eifersucht, Neid und unterdrückte Gewalt stetig wachsen. Was alle mehr oder weniger vereint, ist unerfülltes sexuelles Verlangen, das sich auf den Ältesten Jack (Jamie Bell) konzentriert. Der sei anders – umsichtiger und aufrichtiger – als der jüngere Robert (Lukas Gage), ein Epileptiker und schwuler Narzisst, und die laszive Anna (Riley Keough).
Inspiriert von Marco Bellocchios subversiver Familientragödie »Mit der Faust in der Tasche« (1965) inszeniert Karim Aïnouz mit seinem neuen Film »Rosebush Pruning« eine absurde Satire über toxische Beziehungen und perverse Machtverhältnisse. Für zynischen Humor und ein gebremstes sadistisches Vergnügen zeichnet hier einmal mehr der griechische Drehbuchautor Efthimis Filippou verantwortlich, der mal subtil, mal drastisch Obszönitäten streut und dabei Tabus konsequent und provozierend unterwandert. Eine motivische Verwandtschaft zu den Filmen seines Landsmanns und Koautors Yorgos Lanthimos – vor allem zu »Dogtooth« – ist offensichtlich. Das Monströse und Makabre der bizarren, inzestuösen Familienrituale ironisiert und kontrastiert Aïnouz mit einer hellen, mitunter grellen Farbigkeit, die nicht nur an seinen vorhergehenden Film »Motel Destino«, sondern auch an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert.
»Menschen sind Rosen. Familien sind Rosenstöcke. Rosenstöcke muss man stutzen«, lautet in Anspielung auf den Filmtitel eines jener absurden, von Ed erfundenen Sprichwörter. Die gewaltsame Selbstauslöschung ist in »Rosebush Pruning« dieser gestörten Familie von Anfang an eingeschrieben. Denn Blut soll nicht nur sexuell »antörnen«, wie es einmal mit Bezug auf Menstruations- und Schafsblut heißt, sondern »befreien«, und zwar »von uns«. Weil der einigermaßen »normale« Jack zusammen mit seiner Freundin Martha (Elle Fanning) den dysfunktionalen Familienkokon verlassen will, kommt eine fatale, unheilvolle Dynamik in Gang, deren erstes Opfer der seit dem angeblichen Tod seiner Frau erblindete Familienpatriarch (Tracy Letts) ist. Der drastische Auftakt zur familiären Selbstzerstörung ist damit gesetzt. Wie lautet doch einer von Eds scheinbar sinnlosen Sinnsprüchen: »Fällt eine Banane runter, ist das egal. Aber fällt eine Melone runter, ist es vorbei.«
»Rosebush Pruning«, Regie: Karim Aïnouz, 97 Min., UK/USA/Italien/Spanien u. a., Kinostart: 23.4.
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